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Opium-Missbrauch hat im Rheinland Tradition

25.07.2002 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Johann Wolfgang von Goethe sagt in seinen "Maximen und Reflektionen": "Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter betäubt werde, ohne zu schlafen: daher der Genuß in Tabakrauchen, Branntweintrinken, Opiaten." Auch die Rheinländer waren dem Rausch mitunter nicht abgeneigt. Aachen wurde sogar zu einem Zentrum des Opium-Missbrauchs, nachdem die Stadt im 17. Jahrhundert zu einem führenden Kurort ausgebaut worden war und von wohlhabenden Patienten, die Opium vor allem als Betäubungsmittel schätzten, aufgesucht wurde. Zu diesem Schluss kommt Dr. Gunther Hirschfelder, derzeit Lehrstuhlvertreter am Volkskundlichen Seminar der Universität Bonn, der die Kulturgeschichte der pflanzlichen Drogen in Europa untersucht hat.

"Opium war das stärkste verfügbare Rauschmittel der vorindustriellen Zeit", erklärt Dr. Hirschfelder. Die aus dem alkaloidhaltigen Milchsaft der unreifen Schlafmohnkapseln gewonnene Droge spielte bereits in der griechisch-römischen Heilkunde eine bedeutende Rolle. Sie wurde als wirksamstes Schlaf- und Betäubungsmittel zunächst meist als Beimischung von Arzneimittelzubereitungen eingesetzt, aber wohl auch schon als Droge in unserem Sinn.

Unter den opiumhaltigen Zubereitungen spielte der seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert bekannte Theriak die wichtigste Rolle. Die Arznei konnte neben Opium und Schlangenfleisch verschiedene Würzkräuter, Wurzeln, Honig und Wein enthalten - bis zu 400 Zutaten wiesen die Mischungen auf. Theriak wurde ursprünglich als Gegengift eingesetzt. Andromachus, der Leibarzt des römischen Kaisers Nero, hatte es entwickelt. Einer der wichtigsten Handelsplätze für Theriak war Venedig, was nicht unwesentlich zum Reichtum der Kaufmannsstadt beitrug.

"Theriak bekam im ausgehenden Mittelalter in vielen urbanen Zentren den Ruf eines Allheil- und Wundermittels und sollte sogar gegen Syphilis und Pest helfen - auch in Köln und Umgebung", so der Volkskundler. Seit dem 17. Jahrhundert gab es dann eine ganz neue Entwicklung: Opium wurde vom Medikament zur Modedroge. Daran war das aufstrebende europäische Kur- und Badewesen maßgeblich beteiligt. "Vor allem der Kurort Aachen machte zu dieser Zeit als Zentrum des Opiummissbrauchs im Rheinland von sich reden. Das wohlhabende internationale Badepublikum hatte den freizügigen Umgang mit Opiaten bereits im Ausland kennen gelernt; viele Kranke ließen sich zudem Opiate als Anästhetika verschreiben." Der hohe Preis des Importgutes schloss aber die große Mehrheit der Bevölkerung vom Opiumkonsum aus.

Der Anteil des Opiums ist aus den Quellen nicht zu ermitteln, so Dr. Hirschfelder. Der Volkskundler vermutet aber, dass in kostspieligeren Mischungen auch mehr Opium beigefügt war. "So liegt der Schluss nahe, dass reiche Rheinländer, die das Mittel regelmäßig zur Behandlung oder Prophylaxe einnahmen, unwissentlich in eine Drogenabhängigkeit gerieten, die zwar nicht diagnostiziert wurde, die aber alle unerwünschten Begleiterscheinungen einer Sucht aufwies."

Die rheinische Drogenkultur der Vormoderne erlebte in der Franzosenzeit um 1800 ihren Höhepunkt. Als das Rheinland nach 1815 preußisch wurde, wurde das Opium wieder zum verschreibungspflichtigen Medikament, um am Jahrhundertende aber als gefährliches frei verkäufliches Derivat "Heroin" zurückzukommen. Anders in England: Dort kam es durch Billigimporte aus den Kolonien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer regelrechten Drogenepidemie.

Einzelheiten und viele Fallbeispiele beschreibt Hirschfelder in einem jüngst erschienenen Aufsatz sowie ab September in einer neuen Monographie.

Ansprechpartner für die Medien: Privatdozent Dr. Gunther Hirschfelder, Volkskundliches Seminar an der Universität Bonn, Tel.: 0228/73-2573, E-Mail: g.hirschfelder@uni-bonn.de

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