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Der Theoretiker der Gesellschaft Niklas Luhmann gestorben

13.11.1998 - (idw) Universität Bielefeld

Der Theoretiker der Gesellschaft
Niklas Luhmann gestorben

Niklas Luhmann ist - wie erst jetzt bekannt geworden ist - kurz vor Vollendung seines 71. Lebensjahres am 6. November gestorben. Seit dreißig Jahren verbinden sich Luhmanns Werk und weltweite Wirkung mit der Geschichte der Universität Bielefeld. Luhmann, am 8. Dezember 1927 in Lüneburg geboren, war 1968 der erste Professor der noch in Gründung befindlichen Universität. Diesen Lehrstuhl an der Fakultät für Soziologie hat er bis zu seiner Emeritierung 1993 vertreten, und er war auch in den Jahren seither über Sekretariat, Bibliothek und in der Zurechnung seines Werks eng mit der Universität vernetzt.

Luhmanns Karriere sieht zunächst nicht wie die eines Wissenschaftlers aus: ein Studium der Rechtswissenschaft in Freiburg, das Referendariat, danach eine achtjährige (1954-1962) Tätigkeit in der öffentlichen Verwaltung des Landes Niedersachsen, insbesondere im Kultusministerium. Offensichtlich aber ist er bereits in all diesen Jahren in seiner Freizeit mit theoretischen Arbeiten befaßt gewesen, die von vornherein nicht der Rechtswissenschaft, sondern der Philosophie (Phänomenologie) und der soziologischen Theorie galten. Ein Studienaufenthalt in Harvard (1960-61) und der Wechsel in eine Forschungsstelle an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer (1962-65) deuten den Übergang in eine andere berufliche Laufbahn an. Luhmanns erste Bücher in diesen Jahren sind dem Tätigkeitsort gemäß verwaltungswissenschaftlich, in den Aufsätzen aber wird seit 1962 eine eigenständige soziologische Theorie sichtbar. Wir besitzen von Luhmann keine Jugendschriften; er tritt uns von vornherein als ein selbständiger Theoretiker entgegen, der sich eng an die von Talcott Parsons in Harvard entwickelte Systemtheorie anlehnt, aber sie neu aufbaut. Luhmann benutzt auch verborgen scheinende kleine Einzelstücke des Parsonianischen konzeptuellen Apparats, aber dennoch baut er nicht an ihn an, sondern fängt neu an. Das ist wissenschaftshistorisch gesehen eine seltene Konstellation. Einige Grundentscheidungen und Differenzpunkte seien kurz benannt: Viel entschiedener als bei Parsons wird System/Umwelt als die Leitunterscheidung der Theorie behandelt und Umwelt als etwas gesehen, das keine Ordnungsgarantien enthält. Systembildung wird damit unwahrscheinlicher. Luhmann arbeitet mit einer offenen und erweiterungsfähigen Liste von Funktionen und Funktionssystemen und ihn interessiert am Funktionsbegriff nicht die klassifikatorische Leistung, sondern die Eröffnung von Vergleichsmöglichkeiten (Welche alternativen Möglichkeiten der Funktionserfüllung sind zu identifizieren?). Jedes hierarchisch-deduktive Moment wird aus der Theorie herausgenommen, statt dessen ist die Theorie ein heterarchisches Arrangement von Teiltheorien, das darin die Form der modernen Gesellschaft simuliert. Der Begriff der Zeit wird nicht länger an die Physik oder an Kant delegiert, vielmehr wird Zeit als eine der drei konstitutiven Dimensionen von Sinn aufgefaßt, und insofern ist die Theorie der Zeit eine unhintergehbare Aufgabe des Soziologen. Diese wird verbunden mit einer neodarwinistischen Evolutionstheorie, die das bei Parsons vorherrschende Denken in Entwicklungstrends ablöst. An die Stelle der Parsonianischen Vorstellung vieler jeweils durch regionale Solidaritäten integrierter Gesellschaften tritt bei Luhmann schon am Ende der sechziger Jahre das Postulat einer nicht durch Solidarität, sondern über kommunikative Vernetzungen realisierten Weltgesellschaft als des einzigen heute existierenden Gesellschaftssystems. Das zwingt dazu, den gesamten konzeptuellen Apparat der Soziologie umzuarbeiten, eine Aufgabe, die das Fach aber erst seit wenigen Jahren beginnt. Bereits innerhalb der ersten Phase von Luhmanns Theoriearbeit werden alle diese Facetten der Theorie vorgestellt, so daß mit dem ersten Band der "Soziologischen Aufklärung" (1970) der Anspruch des Unterfangens und die bereits erreichten Ergebnisse erstmals für ein größeres Publikum sichtbar werden.

