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Eine Prothese des 17. Jahrhunderts

02.12.1998 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Im Jahr 1622 erleidet Herzog Christian II. von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel bei Fleurus in einer Schlacht gegen die Spanier eine Schußverletzung. Daraufhin muß sein linker Arm knapp über dem Ellbogen amputiert werden. Eine entsprechende Prothese, die sogenannte "Braunschweiger Hand", ist aber entgegen bisherigen Vermutungen offenbar gar nicht von dem Herzog getragen worden.

Das war beim XVIII. Würzburger medizinhistorischen Kolloquium zu hören, das vom 6. bis 8. November 1998 auf Burg Lisberg nahe Bamberg stattfand. Veranstaltet wurde es von der Würzburger medizinhistorischen Gesellschaft in Verbindung mit dem Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg. Die Leitung des Kolloquiums lag in den Händen von Institutsvorstand Prof. Dr. Dr. Gundolf Keil.

Nach Grußworten des 2. Bürgermeisters von Lisberg, Berthold Litzlfelder, sowie des 2. Vorsitzenden der Würzburger medizinhistorischen Gesellschaft, Dr. Ralf Vollmuth, wurde dem auf etwa 60 Hörer begrenzten Teilnehmerkreis ein Vortragsprogramm geboten, dessen Themenschwerpunkt auf der "Braunschweiger Hand" und dem amputierten Herzog lag. Eine ergänzende Ausstellung zeigte einschlägige Exponate.

Dr. Liebhard Löffler aus Trabelsdorf beschrieb die Funktionsweise der eisernen Arm-Hand-Prothese, die sich im Besitz des Herzog-Anton-Ulrich-Museums zu Braunschweig befindet, und stellte die Frage nach ihrer Erbauer-Berufsgruppe. Diese ist, wie Waffenexperten meinen, aller Wahrscheinlichkeit nach im Büchsenmacherhandwerk zu suchen. Mit Hilfe vermutlicher Konstruktionsteile der Büchsenmacherei konnte das Alter des Kunstarmes auf die Zeit zwischen 1570 und 1700 eingegrenzt werden.

Doch nach Löffler dürfte es sich bei der Braunschweiger Prothese, deren Preis dem "Gegenwert eines großen Hofes samt Inventar" entsprach, trotz ansonsten passender Daten, nicht um eine von Christian II. getragene handeln. Denn sie stammt, wie ein schriftlicher Hinweis verrät, aus einem Grab, und der Sarkophag des Herzogs war bis zu seiner Öffnung im Jahr 1995 unversehrt geblieben.

Diese Öffnung brachte aber einen "sensationellen, gänzlich unerwarteten Fund" zutage: Auf dem Skelett Christians II. befand sich ein präparierter linker Arm, der in eine Offiziersschärpe gehüllt war. Bernd Herrmann vom Institut für Anthropologie der Universität Göttingen gelang es in der Folge, indem er die Methode des genetischen Fingerabdrucks auf die Skeletteile anwendete, deren Zusammengehörigkeit nachzuweisen.

Wie Helmut Mayer aus Wolfenbüttel anmerkte, könne es sich bei dem beigelegten präparierten Unterarmskelett um eine "bisher nicht bekannte Form eines natürlichen Kunstgliedes" handeln, das "mit Kupferdrähten verbunden, mit Bandagen umwickelt, in einem Ärmel verborgen, am Oberkörper und Restoberarm mit Bandagen befestigt, in zum Beispiel eine Offiziersschärpe gelegt", getragen wurde. Doch dies hielt Löffler, nach einem entsprechenden Hinweis von Dr. Christoph Weißer aus Würzburg, wegen fehlender Abnutzungserscheinungen im Bereich der Eingänge zu den gebohrten Knochentunneln für wenig wahrscheinlich.

Was schließlich die Motivation für die Sarkophag-Beigabe betrifft, sah Löffler in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen von Dr. Johannes G. Mayer (Würzburg) ethisch-religiöse Motive als ausschlaggebend an: Offenbar sollte der Herzog seine Auferstehung am Jüngsten Tag in körperlich unversehrtem Zustand bewältigen. Die Gesamtthematik um die "Braunschweiger Hand" wurde durch weitere Beiträge abgerundet.

Aus dem Fachgebiet der Chirurgie des 19. Jahrhunderts referierte der Würzburger Prof. Dr. Bernd Gay über Leben und Leistung des "Chirurgen und Poeten" Richard von Volkmann-Leander. 1830 als Sohn des Physiologen Alfred Wilhelm Volkmann in Leipzig geboren, studierte er in Halle und Berlin Medizin. Nach Promotion (1854), chirurgischer Assistentenzeit und Habilitation (1857) in Halle praktizierte er dort viele Jahre mit großem Erfolg als Allgemeinarzt, bevor er 1863 zum außerordentlichen, 1867 zum ordentlichen Professor und Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Halle ernannt wurde. Wiederholt zum Präsidenten der von ihm mitinitiierten "Deutschen Gesellschaft für Chirurgie" gewählt und 1885 geadelt, starb er 1889 in Jena.

Auf chirurgischem Sektor besteht sein Hauptverdienst darin, Listers "antiseptische Wundbehandlung" zum Gemeingut der deutschen Chirurgie gemacht zu haben. Darüber hinaus dürfe er, so Prof. Gay, als Begründer der orthopädischen Chirurgie und Traumatologie angesehen werden. Allerdings arbeitete Volkmann-Leander auch über die Ätiologie des Rektumkarzinoms und den Teerkrebs, das sogenannte Schornsteinfegerkarzinom.

"Eine einzigartige Doppelbegabung" ließ den Mediziner daneben unter dem Pseudonym Richard Leander als Verfasser von Gedichten und Liedern, vor allem aber einer Sammlung von 22 Kunst- und Volksmärchen unter dem Titel "Träumereien an französischen Kaminen" hervortreten. Dies brachte ihm laut Prof. Gay "hohen literarischen Ruhm" und mehr als 300 Auflagen mit weit über einer Million gedruckter Exemplare ein.

In einem "lexikographischen Werkstattbericht" präsentierte schließlich PD Dr. Dr. Werner E. Gerabek aus Würzburg vor allem Konzeption und Auswahlkriterien für die Edition des medizinhistorischen "Pschyrembel" - ein Vorhaben, das für das Jahr 2000 geplant ist und das zum Teil am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg vorbereitet wird. Dieses Lexikon der medizingeschichtlichen Forschung soll in seiner Aufmachung dem klassischen "Klinischen Wörterbuch" entsprechen und auf etwa 1.300 Seiten 3.000 Stichwörter zu Biographien wie zu Sachtiteln aller Epochen und Kulturen, besonders des Abendlandes, enthalten.

Es ist vorgesehen, die bei dem Kolloquium gehaltenen Vorträge im Jahr 1999 in Band 18 der "Würzburger medizinhistorischen Mitteilungen" zu veröffentlichen.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Dr. Gundolf Keil, Institut für Geschichte der Medizin, T (0931) 79 67 80, Fax (0931) 79 67 878.

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