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Schiefe statistische Vergleiche - HRK-Präsident widerspricht Aussagen der OECD-Bildungsstudie

26.11.1998 - (idw) Hochschulrektorenkonferenz (HRK)

"In Deutschland wird es künftig keinen generellen Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften geben." Mit diesen Worten widersprach der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Professor Dr. Klaus Landfried, am Donnerstag (26.11.) in Bonn Aussagen der OECD-Statistik "Bildung auf einen Blick".

Zwar gebe es einzelne Bereiche wie zum Beispiel die Biotechnologie und die modernen Informationstechniken, in denen es derzeit an Nachwuchskräften fehle, doch liege das Problem nicht darin, daß insgesamt zu wenig junge Leute studierten, sondern eher in deren Fächerwahl. Die letzten Jahre hätten jedoch gezeigt, daß durch gezielte Ansprache und die öffentliche Diskussion über den drohenden Mangel an Ingenieuren hierauf Einfluß genommen werden könne. So sei die Zahl der Studienanfänger im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und in der Informatik in den letzten beiden Jahren zwischen 15 und 30 Prozent angestiegen. Eine wichtige Rolle spielten dabei die konkreten Berufschancen wie das derzeit wieder rückläufige Bauingenieurwesen zeige. Durch eine weitsichtige Personalplanung in den Unternehmen, die den kommenden Bedarf an Nachwuchskräften im Auge habe und kontinuierlich qualifizierte Absolventen übernehme, könnten langfristig Defizite verhindert werden. Insgesamt habe Deutschland keineswegs zu viele Hochschulabsolventen.

Unsinnig sei es, von einem Mangel an Ärzten zu sprechen, wie dies die OECD getan habe. Mit einem Arzt auf 344 Einwohnern weise Deutschland weltweit eine der höchsten Arztdichten auf und die Zahl der Studienanfänger in der Medizin sei eher zu hoch als zu niedrig. Landfried weiter: "Von grober Unkenntnis der Lage zeugt auch die Aussage, Deutschland stehe in der Gefahr, den Anschluß an die internationale Entwicklung des Bildungswesens zu verpassen. Dies wird mit einem unzulässigen Vergleich der deutschen, seit Beginn der 90er Jahre wenig veränderten Studierendenzahlen mit den Steigerungsraten von über 50 Prozent in Ländern wie Irland und der Türkei begründet. Die langfristige und die demographische Entwicklung werden dabei außer Acht gelassen. So hat die Expansion des Hochschulbereichs in Deutschland wesentlich früher angefangen als in den betrachteten Ländern, in den letzten 20 Jahren sind hier die Studierendenzahlen um über 75 Prozent angestiegen. Hinzu kommt, daß in Deutschland anders als in den betrachteten Ländern die Geburtenzahlen zwischen 1964 und 1975 um 43 Prozent gesunken sind. Das hat sich Anfang der 90er Jahre in einem Rückgang der Anfängerzahlen niedergeschlagen. In den nächsten zehn Jahren ist jedoch wieder mit einem deutlichen Anstieg der Zahl der Studienberechtigten zu rechnen."

Es sei das Problem solcher Vergleiche, daß nicht selten "Äpfel mit Zwergtomaten verglichen werden". So zählten in anderen Ländern Ausbildungen zum tertiären oder Hochschulbereich, die in Deutschland dem Sekundärbereich bzw. der beruflichen Bildung zugerechnet würden. Außerdem werde der Hochschulbereich höchst unterschiedlich definiert. In den USA zählten Ausbildungsangebote zum Hochschulbereich, die in Deutschland vor Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung angesiedelt seien und damit dem Schulbereich angehörten. Der gesamte Komplex der ersten berufsqualifizierenden Kurzstudiengänge, wie sie im angelsächsischen Bereich mit den Bachelor-Abschlüssen gegeben seien, sei in Deutschland gerade erst in der Entwicklung. Allerdings sei es wünschenswert, daß neue gestufte Studienabschlüsse in großer Zahl eingeführt würden.

Die Absolventen eines traditionellen deutschen Hochschulstudiums brächten eine Qualifikation mit, die in anderen Ländern erst über weiterführende Studiengänge erworben würden und dort auch wesentlich niedrigere Beteiligungsquoten als in Deutschland aufwiesen. "Man kann auf dieser Basis keine internationalen Durchschnittswerte ermitteln und die Ergebnisse dann zu Vorgaben für politisches Handeln machen. Der internationale Vergleich ist angesichts zunehmender Globalisierung sicherlich wichtig, doch müssen erst einmal die Ordnungsbegriffe vergleichbar gemacht werden", erklärte der HRK-Präsident.

Eine weitere Erhöhung der Studierquote in Deutschland setze im übrigen voraus, daß die Hochschulen endlich ausreichende Mittel erhielten, um mehr junge Leute aufzunehmen, sie adäquat ausbilden und vor allem auch zügig zum Abschluß führen zu können. Die Ausgaben pro Studierendem seien aber im Zeitraum 1980 bis 1995 kaufkraftbereinigt um 30 Prozent gefallen und fielen weiter. "Es ist an der Zeit, daß diese Entwicklung aufgehalten und wieder vermehrt in die Zukunftswerkstatt Hochschule investiert wird", so Landfried. "Auch die OECD-Statistiken zeigen, daß Deutschland mit einem Anteil von 4,5 Prozent der staatlichen Bildungsausgaben am Bruttoinlandprodukt einen Platz im unteren Viertel der OECD-Staaten einnimmt."

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