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Kammerchor der Universität Dortmund: Ensemble hat seit 20 Jahren einen guten Klang

10.11.1998 - (idw) Universität Dortmund

Die Universität Dortmund feiert am kommenden Sonntag (15.11.1998) das 20jährige Bestehen ihres Kammerchors. Das Ensemble hat unter der Leitung von Prof. Dr. Willi Gundlach seit langer Zeit einen ausgezeichneten Ruf. Aufführungen in der Region wie auf internationaler Bühne, etliche CD-Aufnahmen und Rundfunkkonzerte beweisen das hohe Können des etwa 40köpfigen Ensembles. Wie anders als mit einem Konzert kann das Jubiläum begangen werden?


Festkonzert zum 20jährigen Jubiläum
Prof. Dr. Willi Gundlach, Gründer und Leiter des Kammerchors der Universität Dortmund Am Sonntag werden um 17 Uhr in der Bonifatiuskirche in der Dortmunder Gartenstadt das "Te Deum" von Benjamin Britten, die Mendelssohn-Motette "Warum toben die Heiden", die Bach-Motette "Jesu, meine Freunde" sowie Leonhard Bernsteins "Chichester-Psalms" einen Eindruck von der Reife des Chores und der aus ihm erwachsenen Solisten geben.

Ein Vorkonzert ist am Samstag um 20 Uhr in der Heilig-Kreuz-Kirche von Castrop-Rauxel zu hören.

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Rektor würdigt Wirken des Kammerchors

Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Klein würdigte den Chor anläßlich des Jubiläums unter anderem mit folgenden Worten:

"Mit dem Kammerchor der Universität hat unsere Dortmunder Hochschule seit nunmehr 20 Jahren einen besonders guten Klang. Prof. Dr. Willi Gundlach, Musikwissenschaftler und Pädagoge, über Jahrzehnte hinweg Leiter zahlreicher Chöre, hat den Kammerchor 1978 noch in der Pädagogischen Hochschule Ruhr gegründet.

Mit einer Auswahl besonders begabter Sängerinnen und Sänger sollte neben dem großen Hochschulchor ein Ensemble entstehen, daß heute international einen Namen hat. Das Repertoire seiner Konzerte reicht von Kantaten und Motetten der Renaissance- und Barockzeit über die Liedkunst der Romantik bis hin zu vielschichtigen Chorsätzen der Moderne.

Die Aufführungen des Kammerchors zeichnen sich durch ihre Qualität aus, die in vielen Einladungen zum Ausdruck. So gestaltete er beispielsweise 1997 das Schlußkonzert zum großen 'Fanny Hensel Kongreß' in Berlin, eben weil er sich wie kein anderer Chor um die Entdeckung und Interpretation der Kompositionen dieser Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy verdient gemacht hat.

Die Geschichte des Kammerchors ist auch eng verbunden mit 'Campus cantat', den inzwischen sieben Internationalen Musikwochen der Universität. Bei dieser Gelegenheit verstärkt sich die Mehrzahl der Kammerchormitglieder immer wieder mit Sängerinnen und Sängern aus unseren Partnerhochschulen in vielen Ländern und Kontinenten, um jeweils ein großes Oratorium einzustudieren und mehrfach aufzuführen. Der Kammerchor ist hier der wichtigste Knotenpunkt eines weltoffenen Netzwerks, das uns Gelegenheit gibt, gemeinsam mit den beteiligten Hochschulen neben der Forschung und Lehre auch die Kunst zu pflegen.

20 Jahre Kammerchor, das ist schließlich auch ein Beispiel, wie die Universität in einem kreativen Kontakt bleiben kann mit ihren Absolventen und - was den Chorleiter betrifft - ihrem Emeritus Willi Gundlach. Im Kammerchor wirken Sängerinnen und Sänger mit, die schon vor Jahren ihr Studium abgeschlossen haben und inzwischen als Musikpädagogen oder in anderen Berufen arbeiten. Sie haben in den letzten Jahren das Ensemble geprägt, den hohen Standard der Darbietungen erreicht. Aber der Chor lebt genauso durch das Nachwachsen der heute Studierenden, die ebenfalls einstimmen und neue Initiativen entfalten."

