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Hitler-Attentat: Die Bombe explodierte zehn Minuten zu spät

09.11.1998 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Die Bombe explodierte zehn Minuten zu spät
Vor 59 Jahren versuchte der Schreiner Johann Elser ein Attentat auf Adolf Hitler

Dutzende Schulen und Straßen sind nach ihm benannt, und jedes Jahr am 20. Juli wird in Hunderten von Feierstunden an ihn erinnert: an den Wehrmachtsobersten Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler versuchte und noch am gleichen Abend "standrechtlich" erschossen wurde. Zahlreiche andere Widerständler aus seinem Kreis, darunter auch sein Bruder Berthold, wurden in den folgenden Monaten hingerichtet.

Auch die Mitglieder der "Weißen Rose", eines Kreises Münchner Studenten, die von 1942 an Flugblätter gegen Hitler verteilt und Anti-Nazi-Parolen an die Wände der Universität gemalt hatten, können sich ähnlicher Wertschätzung erfreuen. Hans (damals 25 Jahre alt) und Sophie Scholl (22) wurden gemeinsam mit ihrem Freund Christoph Probst (24) am 18. Februar 1943 verhaftet, bereits vier Tage später verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet. Andere Mitglieder der Gruppe, darunter der Psychologie-Professor Kurt Huber, folgten in den Wochen und Monaten darauf.

Johann Georg Elser hingegen ist fast vergessen. Keine Schule und keine Straße erinnert an ihn, nur ein Platz in Konstanz trägt seinen Namen. Besonders beschämend: Nicht einmal bei der "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" in Berlin (im Internet unter http://www.kulturbox.de/gdw/biographien/biogs-namen-d.htm) scheint man ihn zu kennen. Vielleicht deshalb, weil er "nur" ein Mann aus dem Volke, ein einfacher Schreiner war? Dabei hat Elser am 8. November 1939, rund zwei Monate nach Kriegsbeginn, ein Attentat auf Hitler versucht, das jedoch mißlang. Er ganz allein, keiner half ihm dabei.

Die Geschichte des aufrechten Schreiners wird am Dienstag, dem 10. November 1998 - genau 59 Jahre und zwei Tage nach dem Attentat - Thema der Antrittsvorlesung des Politikwissenschaftlers und Privatdozenten Dr. Lothar Fritze sein. Sein Vortrag "Das Attentat auf Hitler vom 8. November 1939" beginnt um 19 Uhr im Uniteil Wilhelm-Raabe-Str. 43, Raum 206. Gäste sind, wie immer, willkommen, der Eintritt ist selbstverständlich frei.

Elser, 1903 geboren, stammte aus einer württembergischen Arbeiterfamilie. Er wurde Schreiner, arbeitete auch eine Zeitlang in einer Uhrenfabrik. Der politisch links stehende Elser war schon vor 1933 ein entschiedener Hitlergegner, aber auch ein Einzelgänger. Nach dem Münchner Abkommen von 1938 - darin stimmten England, Italien und Frankreich zu, daß die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten mußte - kam er zu der Überzeugung, daß nur gewaltsamer Widerstand das NS-Regime stürzen und den nächsten Weltkrieg verhindern könne.

Für sein Attentat hatte Elser sich den Saal des Bürgerbräukellers in München ausgesucht. Dort, so wußte er, würde Hitler, wie jedes Jahr, am 8. November 1939 eine große Rede halten - zum Andenken an den gescheiterten Putsch, den er und seine Anhänger gemeinsam mit dem Weltkrieg-I-General Erich Ludendorff am 8. und 9. November 1923, auf den Tag genau vier Jahre nach Ausrufung der deutschen Republik, versucht hatten. Zu diesen Reden waren besonders viele fanatische Nationalsozialisten, unter ihnen viele Putschteilnehmer, dazu ein Großteil der Nazi-Prominenz, zugegen. Elser wußte auch, daß Hitler gegen halb neun Uhr abends mit seiner Rede beginnen und gegen zehn Uhr fertig sein würde. Insgesamt etwa 35mal hatte er sich seit August 1939 nachts in den Saal einschließen lassen und in eine Säule in Hitlers Nähe eine Zeitzünderbombe eingebaut, die er auf 21.20 Uhr eingestellt hatte. Doch ausgerechnet an diesem 8. November kam traf Hitler bereits um Punkt acht Uhr ein und verließ den Raum um zehn Minuten nach neun. Die herabstürzende Decke tötete acht "Alte Kämpfer" und verletzte mehr als sechzig weitere.

Bereits kurz nach dem mißglückten Anschlag wurde Elser an der schweizerischen Grenze gefaßt und in das Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er unter dem Decknamen "Eller" gefangengehalten wurde. Man wollte im zunächst nicht glauben, daß er das Attentat völlig allein durchgeführt hatte und vermutete als Drahtzieher den britischen Geheimdienst. Dennoch ließ man Elser leben, vermutlich, weil man glaubte, doch noch Beweise für eine Geheimdienstbeteiligung zu finden oder weil man ihn nach dem "Endsieg" in einem großen Schauprozeß verurteilen wollte. Als auch die fanatischten Nazis einsehen mußten, daß der Krieg nicht zu gewinnen war, holte Gestapo-Chef Heinrich Müller von Hitler die Erlaubnis ein, "Eller" zu ermorden - doch selbst daß sollte noch verschleiert werden: Er ordnete an, Elser sei "bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München und Umgebung ... tödlich verunglückt." Weiter heißt es: "Ich bitte, zu diesem Zweck "Eller" in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren." Und er diktierte dem Lagerkommandanten von Dachau auch gleich, wie die Vollzugsanzeige an ihn zu lauten habe: "Am .... anläßlich des Terrorangriffs auf ... wurde u. a. der Schutzhäftling Eller tödlich verletzt."

So geschah es auch: Am 9. April 1945, einen Monat vor Kriegsende, wurde Elser im KZ Dachau ermordet.

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