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Eine Philosophie für das 21. Jahrhundert

01.12.1998 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Eine Philosophie für das 21. Jahrhundert
Chemnitzer Wissenschaftler Prof. Ferdinand Fellmann macht Mut zum Philosophie-Studium

Das ist schon seltsam: Da erreicht das Buch "Sofies Welt", eine populär geschriebene Geschichte der Philosophie, eine Millionenauflage und steht monatelang weltweit in den Bestsellerlisten. Da strömen Hunderte allwöchentlich in "Philosophische Cafés", um sich dort über Fragen des Sinns und des Seins, über Gott und die Welt zu unterhalten - Philosophie auf dem Marktplatz, wie sie der Grieche Sokrates vor mehr als 2000 Jahren betrieb. Die Philosophie ist populär wie nie zuvor, wenn auch vielfach auf einem seichten Niveau.

Gleichzeitig befindet sich die Philosophie an den Universitäten in einer tiefen Krise. Nicht wenige halten das Fach für überflüssig. Sind nicht die Aufgaben, die einstmals die Philosophie hatte, längst an neue und andere Fächer übergegangen, an die Soziologie und Psychologie etwa und an die Biologie? Sind nicht viele Fragen schon längst und tausendfach beantwortet? Sind nicht viele Erklärungsmuster der akademischen Philosophie hoffnungslos veraltet und oft auch schlichtweg falsch? Und manch ein Bürokrat fragt sich auch: "Was machen diese Philosophen eigentlich den ganzen Tag lang? Und was kann man mit dem Beruf anfangen?". Kein Wunder, daß die Philosophie häufig mit dabei ist, wenn an Unis wieder mal Stellen gekürzt oder umverteilt werden.

Doch die akademische Philosophie hat uns auch heute noch etwas zu sagen - wenn es ihr gelingt, sich durchgreifend zu modernisieren. Davon ist der Chemnitzer Philosoph Prof. Dr. Ferdinand Fellmann überzeugt. In seinem soeben erschienenen Buch "Orientierung Philosophie - Was sie kann, was sie will" macht er angehenden Studenten Mut, sich für dieses Metier zu entscheiden, sei es nun im Haupt- oder im Nebenfach. Aber auch wer sich "nur einfach so" für Philosophie interessiert, kommt auf seine Kosten.

Daß die Philosophie heute mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, liegt daran, daß gerade an den Unis Anspruch und Wirklichkeit in diesem Fach weit auseinanderklaffen. Die Sprache der Philosophen gilt als kompliziert; und selbst kritische Geister im eigenen Fach sind oft der Ansicht, der unverständliche Stil diene nur dazu, über den dünnen Gehalt und die eigene Unwissenheit des Schreibers hinwegzutäuschen. Allzu häufig auch ergeht sich das Fach nur darin, die Klassiker von Sokrates bis Kant und Hegel in immer gleicher Weise noch einmal durchzukauen. Dabei wachsen die Berge von Sekundär- und Tertiärliteratur unaufhörlich an, ohne daß es zu einem wirklichen Erkenntnisfortschritt kommt - den Tausenden bereits existierender Abhandlungen zum gleichen Thema wird lediglich eine weitere hinzugefügt: Philosophie als Selbstzweck.

Diesen Teufelskreis möchte Fellmann durchbrechen. Das fängt schon bei der Sprache an, die bei ihm nicht verquast ist, kein abgehobener Fachjargon, sondern klar und durchsichtig. Freilich nicht trivial: "Da der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, kann in der Philosophie nichts einfach sein." Ihm geht es darum, der Philosophie wieder zu ihrem Platz unter den Wissenschaften zu verhelfen. Noch in den sechziger Jahren nämlich, so Fellmann, habe sie durch Denker wie Jürgen Habermas, Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer in die Öffentlichkeit hineingewirkt. Heute dagegen mache sich in den philosophischen Seminaren eine Lähmung breit und das Gefühl, von den geistigen Strömungen der Zeit ausgeschlossen zu sein.

Um dies zu ändern, plädiert Fellmann für ein neues Selbstverständnis, eine Öffnung der Philosophie hin zu den technischen Fächern und insbesondere zur Informatik Die Philosophie sei bisher nicht darauf vorbereitet, Wissen auf moderne Art zu verarbeiten und zu erwerben. Dabei wandle der Computer unser Leben und damit auch unser Denken von Grund auf. Als neuen Ansatz für philosophische Fragen, der zu einem Kurswechsel führen könne, macht er das Verhältnis zwischen Mensch und Welt im Informationszeitalter aus. Diese Leitidee müsse aber für unvorhergesehene Entwicklungen offen bleiben. Die Philosophie werde auch weiterhin ewige Frauen stellen. Anders als früher werde es aber keine ewigen Antworten mehr geben.

