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Erster blinder Absolvent wird im Fachbereich Wirtschaftsinformatik verabschiedet

27.11.1998 - (idw) Fachhochschule Karlsruhe - Hochschule für Technik

Zum Wintersemester 1993/94 nahm Marco Steinebach das Studium der Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Karlsruhe - Hochschule für Technik auf, mit einer Besonderheit: Er ist blind.

In der Anfangsphase erfolgte seine Betreuung durch Mitarbeiter des "Modellversuchs Informatik" der Universität Karlsruhe. Auch die Lehrenden im Fachbereich Wirtschaftsinformatik wurden von dort aus auf die Durchführung von Vorlesungen, Praktika und Übungen für blinde Studierende vorbereitet und beraten. Zunächst war auch eine entsprechende Ausstattung für Marco Steinebach nötig: ein tragbarer PC, der über eine sogenannte Braille-Zeile verfügt, mit der die auf einem Bildschirm angezeigten Daten in Blindenschrift umgesetzt werden. Vor Studienbeginn erhielt er ein eigenes Mobilitätstraining mit dem Ergebnis, daß er sich ohne jede fremde Hilfe von seinem Wohnort in Langensteinbach bis zu seinem Sitzplatz im Vorlesungssaal bewegen konnte. Während seines Studiums begleiteten ihn Kommilitonen als Tutoren bei erforderlichen Gängen in ungewohnte Umgebung oder setzten Lehrmaterialien wie Vorlesungsmitschriften in maschinenlesbare Dokumente um, die Marco Steinebach dann über seinen speziellen PC in Blindenschrift lesen konnte. Auf diese Weise absolvierte er an der Hochschule für Technik Karlsruhe (FH) das gesamte reguläre Studium, auch die beiden praktischen Studiensemester, in denen er eigene Softwareprogramme erstellte, die sich im Alltag bewährten.

Zum Wintersemester 1998/99 konnte Marco Steinebach sein Studium erfolgreich beenden, womit er der erste blinde Absolvent im Studiengang Wirtschaftsinformatik an der Hochschule ist. Mit neun Semestern einschließlich der Diplomarbeit war er dabei nicht nur schnell, sondern auch außerordentlich erfolgreich. Weit überdurchschnittliche Leistungen wurden ihm vor allem in den programmiertechnischen Fächern attestiert, die auch bei seinen "sehenden" Kommilitonen als "harte Nüsse" gelten.
Seine Diplomarbeit fertigte Marco Steinebach am Institut für Linguistik der IBM Deutschland in Heidelberg an. Die von ihm in der modernen Programmiersprache Java erstellte Datenbankanwendung wird heute von IBM zur maschinellen Übersetzung von fachsprachlichen Texten eingesetzt.
Nach Abschluß seines Studiums ist auch die Meinung unter den Hochschullehrern einhellig: Die Integration eines blinden Studierenden in den regulären Hochschulbetrieb gestaltete sich weitaus leichter als zunächst angenommen.

"Das Beispiel von Marco Steinebach ist für uns der beste Beleg dafür", so Rektor Prof. Dr. Werner Fischer während einer kleinen Feier zur Verabschiedung des Absolventen, "wie erfolgreich Menschen mit Behinderungen auch ein Hochschulstudium bewältigen können, wenn für sie die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden." Dazu seien auch zahlreiche bauliche Maßnahmen in der jüngsten Vergangenheit zu zählen, so Prof. Dr. Werner Fischer, wie beispielsweise Rampen für Rollstuhlfahrer an verschiedenen Treppen, behindertengerechte Toiletten und Waschräume und nicht zuletzt die Installation eines Fahrstuhls im Mensagebäude.

Die Hochschule möchte über dieses Engagement einen Beitrag dazu leisten, Behinderten über ein Hochschulstudium auch den Weg in akademische Berufsfelder zu eröffnen - ein Anliegen, für das Marco Steinebach wieder als nachahmenswertes Beispiel angeführt werden kann. Trotz der Braille-Zeile am PC besteht eine der größten Hürden in der Ausbildung blinder Studenten durch weitverbreitete graphische Benutzeroberflächen wie Windows, in denen sich Benutzer anhand graphischer Symbole orientieren und ihre Anweisungen per Mouse-Click geben. Wie soll also ein Blinder den Mauszeiger auf einem entsprechenden Symbol plazieren? Ein inzwischen gelöstes Problem, wie Marco Steinebach am Messestand seines neuen Arbeitgebers, bei dem er seit Oktober als hochqualifizierter Systemberater unter Vertrag ist, vorführte. Mit sichtlichem Vergnügen konnte er dort Besuchern die Internet-Homepage der Fachhochschule Karlsruhe - Hochschule für Technik vorstellen.

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