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Auch virtuelle Welten haben Gärten

11.09.1998 - (idw) Fachhochschule Nürtingen

- Student der Fachhochschule Nürtingen entwickelt einen digitalen Garten - Zugang über das INTERNET -

NÜRTINGEN. (schm) Ein kleines grünes Männchen hüpft durch einen wunderschönen Garten, vorbei an Planzen und Sträuchern. Dann bleibt es stehen und betrachtet einen Baum. Kurz darauf kommt eine Tafel zum Vorschein, die den Baum als den Baum der Erkenntnis ausweist, zusammen mit dem entsprechenden Bibelzitat. "Das kleine Männchen hier bin nicht ich, sondern das ist ein Student aus Kanada, der diesen Körper besitzt, wir sehen ihn nun mit meinen Augen". Mirko Ross sitzt schmunzelnd vor einem großen Bildschirm und klickt mit seiner Computermaus auf einen Apfel, der an dem Baum hängt, der vor ihm im Computerbild zu sehen ist. Wieder kommt eine Texttafel zum Vorschein, die die Bedeutung des Apfels mit einem Zitat von René Magritte wiedergibt. Ort des Geschehens ist nicht eine Szene aus einen Science Fiction Film, sondern das Institut für Angewandte Forschung der Fachhochschule Nürtingen. Mirko Ross, der den Computer bedient, studiert hier seit acht Semestern Landespflege.

Bei der Szenerie auf dem Bildschirm handelt es sich um das Ergebnis einer Diplomarbeit, die zur Zeit noch einmalig sein dürfte: Mirko Ross hat einen digitalen Garten entworfen, der multimedial über das INTERNET besucht werden kann. Der Garten erlaubte bereits in der Entstehung, daß Besucher von außen, über das INTERNET, an der Planung beteiligt waren. Mittels einer neuen Technik, der sogenannten "Virtual Reality Modelling Language" (VRML), ist es Mirko Ross gelungen, eine künstliche Welt zu schaffen, in der sich Besucher aufhalten können, sich unterscheiden können und auch kommunizieren können. Immer wieder haben sich andere Studierende von Hochschulen aus allen fünf Kontinenten in die laufende Arbeit von Mirko Ross "eingeklickt", um ihm bei der technischen Umsetzung seiner Gestaltungsideen zu helfen. Die Diplomarbeit ist die erste echte interaktive Diplomarbeit. Neu ist dies auch für die betreuenden Professoren, die die Arbeit nicht auf Papier, sondern auf CD-ROM entgegennehmen mußten. CD-ROM anstatt Papier als Medium, richtig zur Funktion kommt der Garten dagegen nur im INTERNET.

Der Garten wirkt in seiner Darstellung auf das Wesentliche reduziert: Es gibt einen Baum, Hecken, einen Kreuzweg sowie eine Bank - kurz, alle Bestandteile, die auch in einem realen Park vorhanden sein könnten. Das Computerprogramm erlaubt dem Besucher jedoch, in einen Körper zu schlüpfen und sich dann in diesem Körper durch den Garten zu bewegen. Das INTERNET erlaubt dies auch anderen Besuchern, gleichgültig an welchem Ort sie sich befinden. Die Besucher des Gartens sind in der Lage, sich gegenseitig zu sehen und können sich auch Botschaften und Nachrichten über die Tastatur des Computers zusenden. Sich selbst sieht Mirko Ross in diesem Moment nicht, das kleine grüne Männchen ist der Besucher aus Kanada. Der wiederum sieht Mirko Ross, der sich einen menschlichen Körper gewählt hat, in dem er durch den Garten wandelt. Allerdings kann jeder Besucher seinen künstlichen Körper auch verlassen: Wie in einem Film sieht er dann sich selbst und auch die anderen Besucher des Gartens.

Der Computer weiß jederzeit, wo sich die Besucher im Garten befinden. Zu jeder Handlung geschieht dann ein Ereignis: Das grüne Männchen hat zum Beispiel den Baum betrachtet und erhält durch den Rechner Informationen zu diesem Baum. Informationen aus der Geschichte und Gegenwart sind mit den digitalen Bestandteilen des Gartens verknüpft. Damit wird der Garten auch zu einem idealen Lernwerkzeug. Nicht nur das; die Besucher können den Garten verändern, können umgestalten und eigene Planungsideen verwirklichen. Der Garten kann sich ständig verändern. Darin liegt die tatsächliche Innovation. Der digitale Garten ist ein interaktives Instrument, das Landschaftsarchitekten, Planer und Gestalter für Ihre Arbeit nutzen können. So können beispielsweise die beteiligten Büros eines großen Bauprojektes über weite Distanzen gemeinsam planen und entwickeln. Alle Objekte lassen sich verschieben und mehrere Personen können gleichzeitig in einem dreidimensionalen Raum planerisch tätig sein.

Mirko Ross hat jedoch auch einen kulturgeschichtlichen Ausgangspunkt für seine Diplomarbeit gewählt. Jede Epoche der menschlichen Kulturgeschichte habe sich auch in der Gestaltung ihrer Gärten abgebildet, so der Nürtinger Student. Im Mittelalter waren die Gärten Sinnbilder der Fruchtbarkeit, entsprechend der christlichen Mythologie. Während des Barock waren die Gärten ein Zeichen für die zentrale Stellung des Königs, was man heute noch an den Gärten des Versailler Schlosses sehen kann. Später, während der Industrialisierung, wandelte sich auch das Bild der Natur und der Hang zur Romantik wurde in der Gestaltung der Gärten sichtbar. Heute nun befindet sich die Menschheit in der Informationsgesellschaft. "Jede Gesellschaft bekommt den Garten, den sie verdient", sagt Mirko Ross, "und die Informationsgesellschaft braucht einen digitalen Garten".

Den Nutzen des Gartens sieht Ross zum einen für alle planerischen Aufgaben und planerischen Berufe. Die Technik, die er jedoch für seine Arbeit angewendet hat, wird vor allem als Plattform für alle Produktpräsentationen im INTERNET interessant sein. Ein Markt der explosionsartig wächst. Der digitale Garten ist das einzige nichtkommerzielle System in Deutschland, das öffentlich zugänglich ist. Dies will Mirko Ross auch für sich nutzen. Seit kurzem hat sich der "Noch-Student" mit einem Kommilitonen selbständig gemacht und bietet nun seinen Kunden Internetdienste unter anderem im Bereich der Landschaftsinformatik an. Wer den digitalen Garten besuchen will, braucht nicht mehr als einen Computer mit INTERNET-Zugang und der entsprechenden Software, die auch über das Netz zu bekommen ist. Unter der Adresse "www.fh-nuertingen.de/~garden/" ist der Zugang möglich. Betreut wird die Arbeit von den Professoren Dr. Siegfried Gaß und Dr. Karl-Josef Durwen.

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