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Feuerkur für den Schwarzwald

12.11.1998 - (idw) Universität Mannheim

Der Schwarzwald ist vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen / Mannheimer Geographen untersuchen den Landschaftswandel im mittleren Schwarzwald / Feuer als Lösung der bestehenden Probleme? / Baden-Württemberg unterstützt das Projekt mit rund 250.000 Mark

Die Mannheimer Geographen nehmen den Schwarzwald unter die Lupe. Sie wollen herausfinden wie verhindert werden kann, daß das ehemals vielfältige, strukturreiche Landschaftsbild dieser Region weiter veramt. Bereits heute sind in manchen Gemarkungen 80 Prozent der Fläche bewaldet. Der Grund: Aufwand und Ertrag stehen für die Landwirtschaft zumindest in Grenzertragsregionen in keinem ökonomisch vernünftigen Verhältnis mehr zueinander. Die Landwirte verlegen sich auf die ertragreichere Forstwirtschaft oder überlassen die Flächen sich selbst. Die Folgen sind vielfältig: der Artenreichtum geht zurück, die Waldfläche nimmt zu - die Landschaft wird unter ästhetischen Gesichtspunkten weniger attraktiv und verliert ihre touristische Anziehungskraft. Die Mannheimer Geographen wollen in einem groß angelegten Forschungsprojekt vor Ort und mit den Betroffenen ökologisch nachhaltige und finanzierbare Konzepte entwickeln, mit denen dieser Prozess gestoppt werden kann. Das Land Baden-Württemberg fördert das Projekt im Rahmen seines Landesforschungsschwerpunktprogrammes mit rund 250.000 Mark.

Die Kulturlandschaft im mittleren Schwarzwald ist in ihrem heutigen Erscheinungsbild das Ergebnis eines langen Prozesses menschlicher Einwirkung. Das in den vergangenen Jahrhunderten geschaffene strukturreiche Landschaftsbild droht indes zu verarmen, da sich die Landwirtschaft aus zahlreichen Regionen zurückzieht. Vor allem in Mittel- und Hochgebirgen ist ein rentables Wirtschaften oftmals nicht mehr möglich, die Flächen werden aus der Nutzung genommen. Das ist auch unter ökologischen Gesichtspunkten bedenklich, denn die vom Menschen gepflegten Wiesen- und Weidenareale haben in der Regel eine artenreichere Tier- und Pflanzenwelt als Standorte, die als Brachland nach Aufgabe der Nutzung sich selbst überlassen werden.

Während in ausgewiesenen Gebieten wie etwa Naturschutzparks das "Sich-selbst-Überlassen" ökologisch wichtig und wissenschaftlich interessant ist, gelten für gewachsene Landschaftstypen andere (politische und gesellschaftliche) Vorgaben. Sie sollen erhalten und ökologisch wie auch ökonomisch als sich selbst tragende Kulturlandschaften weiterentwickelt werden. Mit traditionellen Pflegemaßnahmen sind diese Vorgaben angesichts der zunehmenden räumlichen Ausdehnung der unbewirtschafteten Flächen auf Dauer nicht mehr finanzierbar. Es müssen also gemeinsam mit den Betroffenen Konzepte entwickelt werden, wie man relativ kostengünstig auf aufgegebenen landwirtschaftlichen Flächen ein ökologisch nachhaltiges, aber zugleich finanzierbares Management realisieren kann. Dieser Aufgabe haben sich die Mannheimer Geographen unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Jentsch und Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Frankenberg gestellt. Die Ergebnisse der in diesem Projekt vorgesehenen Untersuchungen sollen vor allem eine Entscheidungshilfe für Maßnahmen einer künftigen Landespflege liefern. Gemeinsam mit Partnern aus Frankreich und Portugal soll aus den Untersuchungen zudem ein europaweites Projekt der Spitzenforschung im Bereich der Landschaftsökologie entstehen.

In einem ersten Schritt wird zunächst der Istzustand in verschiedenen Testgebieten, also die Aufnahme der vorhandenen Vegetation und die Analyse der Böden vorgenommen. Das Zentrum des Projektes liegt in dem Gebiet zwischen Kinzig und Brigach im Raum Schramberg. In diesem wissenschaftlich bislang unzureichend untersuchten Gebiet sind teilweise schon 80 Prozent der Flächen bewaldet. In der Forst-wirtschaft sehen viele Hofbesitzer eine Zukunftsperspektive und eine Investition für künftige Generationen. Hinzu kommt, daß die traditionell sehr konservativen Bauern des Untersuchungsgebietes einem bestimmten Landschaftsbild verhaftet sind, in dem Brache schlichtweg als unordentlich und unaufgeräumt gilt.

Parallell zur Erfassung des derzeitigen Zustandes wird mit Hilfe von Luftbild- und Satellitenaufnahmen eine großflächige Analyse und Dokumentation der räumlichen Entwicklung vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Jahrtausendwende in Angriff genommen. Die Luftaufnahmen des ausgewählten Gebietes reichen bis 1945 zurück, Satellitenaufnahmen existieren seit 1984. Dadurch kann für die einzelnen Flächen die Dauer der Brachezeit bestimmt und damit eine Bewertung unter verschiedenen Kriterien erfolgen.

Nach der Analyse des Istzustandes werden Versuchsparzellen eingerichtet, um die Auswirkungen verschiedener Nutzungsstrategien ana-lysieren und bewerten zu können. Verschiedene Behandlungsmaß-nahmen, angefangen bei der ungestörten Vegetationsentwicklung bis hin zum Abbrennen, sollen auf ihre Auswirkungen auf das örtliche Ökosystem, etwa auf das Regenerationsverhalten oder die Produktion wichtiger Futterpflanzen und Weideunkräuter systematisch unter-sucht und analysiert werden. Im Vordergrund der ökologischen Feldexperimente soll dabei der Einsatz von regelmäßigen Feuern stehen, um die von Verbuschung bedrohten Besenginsterweidfelder langfristig in ihrem Bestand zu sichern. Die im Frühsommer in strahlendem gelb leuchtenden Besenginsterweidfelder sind ein landschaftliches Wahrzeichen des Schwarzwaldes. Sie sind ursprünglich das Produkt einer feuergeprägten Landwirtschaft und jetzt durch Verbuschung und Aufforstung immer stärker bedroht. Maßgebliches Ziel des Mannheimer Projektes ist es, ökologische und ökonomische Pflegeansätze für diese gefährdeten "Besenginsterweidfelder" im Schwarzwald zu entwickeln. Die Erfahrungen mit dem Feuer als ökologisches Instrument sollen später in ein europaweites Projekt zur Biodiversität und zum Kulturlandschaftswandel eingebracht werden.

Parallel zu diesen Untersuchungen sollen auch die Ursachen des landwirtschaftlichen Strukturwandels und die aktuellen Sozialverhältnisse der Betriebe erforscht werden. Dies erfolgt mit Hilfe einer Befragung der Landwirte, einer Untersuchung der sozialökonomischen Rahmenbedingungen sowie der systematischen Auswertung vorhandener Daten und der Bodengüte.


Kontakt:
Universität Mannheim
Geographisches Institut
Lehrstuhl für Anthropogeographie und Länderkunde
Prof. Dr. Christoph Jentsch
Tel.: 0621/292-5722
Fax: 0621/292-3321

Christophe Neff
wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für
Physische Geographie und Länderkunde
Tel.: 0621/292-1130
e-mail: neff@rumms.uni-mannheim.de
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