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Kreatives Schreiben und traditioneller Aufsatzunterricht

02.11.1998 - (idw) Universität Augsburg

Die Forschungsergebnisse des Augsburger Lehrstuhls für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur sind bislang an sehr verstreuten Orten erschienen. Um das Profil des Lehrstuhls deutlicher zu dokumentieren, ist jetzt eine eigene Schriftenreihe "Augsburger Studien zur Deutschdidaktik" (Wißner-Verlag) gegründet worden. Sie erscheint im Augsburger Verlag Dr. Wißner, Herausgeber ist der Inhaber des Augsburger Deutschdidaktik-Lehrstuhls, Prof. Dr. Kaspar H. Spinner. Der erste Band - "Traditioneller Aufsatzunterricht und kreatives Schreiben. Eine empirische Vergleichsstudie" von Claudia Winter - ist eben erschienen. Es handelt sich um die Dissertation einer ehemaligen Mitarbeiterin am Lehrstuhl, die inzwischen an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen tätig ist.

Das kreative Schreiben ist eines der didaktischen Konzepte, die in den letzten Jahren für den Schreibunterricht in der Schule entwickelt worden sind, um der Unzufriedenheit mit den tradierten Formen des Aufsatzunterrichts abzuhelfen. Für viele Lehrerinnen und Lehrer ist das kreative Schreiben inzwischen zu einer Entdeckung geworden, und zwar als ein Weg, den Kindern und Jugendlichen Freude am Schreiben zu vermitteln und ihre Phantasie anzuregen. Aber werden die Schülerinnen und Schüler bei einem solchen Unterricht auch angemessen in ihrer Schreibkompetenz gefördert?

Claudia Winter hat die Schreibfähigkeiten von Schülerinnen und Schülern am Ende des 4.Schuljahres untersucht, nachdem sie 4 Jahre lang entweder nach der Konzeption des kreativen Schreibens oder nach der traditionellen Aufsatzdidaktik unterrichtet worden sind. Die Klassen, die kreativen Schreibunterricht erhalten haben, stammen aus dem Raum Aachen - in Bayern ist ein solcher Unterricht bislang mit dem Lehrplan nicht vereinbar.

Das Ergebnis der Untersuchung zeigt, dass die Klassen, die ausschließlich nach dem Prinzip des kreativen Schreibens unterrichtet worden sind, weniger gut abschneiden als die anderen Klassen. Das beste Ergebnis zeigt eine Klasse, deren Lehrerin einen kombinierten methodischen Ansatz umgesetzt hat (kreatives Schreiben und traditioneller Aufsatzunterricht). Dieses Gesamtergebnis gibt allerdings nur eine allgemeine Tendenz an. Noch aussagekräftiger sind die Ergebnisse im Einzelnen, weil sie sehr deutlich einen Zusammenhang zwischen Aspekten der Schreibfähigkeit (z. B. Textkohärenz herstellen können, komplexe Satzstrukturen verwenden, inhaltliche Ideen haben ...) und der Art des Unterrichts deutlich machen. Dabei haben sich selbst bei den Klassen, die nach der gleichen Grundkonzeption unterrichtet worden sind, deutliche Unterschiede gezeigt, die mit der Vorgehensweise im Unterricht zusammenhängen.

"Solche Forschungsarbeiten", so Spinner, "die die Wirkung von längerfristigen Lernprozessen untersuchen - die also nicht nur erheben, ob am Ende einer Unterrichtseinheit die Lernziele erreicht worden sind -, haben in der Didaktik leider noch Seltenheitswert; sie sind ausgesprochen aufwendig, aber wichtig für eine Didaktik, die nicht dabei stehen bleiben will, Unterrichtsmethodik theoretisch abzuleiten oder gar nur bestehende Praxis fortzuschreiben. Verantwortbares Lehren erfordert, dass man etwas weiß über die Wirkung von verschiedenen Vorgehensweisen im Fachunterricht."

Als nächster Band für die "Augsburger Studien zur Deutschdidaktik" ist eine Untersuchung zum Rechtschreibunterricht geplant; das ist ein Bereich, in dem sich in der Unterrichtspraxis besonders hartnäckig Methoden halten, die nach neuen lernpsychologischen Einsichten nicht mehr vertretbar sind.

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Claudia Winter, Traditioneller Aufsatzunterricht und kreatives Schreiben. Eine empirische Vergleichsstudie (= Augsburger Studien zur Deutschdidaktik, Bd. 1), Verlag Dr. Wißner, Augsburg 1998, 355 Seiten, DM 59,-, ISBN 3-89639-119-4
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Kontakt:
Prof. Dr. Kaspar H. Spinner
Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur
Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon: 0821/598-2789
e-mail: kaspar-h.spinner@phil.uni-augsburg.de
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