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Mann des Aufbruchs auf der Suche nach Wahrheit

22.10.1998 - (idw) Universität Dortmund

Der Dortmunder Theologe Paul Schwarzenau hat am 19. September seinen 75. Geburtstag gefeiert. Heute (22.10.1998) ehrt ihn die Universität Dortmund mit einer akademischen Feierstunde.

Der Jubilar, Emeritus im Fach Evangelische Theologie der Universität Dortmund, wird Grußworte vom heutigen Fachsprecher Prof. Dr. Hans Grewel, von Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Klein und vom Dekan des Fachbereichs 15, Prof. Dr. Thomas Ruster hören. Den Festvortrag zum Thema "Religionen als Wertgedächtnis der Menschheit - über die Entstehung der globalen ethischen Verantwortung" hält, wie Rektor Klein besonders erfreut feststellt, ein Theologe der mit der Uni Dortmund in einem europäischen Netzwerk eng kooperierenden Unniversität Joensuu, Finnland. Es ist Prof. Dr. Reijo E. Heinonen.

Die Fachkollegen haben dem 75-jährigen Theologen eine Festschrift zusammengestellt, die sich ebenfalls dem Haupt-Thema Paul Schwarzenaus befaßt. Titel: "Alle Wasser fließen ins Meer. Die grenzüberschreitende Kraft der Religionen". Selbstverständlich wird Paul Schwarzenau bei der Feier, zu der Studierende des Fachs einen guten musikalischen Ton beitragen, auch selbst sprechen.

Das Leben und das Werk Paul Schwarzenaus sind in folgenden - stark gekürzten - Text seines jüngeren Kollegen Hans Grewel gewürdigt:

Paul Schwarzenau ist ein Mann des Aufbruchs

Das einzige, das in seiner wechselvollen Lebensgeschichte beständig zu sein scheint, sind seine unstillbare Neugier, seine Leidenschaft zum Verstehen, die existentielle Konsequenz seines Denkens und die nie versiegende Bereitschaft, neue Wege zu erproben. Schon seine erste größere Arbeit, die 1951 verfaßte, aber erst 1997 veröffentlichte Preisarbeit über "Das Messiasproblem bei Martin Buber. Eine Studie zur Geschichte des Judentums", läßt erahnen, was diesen freien Denker sein Leben lang be-schäftigen wird: das Wissen darum, daß keine Religion die ganze Fülle der Gottheit zu bergen (oder gar zu verwalten) vermag. Denn hinter aller Offenbarung waltet ein Geheimnis, das dem Menschen nur über die geschichtliche Vermittlung bedeutsamer Erfahrungen zugänglich wird, sich aber vor dem einfältigen, zupackenden Drängen des Verstandes verschließt. Die Frage nach den Ursprüngen des Christentums hat Schwarzenau bis in die Jahre nach seiner Emeritierung in Dortmund nicht mehr losgelassen.

Nach wenigen Jahren im Gemeindepfarramt in Hemer hat Schwarzenau als Studentenpfarrer in Dortmund in den Jahren vor 1970 die unruhigen Zeiten des Umbruchs und der Hochschulreform durchlebt. Mit fünfzig Jahren, in einem Alter, in dem manche beginnen, an ihren Ruhestand zu denken, wurde Paul Schwarzenau als Professor an die Pädagogische Hochschule Ruhr, Abteilung Dortmund [später Universität Dortmund], berufen - für die biblischen Fächer.

Damit sah sich Schwarzenau auf einen Weg gebracht, der ihn schnell über die Grenzen der Bibelwissenschaften hinausführen sollte. Eine Vorlesung über "Wendepunkte der Weltgeschichte" im Sommersemster 1972, an der alle (!) Kollegen des Faches Evangelische Theologie in Dortmund als Hörer und Gesprächspartner teilnahmen, eröffnete eine einzigartige Entdeckungsreise in die Religionsgeschichte, die sich an seinen Lehrveranstaltungen wie in einem Musterbogen nachlesen läßt: "Religionspsychologie und -soziologie", "die großen Weltreligionen", "das religiöse Geschichtsdenken Rosenstock-Huessy's", "Veda - Bibel - Koran", "Grundtypen religiöser Erfahrung", "Paulus und die Bhagavadgita", "Buddhismus und Christentum", "neue spirituelle Bewegungen", "Judentum und Christentum im Dialog am Beispiel Martin Bubers", "Hinduismus und chinesischer Universismus", "der Mensch als symbolisches Wesen am Beispiel des göttlichen Kindes", "Grundfragen des Religiösen - Ursprung der Religionen - Stammesreligionen", und zuletzt: "Das Christentum auf dem Hintergrund der Religionsgeschichte". Für diese Entdeckungsreise hat Schwarzenau Sanskrit gelernt, später Arabisch.

Die westfälische Kirchenleitung, die aufgrund der staatskirchenrechtlichen Vorgaben für die Theologie in Dortmund Mitverantwortung trägt, mag es nicht gerade gerne gesehen haben, daß Paul Schwarzenau sich dem "Bund für freies Christentum" angeschlossen hat. Aber er war auch manchem "freien Christen" zu liberal, zu selbständig, zu eigenwillig. Ähnliches wiederholte sich in der "Christlich-islamischen Gesellschaft", zu deren Gründern er gehört. Vielen geht er zu weit, wenn auch aus verschiedenen Perspektiven.

Die Kollegen und die Studierenden in Dortmund haben sich mitreißen lassen von der Kraft seiner Persönlichkeit und seiner Erzählungen. Sein überragendes Wissen brachte und bringt ihn immer wieder in die Rolle des Belehrenden. Es war nicht ungewöhnlich, daß in seinen Seminaren die Studierenden einer nach dem anderen den Stift aus der Hand legten, weil sie dem Höhenflug seines Vortrages nicht mehr folgen konnten. Unbestritten ist, daß wir alle ihm wesentliche Anregungen verdanken. Mehr noch, er hat uns angestiftet, uns nicht zufriedenzugeben mit althergebrachten Sichtweisen und Denkgewohnheiten, uns hinauszuwagen in ungesichertes Gelände, im Vertrauen darauf, daß die Wahrheit doch nicht verborgen bleiben kann.

Vielleicht ist diese Wahrnehmung überhaupt die wichtigste, wenn wir Paul Schwarzenau verstehen wollen. Sein ganzes Denken und Leben als theologischer Lehrer und Religionsforscher erwächst aus Erfahrung. Das ist noch relativ leicht nachzuvollziehen, wenn wir seine Begegnung mit den anderen großen Religionen nachzeichnen. Es ist nicht theoretisches Interesse, das sein Forschen über den Islam oder über die asiatischen Religionen leitet. Er ist auch frei von dem apologetischen Zwang, unter allen Umständen die Wahrheit, oder richtiger: die Überlegenheit, der eigenen Religion erweisen zu müssen. Er sucht die Begegnung. Begegnung kann nur gelingen, wenn man bereit ist, sich zu verlassen, Sicherheit aufzugeben. Schwarzenau geht diesen Weg im Vertrauen darauf, daß nur im Sich-Einlassen ein Verstehen des anderen möglich ist. Er geht diesen Weg in einer Art prophetischer Stellvertretung bis an die Grenze der Konversion und kehrt dann zurück in seine Heimatreligion als einer, der auf dem Weg zu den anderen, auf dem Weg der anderen - Gott erfahren hat.

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