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Geklont am 8. Schöpfungstag: Gentechnologie im interdisziplinären Gespräch

25.11.1998 - (idw) Universität Augsburg

Unter dem Titel "...geklont am 8. Schöpfungstag" setzt sich die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg bei ihren diesjährigen "Interdisziplinären Tagen" mit der Gentechnologie auseinander. Drei Tage lang, vom 30. November bis zum 2. Dezember, referieren und diskutieren auswärtige und Augsburger Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen zu den Teilaspekten "Was ist und was ermöglicht Gentechnologie?" (Montag, 30. November), "Die Bedeutung des gentechnologischen Paradigmas für das menschliche Welt- und Selbstverständnis" (Dienstag, 1. Dezember) und "Handeln im Horizont gentechnologischer Möglichkeiten" (Mittwoch, 2. Dezember). Die Veranstaltungen finden in den Hörsälen III und IV (Universitätsstraße 10) statt.

Die Erkenntnisse der Biotechnologien, insbesondere in den Bereichen der Genetik und Molekularbiologie, haben in geradezu revolutionärer Weise ein neues Paradigma von Wissen, Handeln und Fortschrittsgläubigkeit etabliert. Die Bewältigung dieser "Revolution" ruft vielfältige Hoffnungen und Befürchtungen auf den Plan: Manche sehen darin nichts weniger als das entscheidende wissenschaftliche, technische und ökonomische Potential des 21. Jahrhunderts. Andere hingegen beschwören das Schreckbild einer "Schönen neuen Welt", in der die Mahnrufe einer kulturpessimistischen Science fiction zur alltäglichen Wirklichkeit werden. Einigkeit besteht zwischen beiden Positionen gleichwohl darüber, daß die Möglichkeiten der Biotechnologien nicht einfach nur eine quantitative Erweiterung unserer Möglichkeiten zur Welt- und Lebensbewältigung darstellen. Zu erwarten stehen vielmehr Veränderungen in der Biosphäre, die zugleich tiefgreifende Veränderungen unseres Welt- und Selbstverständnisses sowie unseres sozialen Miteinanders nach sich ziehen.

Eben diese Situation ruft nach einem interdisziplinären Forschungsdialog, an dem auch die Geistes- und Sozialwissenschaften zu beteiligen sind. Die diesjährigen "Interdisziplinären Tage" der Katholisch-Theologischen Fakultät möchten hierzu einen Beitrag leisten.

DIE MÖGLICHKEITEN DER GENTECHNOLOGIE

Am ersten Tag werden die Möglichkeiten der Gentechnologie programmatisch von Vertretern der biotechnologischen Forschung und der Ökonomie vorgestellt. Eine Einführung von Prof. Dr. Horst Domdey informiert über die Entstehung dieser Disziplin, ihre Entwicklung und ihren gegenwärtigen Stand. Entgegen dem öffentlichen, medial erzeugten Bild bieten sich die am weitesten ausgereiften gentechnischen Handlungsoptionen bislang nicht in der Humangenetik, sondern in der Pharmazie, der Lebensmitteltechnologie und der Tierproduktion. Prof. Dr. Theo Dingermann und Prof. Dr. Walter Hammes geben deshalb einen Überblick über Stand und nähere Zukunft der Gentechnik in diesen Bereichen.

NATUR: GEGENBEGRIFF ZUR KULTUR ODER KULTURPRODUKT?

Der zweite Tag ist einer philosophisch-theologischen Auseinandersetzung mit der paradigmatischen Bedeutung der Gentechnologie als Wissenschaft und Industriezweig gewidmet. Im Zentrum stehen die Fragen nach der Bedeutung der Gentechnologie für unser Verständnis von Natur und Kultur, unseren Begriff welthafter Wirklichkeit und der Seinsweise von Lebewesen sowie für unsere kulturelle und soziale Realität. Gerade die traditionelle Dualität von Natur und Kultur sieht sich durch die gentechnologische "Revolution" einem bis dahin ungekannten terminologischen und hermeneutischen Dilemma ausgesetzt: Denn wird die Natur - als identitätsstiftender Gegenbegriff zur Kultur - unter dem mikrologischen Zugriff der Gentechnik nicht selbst mehr und mehr zum Kulturprodukt? Sind in der Natur nicht Steigerungspotentiale angelegt, und sind die Menschen nicht verpflichtet, sie auszuschöpfen? Diesen Fragen nach den Implikationen und Konsequenzen des technologischen Zugriffs für die beiden Begriffe gehen die Vorträge von Dr. Manfred Negele und Dr. Johann Ev. Hafner nach.

