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BLK-Gespräch mit Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt

17.11.1998 - (idw) Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung

Nr.: 31/1998

BLK-Gespräch mit Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt

Während der heutigen Sitzung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung unter Leitung der Vorsitzenden, Frau Bundesministerin Edelgard Bulmahn, an der die Vertreter der 16 Bildungsressorts der Länder teilnahmen, entwickelte Arbeitgeberpräsident Dr. Hundt seine Vorstellungen zur Reformierung des Deutschen Bildungssystems.

Er beklagte die gravierenden Defizite vieler Schulabsolventen in den schulischen Basisqualifikationen, das sinkende Interesse der Jugendlichen an den Naturwissen-schaften, die fehlende ökonomische Bildung in der Schule. Er forderte die Evaluation der verschiedenen Schulformen, um Qualitätsverbesserungen zu erreichen und rief dazu auf, den Schulen mehr Eigenständigkeit einzuräumen, um den Wettbewerb untereinander zu fördern. Besorgniserregend sei es, wenn die Unternehmen keine Facharbeiterstellen mehr besetzen können, weil die Hauptschüler die notwendigen Qualifi-kationen heute nicht mehr mitbrächten.

Zur Frage auf dem Ausbildungsmarkt wies er darauf hin, daß trotz der Erhöhung der Anzahl der Ausbildungsverträge gegenüber dem Vorjahr und trotz der erhöhten Zahl von Ausbildungsstellen die Lage noch nicht entspannt sei, obwohl gerade im gewerblich-technischen Bereich bestehende Ausbildungsplätze nicht besetzt werden könnten.

Handlungsschwerpunkte seien

1. der ostdeutsche Ausbildungsstellenmarkt. Hier müsse die vollzeitschulische Ausbildung, wegen der noch fehlenden Angebote im dualen System die Probleme zu bewältigen helfen.

2. die Ausbildung von theorieschwächeren Jugend-lichen. Es sollen die ausbildungsbegleitenden Hilfen der Bundesanstalt für Arbeit für Jugendliche genutzt werden, praktisch orientierte Auszubildende für zweijährige Berufe neu zu entwickeln. Die Gewerkschaften und die Politik rief er auf, hiergegen ihren Widerstand aufzugeben. Und für die problematischste Gruppe junger Arbeitsloser, die die fachlichen Voraussetzungen für den erfolgreichen Abschluß einer Ausbildung nicht mitbrächten, sieht er die Einrichtung modularer Ausbildungswege für erfolgversprechend und wies auf das Konzept der berufspraktischen Qualifizierung (BPQ) der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), damit diese wieder an Arbeit und Ausbildung gewöhnt werden.

3. die Berufsschule. Der Arbeitgeberpräsident fordert die Abschaffung des zweiten Berufsschultages im zweiten Lehrjahr und stattdessen wieder die Einführung von neun Berufsschulstunden pro Tag. Er zeigte sich zuversichtlich, daß es der Wirtschaft gelingen werde, die bis zum Jahre 2005 steigende Bewerberzahl mit einem adäquaten Angebot zu versorgen. Dazu aber müßten die von der Bundesregierung zu schaffenden Rahmenbedingungen stimmen. Er forderte die Bundesregierung auf, die Drohung der Ausbildungsumlage zurückzunehmen, weil sie die strukturellen Probleme nicht löse. Sie würde vielmehr zum Abbau von Ausbildungskapazitäten führen und die Unternehmen dazu verleiten, sich freizukaufen.

Für die Hochschulen fordert er Autonomie, Wettbewerb und international konkurrenzfähige Studiengänge. Er begrüßt ausdrücklich die Möglichkeiten, die das neue Hoch-schulrahmengesetz eingeräumt habe, das den Hochschulen Autonomie gewähre. Um Reformen in Gang zu bringen, müßten finanzielle Mittel leistungsbezogen vergeben werden. Hundt begrüßt die Einrichtung der Bachelor- und Master-Studiengänge, da sie die Internationalisierung des Studienstandortes Deutschland vorantrieben, mahnte jedoch die Einführung von Qualitätsstandards an, damit ein Wettbewerb möglich sei. Schließlich verwies er darauf, daß er gemeinsam mit der HRK sich für die Einrichtung von Gründungslehrstühlen zur Schulung von Entrepreneurship verständigt habe. Die Hochschule müsse zur Unternehmerschmiede werden, hier müsse sich Kreativität und Eigeninitiative entfalten können.

