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Humanitäre Hilfe

10.12.1998 - (idw) Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

Die meisten Katastrophen in Afrika

Humanitäre Hilfe zwischen Politik und Moral

Berlin (wbs) Seit 1946 ist ein dramatischer, langfristiger Anstieg aller Arten von Kata-strophen festzustellen, wie aus einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozial-forschung (WZB) hervorgeht. Neu sind humanitäre Katastrophen, die im UN-Sprachgebrauch als "complex emergencies" bezeichnet werden. Solche Ereignisse entstehen in Folge des Zerfalls von Staaten und dem hemmungslosen Kampf verschiedener Gruppen um die Macht. Mit der wachsenden Zahl der Katastrophen vermischen sich immer mehr staatliche und nichtstaatliche Hilfstätigkeiten in Krisenregionen. Dadurch werden bisher geltende Grenzen in der außenpolitischen Praxis aufgelöst.

In der WZB-Studie "Im Spannungsfeld von Politik und Moral: die Politik Humanitärer Hilfe" wurde humanitäre Hilfe an der Schnittstelle von Menschenrechten, menschlichem Leiden und staatlicher Interessen- und Machtpolitik von Wolf-Dieter Eberwein untersucht. Planung und Umsetzung humanitärer Hilfe haben sich nämlich seit 1990 sehr stark verändert. Empirische Grundlagen der Analyse sind Daten zu humanitären Katastrophen von 1946 bis heute, die am Centre for the Research of the Epidemiology of Disasters an der Universität Löwen in Belgien vorliegen, und zu inner- sowie zwischenstaatlichen, gewaltsamen Konflikten des "Correlates of War"-Projekts an der Universität Michigan, Ann Arbor, USA.

Für die erheblichen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Ka-tastrophen sind heute drei Faktoren entscheidend:
· der politische und gesellschaftliche Kontext, in dem sie auftreten - Stabile Gesellschaften sind eher in der Lage, Katastrophen zu bewältigen, als instabile Gesellschaften.
· die Art und Dauer der Katastrophe - Die Folgen eines Erdbebens sind leichter zu bewältigen als eine Bürgerkriegssituation.
· die Häufigkeit, mit der Katastrophen eintreten.

Bei Katastrophen kann in natürliche oder menschlich verursachte und in kurzfristig auftretende oder langfristig wirksame Ereignisse unterschieden werden. Eine präzise Trennung in mensch-liche und natürliche Ursachen ist allerdings oft nicht möglich. Natürliche Katastrophen werden nämlich vielfach durch menschliches Verhalten ausgelöst. So trägt etwa der fortschreitende Prozeß der ökologischen Zerstörung der natürlichen Umwelt durch menschliche Eingriffe zum Auftreten natürlicher Katastrophen bei. Menschlich verursachte Katastrophen können ihrerseits auch durch die zunehmende Verknappung natürlicher Ressourcen und dadurch indirekt wegen der damit verbundenen Verteilungskonflikte zu neuen menschlich verursachten Katastrophen führen.

Besonders problematisch sind die längerfristigen, menschlich verursachten Katastrophen. Darunter fallen sämtliche Formen der Gewaltausübung: zwischenstaatliche kriegerische Auseinan-dersetzungen und "Kriege der dritten Art" (Bürgerkriege, Sezessionskriege, Clankriege), das heißt gewaltsame Auseinandersetzungen in Staaten, die zum Teil nur über schwach ausge-prägte Institutionen verfügen ("weak states"), zum Teil sogar als solche faktisch aufgehört haben zu existieren ("failed states").

Bei kurzfristigen, natürlichen Katastrophen liegt der Schwerpunkt ihres Auftretens in Ozeani-en, Süd- und Südostasien sowie in Nordamerika und Westeuropa. Kurzfristige, menschlich verursachte Katastrophen gab es u. a. am häufigsten in Südasien und Nordamerika. Langfristi-ge, natürliche Katastrophen sind vor allem in Ostafrika, Südafrika und Südasien anzutreffen. Die meisten menschlich verursachten langfristigen Katastrophen (unter Ausschluß von Gewalt) ereigneten sich eindeutig in Afrika (31 von insgesamt 47 derartigen Vorkommnissen zwischen 1946 und 1997).

Im Gefolge dieser humanitären Katastrophen ist die langjährige Tätigkeit der humanitären Hilfsorganisationen stark ins öffentliche Bewußtsein gedrungen. Sie bilden heute ein umfas-sendes internationales Hilfssystem, das zum Teil national, zum Teil international organisiert ist. Ihre Helfer versuchen, zuweilen unter Einsatz ihres eigenen Lebens, die schlimmsten Fol-gen dieser Katastrophen zu lindern, indem sie eine medizinische Versorgung aufbauen und Nahrung sowie Unterkünfte bereitstellen. Die Helfer werden durch die veränderte Komplexität der Katastrophen mit völlig neuen Problemen konfrontiert, die ohne Unterstützung der Politik nicht zu bewältigen wären. Dazu zählen insbesondere der Zugang zu den Opfern, der Schutz der Opfer und der Helfer.

"Humanitäre Hilfe heute - Im Spannungsfeld von Politik und Moral", in: WZB-Mitteilungen, Heft 82
(Dezember 1998), S. 15 - 18

Wolf-Dieter Eberwein, Sven Chojnacki, Disasters and Violence 1946-1997 - The Link
between the Natural and the Social Environment, 50 S. (WZB-Bestellnummer P 98-302)

Weitere Informationen: Professor Dr. Wolf-Dieter Eberwein
Tel: 030-25 49 15 64
E-mail: eberwein@medea.wz-berlin.de
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