GENTECHNOLOGISCHER NATUR- UND THEOLOGISCHER SCHÖPFUNGSBEGRIFF

Über den philosophischen Zugang hinaus erscheint aus theologischer Perspektive Natur zusammen mit dem kulturschaffenden Menschen gleichwohl auch als Schöpfung Gottes. Hieraus ergibt sich zum einen eine gewisse Spannung zwischen dem funktional-informationellen Naturbegriff der Gentechnologie und dem qualitativ-sinnhaften Schöpfungsbegriff der Theologie. Diese Spannung wird aus dem Blickwinkel der katholischen Dogmatik von Prof. Dr. Dr. Anton Ziegenaus aufgenommen. Im Schöpfungsparadigma wird dem Menschen zum anderen bereits eine deutliche Stellung zu den Mitgeschöpfen zugewiesen - jenen Mitgeschöpfen, die durch die Gentechnologie jetzt in bislang ungekanntem Umfang Gegenstand menschlich-instrumentellen Handelns werden. Aus dem Blickwinkel des Alten Testaments geht dieser Thematik PD Dr. Jürgen Werlitz nach. Der Blick, der sich zunächst auf Weltstrukturen wie Natur und Schöpfung generell richtet, wird auf diese Weise zugleich stärker auf den Menschen, sein Welt- und Selbstverhältnis hin gewendet.

DIE AUSWIRKUNGEN AUF MENSCHLICHE VERHÄLTNISSE

Die weiteren Beiträge widmen sich eben den spezifischen Auswirkungen der Gentechnologie, ihres Paradigmas und ihrer Versprechungen auf menschliche Verhältnisse. Prof. Dr. Hans-Peter Balmer geht der Frage nach dem Verhältnis von biologischer Struktur und Identität des Menschen nach. Darüber hinaus richten sich auf die Gentechnologie auch spezifische Hoffnungen des Menschen: weniger Leid, weniger Krankheit, eventuell eine Verbesserung des menschlichen Körpers überhaupt. Mit Blick auf eine verbreitete Bewußtseinslage der späten Moderne, die man als nachmetaphysisch und postreligiös etikettieren kann, geht Prof. Dr. Thomas Hausmanninger der Frage nach, ob sich die gentechnologischen Möglichkeiten unter Umständen im Umfeld einer Überlastung des Körpers mit ursprünglich religiösen und metaphysischen Hoffnungen befinden - und welche Bedeutung diese Möglichkeiten wiederum für jenes Umfeld haben.

DIE ETHISCHE DIMENSION

Nach dieser Auseinandersetzung mit der paradigmatischen, im weiteren Sinn kulturellen Bedeutung der Gentechnologie richtet sich der dritte Tag auf die ethische Dimension und auf spezifische Einzelfragen gentechnischen Handelns. Um den hierfür bedeutsamen Kontext des öffentlichen Bewußtseins und der bereits existierenden populären Wertungen aufzuhellen, leitet diesen Themenblock eine Auseinandersetzung des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr. Helmut Scherer mit der medialen Aufbereitung der Gentechnologie ein. Der Strafrechtler Prof. Dr. Wilfried Bottke führt sodann in die grundsätzliche ethische Normierung der gentechnologischen Möglichkeiten ein und zeigt die Umsetzung von handlungsleitenden Grenzen im deutschen Strafrecht auf. Diesen normativen Zugang vertieft Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang im Hinblick auf das konkrete Handeln im Bereich der Tier- und Pflanzenzüchtung sowie der Lebensmittelproduktion und auf die daraus resultierenden Probleme. Im Feld der Humangenetik widmet sich anschließend Dr. Clemens Breuer der äußerst umkämpften und strittigen Problematik, wie mit der Diastase zwischen den durch die biotechnischen Erkenntnisse gewachsenen Diagnosemöglichkeiten und den dahinter noch zurückstehenden Therapiemöglichkeiten umzugehen ist. Steht mit der pränatalen Diagnostik und Reproduktionsmedizin bereits hier die Problematik des Umgangs mit dem Wunsch nach Kindern und den an diese gerichteten Erwartungen im Blick, so vertieft Prof. Dr. Hanspeter Heinz diese Dimension aus pastoraltheologischer Sicht. Abschließend wird so nochmals die Frage nach den im Umfeld der Gentechnologie und durch diese selbst erwachsenden Hoffnungen und nach dem rechten Umgang mit diesen Hoffnungen thematisiert.