In der Aussprache zu diesen Thesen gab die Bundesbildungsministerin bekannt, daß sie ein "Forum Bildung" ins Leben rufen werde. Die Zukunftsfrage der Jugendlichen Deutschlands wolle sie im gesellschaftlichen Konsens, einem Bündnis für Ausbildung und Qualifizierung ansteuern. Einig sieht sie sich mit Herrn Dr. Hundt darin, das Hochschulsystem zu flexibilisieren, den Transfer zwischen Hochschulen und Unternehmen sowie zwischen Hochschulen und öffentlicher Verwaltung selbstverständlicher werden zu lassen als bisher. Hier bestehe ein Grundkanon zwischen Wirtschaft und Politik. Sie sprach sich für die Einrichtung von Assistenzprofessuren aus, womit die Habilitation als einzige Voraussetzung für den Beruf des Hochschullehrers entfalle. Sie forderte von der Wirtschaft längerfristige Perspektiven, die vermeiden helfen, jedes Jahr ein neues Krisenmanagement zu organisieren. Wörtlich forderte sie von der BDA: "Wir brauchen auf Dauer mehr Ausbildungsplätze. Ebenso forderte Sie die Wirtschaft auf, dabei behilflich zu sein, mehr deutschen Jugendlichen zu befristeten Ausbildungsplätzen im Ausland zu verhelfen. Die Wirtschaft sieht die Ministerin als Verbündeten in ihrem Bemühungen verkrustete Strukturen aufzubrechen: "Die Personalstruktur des öffentlichen Dienstrechtes ist grundlegend zu modernisieren; hier brauche ich Ihre Unterstützung."

Die Bildungsministerin Nordrhein-Westfalens, Frau Behler, sprach sich für eine stärkere Modularisierung aus; praktikable Formen von neuen Berufsfeldern seien nötig. Sie kritisierte nachdrücklich die Einstellungspraxis der Wirtschaft in den Jahren 89-93, die für die Enthaltsamkeit der Jugendlichen im naturwissenschaftlichen Bereich mitverantwortlich sei.

Bildungsminister Dr. Zöllner (Rheinland-Pfalz) wies darauf hin, daß die von Hundt geforderte Vollzeitausbildung zu Mehrkosten auf der staatlichen Seite führe und gleichzeitig mit entsprechender Kostenersparnis der Wirtschaft korrespondiere. Hier sei über ein Konzept der Umfinanzierung nachzudenken. Was den Wunsch Hundts angehe, die Ausbildung an den Hochschulen praxisorientierter zu gestalten, so gebe er diesen Ball zurück. Er verlangte nach einem Austausch von Köpfen von den Hochschulen zur Wirtschaft und vice-versa. Die Hochschulen seien offen für diesen Transfer; die Wirtschaft sei aufgefordert genügend Plätze zur Verfügung zu stellen.

In die gleiche Richtung argumentierte Bildungsminister Zehetmair (Bayern), der in dieser BLK - Sitzung einstimmig für das kommende Jahr zum BLK-Vorsitzenden gewählt worden war: "Es wirkt für die Studierenden beflügelnd, wenn etwa der Siemens-Chef von Pierer oder der BMW - Chef Pichetsrieder Vorlesungen an den Hochschulen übernähme. Er verlangte die Einrichtung von Forschungsverbünden mit der Wirtschaft. Ein besonderes Anliegen sei es, daß die Prüfungstermine für Absolventen des beruflichen Ausbildungssystems zusammengelegt werden könnten und nicht die Kammern neben der Berufsschulseite auf eigenen Prüfungen bestünden. Hier gelte es, bürokratische Zöpfe abzuschneiden. Und was das Petitum des Arbeitgeberpräsidenten nach Einrichtung von Gründungslehrstühlen angehe: "Was wir brauchen sind Gründungsväter!"