Dieser neue Ansatz führt dazu, daß sich die Ziele und die Verfahren des philosophischen Denkens ändern. Das wird, so sieht es Fellmann, ganz besonders an einem anderen Wahrheitsbegriff und an anderen Denkmethoden deutlich. "In der Antike hat Wahrheit bedeutet, daß die Erkenntnis mit den erkannten Dingen übereinstimmte; die Leitwissenschaft war damals die Mathematik. In der Neuzeit hat man dann zwischen Wahrheit und Wirklichkeit unterschieden. Eine Erkenntnis war wahr, wenn man sie durch Experimente überprüfen konnte. Leitwissenschaften waren deshalb die Naturwissenschaften. Heute ersetzt der Begriff der Information mehr und mehr den der Wahrheit und der Wirklichkeit - nur noch das ist wirklich, was sich in Form von Information darstellen läßt." Damit werden die modernen Strukturwissenschaften, besonders die Informatik und die Linguistik, zu den Leitwissenschaften der Epoche.

Im gleichen Maße haben sich auch die philosophischen Denkmethoden geändert: "Während in der Antike das Begründungswissen vorherrschte, war es in der Neuzeit das Rechtfertigungswissen. Heute hat sich alles Wissen in Informationen aufgelöst, und die müssen miteinander verknüpft werden. Die Aufgabe der Philosophie dabei ist es, neue Modelle zu entwickeln, wie der Fluß der Gedanken aufrechterhalten werden kann. Gefragt ist die Analyse, die praktische Vernunft hat Vorrang." Von ihrem Absolutheitsanspruch müsse sich die Philosophie dagegen verabschieden. "Nur wer analytische Fähigkeiten ausbildet und diese mit Phantasie zu verbinden weiß, wird die Zeichen der Zeit richtig deuten. Statt des Strebens nach ewigen Wahrheiten entscheidet nun das Verlangen nach Sinn und Bedeutung über die Brauchbarkeit eines Gedankens," resümiert Fellmann.

Die Philosophie der Zukunft braucht deshalb laut Fellmann einen neuen Realismus, eine neue Systematik und eine neue Kommunikation. "Der neue Realismus wird die vom Menschen hevorgebrachten virtuellen Welten auf ihre Folgen für die Praxis untersuchen. Er wird klären, wie sie gemacht sein müssen, damit sich der Mensch an ihnen orientieren kann. Die neue Systematik wird nicht mehr nur unschöpferisch alte in sich geschlossene geistige Systeme neu zusammmenfassen, sondern neue offene Experimentalsysteme schaffen. Die neue Kommunikation schließlich baut nicht mehr darauf, daß sich die Wahrheit schon von selbst durchsetzt, sondern unterstützt dies durch den Dialog, die Verarbeitung des Wissens und die Verständigung." Nicht nur die Geldmärkte, sondern auch die Wissensmärkte stünden vor einer Globalisierung. Die neue Kommunikation sei deshalb interkulturell: Sie vermittle die Fähigkeit, sich selbst von außen zu sehen, ohne den eigenen Standpunkt aufzugeben.

Dies bedeute, daß die Philosophie alte Denkgewohnheiten aufgeben müsse, um neue Formen der Forschung und Vermittlung zu entwickeln. Dann aber sei die Philosophie auch als Studienfach wieder attraktiv. Fellmann räumt allerdings ein, daß es Philosophen auf dem Arbeitsmarkt nie einfach haben werden. Die Universitätslaufbahn stehe nur wenigen offen, auch in den viel beschworenen Nischen sei es äußerst eng. Daher empfiehlt er, die Philosophie mit einem oder zwei praxisbezogenen Fächern zu kombinieren, etwa der Informatik, den Wirtschafts- oder den Ingenieurwissenschaften, wie es in Chemnitz bereits seit längerem möglich ist. Seine Absolventen haben damit gute Erfahrungen gemacht. Von der klassischen Verbindung mit Germanistik, Politikwissenschaft oder Soziologie rät er dagegen ab, da sich hierdurch die Berufschancen eher verringern. Und er betont: "Niemand sollte sich durch das beschädigte Image der akademischen Philosophie vom Studium abhalten lassen. Philosophieren ist und bleibt immer ein Abenteuer."

(Autor: Hubert J. Gieß)

Das Buch "Philosophie - Was sie kann, was sie will" von Prof. Ferdinand Fellmann ist als erster Band der neuen Reihe "Orientierung" bei rowohlts enzyklopädie im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, erschienen. 183 Seiten, 15,90 Mark, ISBN 3-499-55601-4.

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