Die berufliche Laufbahn Luhmanns ergibt sich nicht zwingend aus dieser Produktion; sie ist auch zufallsabhängig. Helmut Schelsky in Münster, der zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Planung der Universität Bielefeld befaßt war, wird am Anfang der sechziger Jahre auf die Produktion des in Speyer tätigen Verwaltungswissenschaftlers Luhmann aufmerksam. Er schlägt Luhmann eine Promotion und Habilitation in Soziologie vor, die beide 1966 in Münster erfolgen. Offensichtlich war dabei von vornherein an den Ruf nach Bielefeld gedacht, der 1968 zu der Ernennung als ordentlicher Professor führte. Im Winter desselben Jahres vertritt Luhmann, der ja noch nicht durch Lehre in Bielefeld gebunden ist, den Lehrstuhl von Theodor W. Adorno in Frankfurt. Dabei kommt es zu der Vertiefung des Kontakts mit Jürgen Habermas, der zu dem in der Intensität der Auseinandersetzung zweier Theoretiker ungewöhnlichen Diskussionsband "Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung?" (1971), geführt hat. Diese Kontroverse ist ein zentraler Teil der intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik geworden.

Seit dem Beginn der Lehrveranstaltungen 1970 war Luhmann in Bielefeld präsent. Die Vorlesungen am Nachmittag, die Seminare eher am Abend; der äußere Rahmen blieb über Jahrzehnte ähnlich. Mit einer Reihe anderer Mitglieder der Fakultät und mit Gästen hat Luhmann gemeinsame Seminare angeboten. Die Zahl der Studenten war nicht gerade groß. Luhmann hat in Bielefeld nicht schulbildend gewirkt und hat dies auch nicht versucht. Vielleicht haben dabei Enttäuschungen am Anfang der Universität eine Rolle gespielt. Viele der Hörer kamen aus anderen Fächern und aus anderen Städten, was durch die abendlichen Veranstaltungen erleichtert wurde. Bestimmend für die Lehre Luhmanns war, daß sie einerseits fachuniversell operierte. Jede für einen Soziologen denkbare Fragestellung konnte in den Veranstaltungen vorkommen und mit der Neugierde und der Toleranz Luhmanns rechnen. Jede dieser Fragen aber wurde im Medium der eigenen Theorie behandelt und zu beantworten versucht.

Ein anderer Schwerpunkt der Aktivitäten Luhmanns war schon früh seine Reisetätigkeit. Seit der Habermas/ Luhmann-Kontroverse war er berühmt und entsprechend als Vortragender gefragt. Beginnend in den siebziger Jahren kommen viele Übersetzungen seiner Bücher in andere Sprachen hinzu und führten zu Einladungen in viele Länder. Luhmann sprach immer frei, auf wenige Notizen gestützt, und angesichts der Schwierigkeit seiner Texte war dies für viele ein attraktiver Zugang zu seiner Theorie. Die weltweite Diffusion der Theorie tritt in seinem Fall an die Stelle der nichtvollzogenen Schulbildung in Bielefeld. Die Vorteile dieses Musters sind offensichtlich, wenn man die sich nach außen abschließende Enge vieler wissenschaftlicher Schulen bedenkt.