WEITERE INFORMATIONEN:

Das Programm und weitere Informationen sind im Dekanat der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg (Universitätsstraße 10, 86159 Augsburg, Telefon: 0821/598-5820, Fax: 0821/598-5503) erhältlich oder können im Internet unter http://www.kthf.uni-augsburg.de/idt/IDT98.htm abgerufen werden. Die Interdisziplinären Tage der Katholisch-Theologischen Fakultät sind Bestandteil der Tage der Forschung 1998 an der Universität Augsburg. Das Gesamtprogramm der Augsburger Forschungstage ist abrufbar unter http://www.presse.uni-augsburg.de/unipressant/upa_16.html.

PROGRAMM:

* Montag, 30. November 1998

14.15: Begrüßung und Einführung
14.30: Prof. Dr. Horst Domdey: Gentechnologie: Entstehung, Entwicklung und Gestalt eines neuen wissenschaftlich-technologischen Fachgebietes
16.00: Prof. Dr. Theo Dingermann: Gentechnologie und Arzneimittelproduktion
17.00: Prof. Dr. Walter Hammes: Gentechnologie und Lebensmittelproduktion
18.00: Diskussion

* Dienstag, 1. Dezember 1998

9.15: Dr. Manfred Negele: Natur und Kultur - Grundbegriffe des Wirklichkeitsverständnisses
9.40: Dr. Johann Ev. Hafner: Gutheit der Schöpfung und Perfektibilität der Natur. Theorietechnische Konsequenzen eines theologischen Axioms
10.30: PD Dr. Jürgen Werlitz: "Und siehe, es war sehr gut." Überlegungen zur Stellung des Menschen zwischen Gott und Mitgeschöpfen nach Gen 1,27-31
11.30: Diskussion

14.15: Prof. Dr. Dr. Anton Ziegenaus: Die Spannung zwischen dem biologischen Weltbild und dem Schöpfungsglauben
15.15: Prof. Dr. Hans-Peter Balmer: Biologie und Identität:Was macht den Menschen zum Menschen?
16.30: Prof. Dr. Thomas Hausmanninger: Die nachmetaphysische Überlastung der Körper. Kulturethische Überlegungen zur Hoffnungsträgerschaft des menschlichen Leibes und ihre Spiegelung in der Populärkultur
17.30: Diskussion

* Mittwoch, 2. Dezember 1998

9.15: Prof. Dr. Helmut Scherer: Die mediatisierte Gentechnik. Die Darstellung und Debatte komplexer Technologien in Massenmedien und Öffentlichkeit

10.00: Prof. Dr. Wilfried Bottke: Die Entwicklung der Biotechnik im Lichte von Bioethik und deutschem Strafrecht
11.00: Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang: Ethische Richtlinien für gentechnologische Methoden in der Tier- und Pflanzenzüchtung bzw. für den Lebensmittelsektor
11.45: Diskussion

14.15: Dr. Clemens Breuer: Pränatale Diagnostik und Therapie, Gentherapie und Pharmazie: gentechnologische Möglichkeiten des Diagnostizierens und Heilens im Spiegel der Moraltheologie
15.00: Prof. Dr. Hanspeter Heinz: "Wir wollen ein geklontes Baby!" - Kinderwunsch und Kindersegen
16.15: Abschließende Podiumsdiskussion mit Referenten
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