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Bilanz der Frauenförderung an der Universität Tübingen vorgelegt

30.11.1998 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Bilanz der Frauenförderung an der Universität Tübingen vorgelegt

Frauenkommission der Universität legt dritten Bericht vor

Am Donnerstag, den 26.11.1998 hat die Senatskommission für die Förderung von Wissenschaftlerinnen und Studentinnen dem Senat der Universität Tübingen den dritten Bericht zur Situation der Frauenförderung an der Universität Tübingen vorgelegt. Der Senat hat den Bericht der Kommission ausführlich erörtert und die den Bericht abschließenden Empfehlungen mit einigen redaktionellen und inhaltlichen Änderungen einstimmig verabschiedet.

Der Bericht umfaßt die Jahre 1995-1997 und bilanziert sowohl die Fortschritte als auch die noch bestehenden Defizite auf dem Gebiet der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Wissenschaft. Die Statistik über die Entwicklung der Frauenanteile in den verschiedenen Qualifikationsphasen, zeigt auf, daß nach wie vor der Frauenanteil mit zunehmender Qualifikationsstufe deutlich abnimmt. Noch immer gibt es an der Universität Tübingen nur 6,3% Professorinnen. Acht der 16 Fakultäten haben gar keine Professorin. Dagegen nimmt die Neigung ein Studium aufzunehmen bei jungen Frauen noch immer zu. In diesem Semester sind an der Universität Tübingen erstmals mehr Studentinnen als Studenten eingeschrieben.

Eine der Ursachen für diesen Verlust an qualifizierten Frauen, den die Universität zu verzeichnen hat - so der Bericht ist die mangelhafte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Universität betrachtet es in diesem Zusammenhang als eine ihrer Aufgaben - so eine der vom Senat verabschiedeten Empfehlungen - Defizite des bestehenden kommunalen Angebots an Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die insbesondere die Gruppe der Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler betreffen, auszugleichen. Die Förderung der bestehenden Kindertagesstätte soll fortgesetzt werden.
Ein besseres Kinderbetreuungsangebot allein - so der Bericht - wird jedoch die Benachteiligungen der Frauen in der Wissenschaft noch nicht beheben. Ebenso wichtig ist die kritische Reflexion der derzeit in der Wissenschaft vorherrschenden Arbeits(zeit)strukturen. Ein ganzes Berufsleben hindurch 60-70 Stunden pro Woche verfügbar zu sein, ist nicht nur Frauen sondern auch Männern mit Kindern nicht zumutbar - so der Bericht. Der gesellschaftliche Wandel hin zu einer partnerschaftlichen Aufteilung der Berufs- und Familientätigkeit sowie die damit einhergehende gesellschaftliche Veränderung des Berufs- und Arbeitsethos, die auf eine Aufwertung "außerberuflicher" Tätigkeiten zielt, kann an der Wissenschaft nicht spurlos vorübergehen. Auch hier müssen sich Leitbilder und konkrete Arbeitsstrukturen verändern, was der Wissenschaft nicht schaden muß, sondern - im Gegenteil - ihrer Produktivität auch nützen kann.

Die Verbesserung der Studiensituation von studierenden Eltern steht im Zentrum zweier weiterer Empfehlungen, die auf individuell gestaltbare Studienverläufe und eine flexiblere Handhabung der Prüfungsabwicklung für studierende Eltern abzielen. Solche Maßnahmen gewinnen vor allem vor dem Hintergrund der Einführung der Studiengebühren für sogenannte Langzeitstudierende und der allgemeinen Zielsetzung der Verkürzung der Studienzeiten sowohl für die Studierenden als auch für die Universität selbst große Bedeutung.

Der Benachteiligung von Nachwuchswissenschaftlerinnen bei der Stellenbesetzung im wissenschaftlichen Dienst soll - so eine weitere Empfehlung - entgegengewirkt werden, indem ein größeres Maß an Transparenz bei den Stellenbesetzungsverfahren hergestellt wird. Dies soll u.a. durch regelmäßige Berichte über den Stand der Stellenbesetzungsverfahren in den Fakultätsräten gewährleistet werden.

Ein besonders großes Defizit - so der Bericht - besteht noch immer im Hinblick auf die noch viel zu geringe Zahl von Professorinnen. Der sich derzeit vollziehende Generationswechsel bei den Professuren ist eine historische Chance, dieses Mißverhältnis auszugleichen. Die Empfehlungen des Senats sehen hierzu unter anderem vor, potentielle Bewerberinnen gezielt auf Ausschreibungen aufmerksam zu machen und beim gesamten Berufungsverfahren darauf zu achten, daß auf den ersten Blick "neutrale" Auswahlkriterien nicht indirekt zum Ausschluß qualifizierter Wissenschaftlerinnen führen.
Eine längere teils kontroverse Diskussion wurde darüber geführt, ob die Universitätsfrauenbeauftragte ein Stimmrecht oder ein Vetorecht in Berufungskommissionen erhalten soll. Zwar konnte sich der Senat dieser Empfehlung der Senatsfrauenkommission letztlich nicht anschließen, die Universität Tübingen will sich jedoch dafür einsetzen, daß der Universitätsfrauenbeauftragten im Universitätsgesetz das Recht auf ein Sondervotum bei Berufungsverfahren erhält. Zwischenzeitlich soll zumindest an der Universität Tübingen eine Lösung gefunden werden, die sicherstellt, daß die Stellungnahme der Universitätsfrauenbeauftragten zu
einem Berufungsverfahren als Bestandteil der Berufungsakten ans Wissenschaftsministerium weitergeleitet wird.

Eine weitere, vom Senat verabschiedete Empfehlung hat zum Ziel, Forschung und Lehre zu Themen der Frauen- und Geschlechterforschung in den Fächern, in denen dies die wissenschaftliche Entwicklung nahelegt, zu stärken. Die Fakultäten sollen diese Wissenschaftsgebiete in ihre Strukturentwicklungsplanung aufnehmen und bei Neuausschreibungen von Professuren Teilwidmungen auf diesem Gebiet vornehmen.

Der Bericht der Senatsfrauenkommission befaßt sich auch mit den verschiedenen Umstrukturierungen der Universität im Zuge der Hochschulstrukturreform. Die Einführung neuer Studiengänge, die Festlegung neuer Zulassungsverfahren oder die Neustrukturierung der Mittelvergabe können im Sinne der Gleichstellung der Geschlechter genutzt werden. Um diese Chance wahrzunehmen sollen künftig die Frauenbeauftragten in allen Gremien und Ausschüssen beratend mitwirken können, die sich mit anstehenden Neustrukturierungen an der Universität befassen.

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