Vor allem aber hat Luhmann gelesen und geschrieben, und zwischen diesen beiden Tätigkeiten vermittelte der berühmte Zettelkasten, sicher eine der bekanntesten touristischen Attraktionen Ostwestfalens, wenn auch nicht allzu viele Besucher dieses Ziel erreichten. Die Entwicklung von Luhmanns publiziertem Werk nimmt den Weg einer ständigen Expansion der bearbeiteten Felder. Die Aufsätze, in denen man die Evolution des theoretischen Kerns seines Werks nachvollziehen kann, sammelt er in Büchern, die den Titel "Soziologische Aufklärung" tragen (Bd. 1-6, 1970-1995). Zu diesem theoretischen Kern gehören auch Bücher über symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie "Vertrauen" (1968) und "Macht" (1975). Da Luhmann immer auch Jurist blieb und diese Selbstbezeichnung gern verwendete, war das Recht ein wichtiger Forschungsbereich, aus dem eine zweibändige "Rechtssoziologie" (1972) und eine Reihe weiterer Bücher ("Grundrechte als Institution" 1965; "Legitimation durch Verfahren" 1969; "Rechtssystem und Rechtsdogmatik" 1974; "Ausdifferenzierung des Rechts" 1981) hervorgingen. Mit "Die Funktion der Religion" (1977) hat er seine erste größere Publikation zur Religionstheorie vorgelegt. Luhmann optiert hier, wie in allen seinen Arbeiten, für ein extensives Verständnis von Soziologie, das sich nicht mit institutionellen oder berufsbezogenen Analysen begnügt, sondern den Kontakt zu den Theorien und Semantiken von Juristen, Theologen etc. sucht und insofern interdisziplinär anschlußfähig ist. Gleichfalls in den siebziger Jahren beginnt seine langwährende Kooperation mit dem Hamburger Pädagogen und Unternehmer Karl-Eberhard Schorr, aus der u.a. das Buch "Reflexionsprobleme im Erziehungssystem" (1979) hervorgegangen ist. Ein weiterer Schwerpunkt sind historische Studien. Diese sind durch die vielleicht wichtigste empirische These Luhmanns motiviert: Im 17. und 18. Jahrhundert vollzieht sich ein Umbau der Differenzierungsform der europäischen Gesellschaft von einer in Schichten oder Stände gegliederten Gesellschaft zu einer funktional differenzierten Gesellschaft. Den Zusammenhang dieses Umbaus mit dem Wandel in den Selbstbeschreibungen und Semantiken des alten Europa explorieren vier Bände unter dem Titel "Gesellschaftsstruktur und Semantik" (1980-1995) und die Studie "Liebe als Passion" (1982), die eines der ältesten Interessen Luhmanns vorstellt. Liebestheorie war bis zu Luhmann nie eine Aufgabe der allgemeinen Soziologie, und man würde sich außer einer historischen auch noch eine systematische Darstellung seiner Liebestheorie wünschen. Eine der Implikationen der Theorie funktionaler Differenzierung ist ein Bedeutungsverlust des Politischen. Die Politik kann nicht mehr als Zentrum oder als Steuerungsinstanz der Gesellschaft gedacht werden. Entsprechend ist für Luhmann die politische Theorie nur noch eine unter vielen Theorien der Funktionssysteme. Er ist den Folgerungen aus dieser These in Büchern wie "Politische Planung" (1971) und "Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat" (1981) nachgegangen.

Erst 1984 hat Luhmann sich entschlossen, mit dem Buch "Soziale Systeme" zum erstenmal eine massive theoretische Synthese vorzulegen. Hier geht es um eine allgemeine Theorie sozialer Systeme, die insofern den Anschluß an den großen Komplex General Systems Theory sucht, aber anders als diese ausschließlich im Bereich sozialer Systeme wie Interaktion, Organisation und Gesellschaft operiert. Zu den wichtigsten Innovationen dieses Buches gehört die Darstellung seiner Kommunikationstheorie. Luhmann entscheidet sich hier als erster einflußreicher soziologischer Theoretiker überhaupt, Kommunikation als die elementare Operation, die für die Konstitution von Gesellschaft verantwortlich ist, aufzufassen: Gesellschaft, so die These dieses Buches, besteht nur aus Kommunikationen und umgekehrt ist jede Kommunikation, die in der Welt vorkommt, Teil des einen Gesellschaftssystems, das Luhmann Weltgesellschaft nennt. Die andere zentrale theoretische Entscheidung dieses Buches ist, diese Beschreibung des Gesellschaftssystems und anderer sozialer Systeme in Termini einer Theorie autopoietischer Systeme durchzuführen. Dies geht auf eine Theorie des chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana zurück, die besagt, daß es Systeme gibt, die alle Elemente und Komponenten, aus denen sie bestehen, mit Hilfe der Prozesse und Strukturen desselben Systems hervorbringen. Eine solche zirkuläre Schließung des Systems auf der Ebene elementarer Operationen behauptet Maturana für die lebende Zelle, und Luhmann hat einen analogen Entwurf für die Theorie sozialer Systeme durchzuführen versucht.

Nach der Publikation von "Soziale Systeme" hat Luhmann sich dem Anliegen zugewandt, das er immer als sein Wichtigstes bezeichnet hat: Monographien über die zentralen Funktionssysteme der modernen Gesellschaft und die Gesellschaftstheorie als die Theorie des umfassenden Systems, das alle diese Funktionssysteme in sich einschließt. Seither sind "Die Wirtschaft der Gesellschaft" (1988), "Die Wissenschaft der Gesellschaft" (1990), "Das Recht der Gesellschaft" (1993) und die "Kunst der Gesellschaft" (1995) erschienen. Vor allem aber hat Luhmann das seit Jahrzehnten in immer neuen Manuskripten kursierende Kernstück dieser Serie, "Die Gesellschaft der Gesellschaft", 1997 in zwei Bänden veröffentlicht.

Es lohnt an dieser Stelle nicht, die Ehrendoktorwürden, Preise etc., die Luhmann über die Jahre erhalten hat, aufzuzählen. Sie sind in dieser Karriere eines großen Theoretikers, dem das zeremonielle und repräsentative Moment des großen Theoretikers nicht viel bedeutet, weniger relevant als sonst.

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