Bildungsminister Mayer (Sachsen) wies darauf hin, daß der Wunsch nach größerer Selbständigkeit der Schulen dem Bestreben einer verstärkten einheitlichen inhaltlichen Angleichung der Bildungseinrichtungen widerspreche.
Bildungsminister von Trotha (Baden-Württemberg) betonte die überaus großen Erfolge der Berufsakademien in seinem Land. Die Reformen in Schulen und Hochschulen seien jedoch sehr langwierig. Nachteilig wirke sich auch aus, daß bei Gründungen von Privathochschulen, aus verschiedenen Gründen, vielfach kleine Lösungen bevorzugt werden. Große Hochschulen hätten hingegen eine weitaus größere Effizienz. Kurzfristig erscheine es möglich, die bestehende Nachfrage der Wirtschaft nach Ingenieuren und Technikern, durch die große Anzahl arbeitsloser Ingenieure und Techniker zu decken.

Frau Senatorin Sager (Hamburg) betonte die Möglichkeit, Frauenförderung auch in diesem Bereich zu unterstützen.
Staatssekretär Faber (Sachsen-Anhalt) wies auf die angespannte Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt in Ostdeutschland hin und auf die Notwendigkeit dem durch vollzeitschulische Angebote zu begegnen, was jedoch nur mit erheblichem finanziellen Aufwand der ostdeutschen Länder möglich sei.
Frau Staatssekretärin Schmerbach (Hessen) betonte, daß die Ökonomie in den Berufsschulen bereits fester Bestandteil des Unterrichtsfaches Arbeitslehre sei.
Auch Staatssekretär Freller (Bayern) meinte, daß es nicht habe überraschen können, wenn sich Ausbildungsplatzwünsche und Studienplatzwahl an den von der Wirtschaft gegebenen Einschätzung des Arbeitsmarktes orientiere. Er fordert die Wirtschaft auf, hier künftig eindeutige Signale zu setzen.
Bildungsminister Wittling (Saarland) erhoffte, daß die Diskussion über die notwendigen Verbesserungen des Bildungswesens nicht zu einer grundsätzlichen Standortdiskussion wird. Die erkennbaren methodischen Probleme internationaler Vergleiche ließen solche Schlußfolgerungen nicht zu. Es sei problematisch, Jugendliche stärker zur Finanzierung ihrer Hochschulausbildung heranziehen zu wollen und ihnen gleichzeitig auch die Rentenfinanzierung zu überlassen. Hier würden Forderungen erhoben, die nicht zu dem Verlangen der Wirtschaft nach Abbau der Lohnnebenkosten paßten.

Aus Sicht des BDA, so betonte deren Hauptgeschäftsführer, Dr. Josef Siegers, sei Bildung das wichtigste Kapital für die Zukunft. Die Unternehmen hätten hier eine große Mitverantwortung, der man sich in Zukunft noch bewußter stellen werde. Eine eindeutige Prognose über die künftigen Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft sei nicht möglich. Der Trend zeige aber, daß die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik auf jeden Fall hierunter fallen.

Herr Dr. Hundt räumte ein, daß aus der Wirtschaft Anfang der 90er Jahre falsche Signale gekommen seien. Um dem gegenzusteuern , sei der Staat aufgerufen, zur Erneuerung des Bildungswesens und insbesondere der beruflichen Bildung sowie der Vorbereitung der Jugendlichen auf moderne Wirtschaftsprozesse in den Schulen die Rahmenbedingungen zu schaffen; die Wirtschaft biete dazu ihre konstruktive Zusammenarbeit an.

Bundesministerin Bulmahn kündigt die Fortsetzung dieses Dialogs an; als nächstes werde in der BLK das Gespräch mit Vertretern der Gewerkschaften zu führen sein.
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