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Der nachfolgende Beitrag von Prof. Dr. Willi Gundlach beleuchtet die Geschichte des Ensembles:

Die Arbeit des Kammerchores
in den letzten 20 Jahren

Kürzlich fiel mir ein Foto des Chores aus dem Jahre 1996 in die Hände. Das Ensemble steht in seiner Konzertkleidung vor einer Kirche, alle schauen fröhlich in die Kamera, die einen etwas offenherziger, die anderen mehr distanziert. Es bietet sich ein Bild, das man gerne anschaut. Aber: von den 39 Mitgliedern sind heute, zwei Jahre später, 11 nicht mehr dabei.

Das ist sehr bedauerlich, aber nicht ungewöhnlich. Im Durchschnitt verlassen pro Jahr 5 bis 6 Personen den Chor, und wir achten darauf, daß ungefähr ebenso viele neu dazukommen. Diese Fluktuation kann bei einem Universitätschor nicht überraschen, aber unproblematisch ist sie nicht. Schließlich erschöpft sich die Besonderheit eines Vokalensembles nicht darin, daß alle richtig und sauber singen, sondern sie prägt sich in einem unverwechselbaren Klang aus, der ihn von allen anderen unterscheidet und dieser muß immer wieder aufs Neue hergestellt werden. Er ist das Resultat aller Komponenten, die die musikalische Arbeit prägen. Die Bemühung darum hört nie auf, neue Mitglieder müssen in diesen Klang integriert werden, sie gleicht dem Balancieren einer Pyramide auf ihrer Spitze.

Da dieses Klangideal nicht zuletzt durch die Auswahl der Programme geformt wird und durch die Art und Weise, wie man sie erarbeitet, soll noch einiges über diese Fragen, so, wie sie sich dem Kammerchor stellen, gesagt werden.

Der Spagat zwischen kammermusikalischen
und oratorischen Werken

Mit der Bezeichnung "Kammerchor" ist weniger die Begrenzung auf eine bestimmte Zahl der Mitwirkenden gemeint als ein bestimmtes kammermusikalisches Klangideal. Dies wird vornehmlich an kleinformatigen Chorliedern geschult. Vorbildlich dafür sind etwa Gesänge von Brahms, Schumann, Distler, - um nur einige zu nennen, um die wir uns immer wieder bemühen - aber auch Volksliedbearbeitungen oder einstimmige Melodien.

Für solche Musik braucht man einen schlanken durchsichtigen Klang, eine große Elastizität der Linienführung und große Tonreinheit. Meist ist diese Musik ganz unbegleitet, das Ensemble ist völlig auf sich angewiesen. Wir suchen diese Ansprüche noch zu steigern, indem wir immer wieder eine möglichst große Aufspaltung der Stimmen anstreben, etwa zur Achtstimmigkeit oder durch solistische Ensembles aus dem Chor.

Bei vielen Aufführungen haben wir immer wieder darauf geachtet, daß die verschiedenen Epochen mit ihren jeweiligen stilistischen Besonderheiten im Blick bleiben: Renaissance und Barock - z.B. Monteverdi, Haßler, Scheidt und natürlich immer wieder die Bachschen Motetten als ein Höhepunkt abendländischen Musizierens - das 19. Jahrhundert mit seinen ganz anderen Anforderungen in Ausdruck, Harmonik und Dynamik sowohl in ihren weltlichen wie geistlichen Werken - etwa von Brahms, Mendelssohn, Schumann - und schließlich unser Jahrhundert - neben Hugo Distler etwa Britten, Dallapiccola, Penderecki - die uns vor ganz andere Probleme stellen.

Auf der anderen Seite wollen wir nicht an dem ungeheuren Reichtum der größer besetzten Werke - ich nenne sie hier pauschal "oratorisch" - vorübergehen, allerdings versuchen wir dabei alles das einzubringen, was uns der Umgang mit den kammermusikalischen Werken beschert: Durchsichtigkeit des Klangbildes, Elastizität der Linien, Sprachgenauigkeit und Beweglichkeit. Das erlaubt uns, auch solche Werke mit ca. 40 SängerInnen darzustellen, die üblicherweise weitaus größeren Chören vorbehalten sind. Bei den Werken des Barock, also Händels "MESSIAS" und Bachs großen Passionen und der "h-MOLL-MESSE" ist die kleinere Besetzung einleuchtend und setzt sich heute immer mehr durch. Die h-Moll-Messe mit ihren ausgedehnten virtuosen sechs- und achtstimmigen Partien ist von großer Schwierigkeit, die an ein kleines Ensemble höchste Ansprüche stellen. Ähnlich verhält es sich mit Mozarts "Messe in c-Moll".

Ganz andere Probleme stellen sich bei Werken unseres Jahrhunderts. Bei Arthur Honeggers Oratorium "König David" haben wir die ganz selten gespielte erste Fassung für eine kleine Orchesterbesetzung aufgeführt. Sie paßt mit ihrer oft herben Linienführung, die die hymnischen Partien unverstellt zur Geltung kommen läßt, ausgezeichnet zu unserem Stil. Kurt Weills Schulopern "Der Jasager" und "Down in the Valley" sind einem studentischen Ensemble wie auf den Leib geschrieben, und deshalb hat uns auch die Kurt-Weill-Foundation, die weltweit über die richtige Darstellung der Werke des Komponisten wacht, die Aufführung mit anschließender CD-Aufnahme anvertraut.

Dieser Spagat zwischen der ganz intimen, kleinformatigen Musik und den Werken mit großer Besetzung ist durchaus nicht leicht. Die Umstellung von dem einen zum anderen Aufführungsstil verlangt oft viel Kraft, man muß immer wieder ins kalte Wasser springen. Aber der Gewinn lohnt sich, der Horizont weitet sich ganz enorm und das ist es, was junge Leute brauchen und wozu ein universitärer Chor verpflichtet ist.

Konzertreisen, Rundfunk, CDs

Wenn ein Ensemble längere Zeit miteinander arbeitet - und 20 Jahre sind in diesem Sinne schon sehr viel - dann wird offenbar, daß die üblichen freundschaftlichen Beziehungen nicht ausreichen, um den Zusammenhalt der Gruppe zu sichern. Die einzige Kraft, die auf Dauer alles zusammenhalten kann, ist die Musik selber. Die gemeinsame Arbeit an den Werken - und das mit anspruchsvollster Zielsetzung - ist der Punkt, auf den sich alles konzentriert. Die Mittel, die vor lähmender Routine zu schützen sind: besondere Vorhaben zu finden, um die es sich lohnt, zu arbeiten, Neuartiges in den Blick zu nehmen, dessen Realisierung mit Unwägbarkeiten verbunden ist, bei dem immer ein Stück Abenteuer mitschwingt.

In diesem Sinne sind alle Konzerte außerhalb der vertrauten Umgebung - der Universität, der Stadt Dortmund - immer risikoreich: das Ensemble ist dem Publikum fremd, der Konzertraum ist dem Chor unvertraut. Dazu kommt meist ein ungewöhnlich großer organisatorischer Aufwand. Wir haben in den zurückliegenden Jahren durchschnittlich jedes Jahr eine Konzertreise unternommen. Nur einige sollen genannt werden:

Italien 1989 mit Mozarts "Requiem", wobei die eindrucksvollste Aufführung für uns zweifellos im Dom zu Pisa stattfand, wo uns ca. 7000 Besucher zuhörten.
In Frankreich waren wir inzwischen dreimal, weil wir an mehreren sommerlichen Festivals in Rouen und Fécamp und in Amiens mitwirkten und von unseren Gastgebern immer wieder eingeladen wurden (Händels "Messias", Bachs "h-Moll-Messe", Mozarts "c-Moll-Messe").

Prag war für uns eine besondere Herausforderung, weil wir zum einen ein geistliches Konzert in einer der schönen alten Innenstadtkirchen gaben und zum anderen in der historischen Aula unserer Partner-Universität ein sehr erfolgreiches Konzert mit weltlicher Chormusik hatten.
Ein herausragendes Erlebnis war auch die Teilnahme am INTERNATIONALEN BERGEN-FESTIVAL in Norwegen, wo wir in der Domkirche ein Konzert mit Werken von Distler, Kodaly und Bernstein (Chichester-Psalms) musizierten.

In Schottland besuchten wir die Partner-Universität GLASGOW und veranstalteten Konzerte im Lande und gemeinsam mit dem Kammerchor der Uni Glasgow.

Rundfunkaufnahmen haben wir fast jährlich gehabt, in der letzten Zeit wurden sie mehr durch CD-Aufnahmen abgelöst. Beiden gemeinsam ist, daß man vor Mikrophonen arbeitet, die das Erklingende nüchtern filtern: Einzelheiten werden schonungslos aufgezeichnet, das Atmosphärische dagegen, das z.B. einem Life-Konzert das unnachahmliche Flair gibt, wird weitgehend ausgespart. Das ist ein hartes, aber heilsames Training, es erfordert höchste Konzentration und ist damit bestens geeignet, die Leistung zu steigern und langweilige Routine gar nicht erst entstehen zu lassen.

CAMPUS CANTAT

Der Kammerchor wirkt auch an den Internationalen Musikwochen der Universität Dortmund "CAMPUS CANTAT" maßgeblich mit. Alle zwei Jahre werden Mitwirkende aus vielen Partner-Universitäten in der ganzen Welt nach Dortmund eingeladen, um mit unseren Sängerinnen und Sängern gemeinsam ein großes Chorwerk einzustudieren und aufzuführen. Die letzten drei waren: J. Brahms: "EIN DEUTSCHES REQUIEM" (1993), F. Mendelssohn: "ELIAS" (1995) und G. Verdi: "REQUIEM" (1997). In diesen Musikwochen kommt es immer zu intensivem musikalischen und menschlichen Austausch, die Teilnehmer sind oft von weit her angereist - z.B. aus Israel, Südafrika, den USA und aus vielen europäischen Ländern. Der so entstandene Chor von ca. 120 jungen Stimmen bringt erstaunliche Leistungen zustande und wir konzertieren immer auch - neben dem großen Schlußkonzert in Dortmund - außerhalb: unvergessen das DEUSCHE REQUIEM in der Friedenskirche zu Potsdam, der ELIAS bei der holländischen Partner-Uni in Enschede, Verdis REQUIEM in der Kathedrale zu Brüssel. Die Universitätskirche Münster ist für uns daneben zum regelmäßigen und besonders beliebten Aufführungsort geworden.

Uraufführungen

Eine letzte Anmerkung soll dem Problem von URAUFFÜHRUNGEN gelten. Es ist immer ein besonderes Abenteuer, Stücke aufzuführen, die noch nie vorher erklungen sind, für deren Darstellung es kein Vorbild gibt. Von dem Dortmunder Komponisten, Chorleiter und Kirchenmusiker GERHARD TRUBEL konnten wir zwei geistliche Werke aus der Taufe heben, die den unverwechselbaren Stil des Urhebers zeigen: intensiver Chorklang, aparte Instrumentierung, herbe, aber nicht zu moderne Harmonik.

KERSTIN THIEME schrieb für uns drei Motetten auf Gedichte von Nelly Sachs für Solosopran und fünf- bis achtstimmigen Chor, die anläßlich der Nelly-Sachs-Preisverleihungen der Stadt Dortmund uraufgeführt wurden. Das sind Stücke, die ein großes Maß an Modernität besitzen, dabei aber ungemein vokalgerecht und ausdrucksstark komponiert sind und deshalb von allen Mitwirkenden sehr geliebt werden. Als wir nach der Vereinigung Deutschlands Kontakt zu den Hochschulen in Leipzig und Potsdam bekamen, haben wir dort zwei witzige und klangschöne Chorzyklen von K.O. TREIBMANN (Leipzig) und G. EISENHARDT (Potsdam) mit großem Vergnügen aufgeführt. Eisenhardt hat gerade drei Eichendorff-Chöre für uns komponiert, die im nächsten Sommer zur Uraufführung kommen.

Schließlich soll an unseren langjährigen Freund Dr. JAMES MABRY III. erinnert werden, der für uns die unverwüstlichen Stephen-Foster-Gesänge arrangierte, die dann auch zu unserer ersten CD-Einspielung führten.

Weitere Höhepunkte in unserer Arbeit?

Sicherlich die Zusammenarbeit mit dem unvergleichlichen WILL QUADFLIEG, dessen Gestaltung des "König David" uns unvergessen ist - die amerikanische CD-Zeitschrift "fanfare" schrieb über unsere Einspielung des Werkes: " ... Quadflieg is super .. I have not heard a better narrator on disc."

Wer schöne und geschichtsträchtige Konzertsäle kennt, weiß, daß das Schinkelsche KONZERTHAUS am Berliner Gendarmenmarkt eine absolut erste Adresse in Deutschland ist. Hier wurde 1821 Webers "Freischütz" uraufgeführt und dieser klassizistische Raum hat eine wunderbare Ausstrahlung. Daß wir im letzten Herbst hier ein Programm ausschließlich mit Kompositionen Fanny Hensels, deren Werk wir viel Liebe und Mühe widmen, konzertieren konnten, erfüllt uns mit großer Befriedigung und macht uns auch etwas stolz.

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