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"Erneuerbare Energien brauchen eine Chance"

16.12.1998 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Prof. Dr. Klaus Heinloth vom Physikalischen Institut der Universität Bonn ist als Sachverständiger und Delegierter der Bundesregierung Mitglied des "Intergovernmental Panel on Climate Change". Der Bonner Wissenschaftler bezweifelt, daß die CO2-Ziele von Rio mittelfristig ohne Kernenergie erreicht werden können.

Die Energiefrage erhitzt seit Jahren die Gemüter. Kaum ein Thema eignet sich besser zum polarisieren und polemisieren. Welche Rolle können und sollen regenerative Energien spielen? Wie sicher ist die Kernenergie und wie steht es mit der Entsorgung von radioaktiven Abfällen? Kann der Treibhauseffekt gestoppt werden? Die Diskussion ist meist geprägt von politischen Überlegungen oder von Lobbyinteressen. Einer der wenigen unabhängigen Fachleute, die allgemein anerkannt werden, ist Prof. Dr. Klaus Heinloth. Er fordert, erneuerbare Energien endlich konkurrenzfähig zu machen und plädiert darüber hinaus für eine andere Atomenergiepolitik. Heinloth lehrt am Physikalischen Institut der Universität Bonn und war Mitglied der beiden Enquete-Kommissionen zum Schutz der Erdatmosphäre des 11. und 12. Deutschen Bundestages. Seit 1988 ist er als Sachverständiger und Delegierter der Bundesregierung Mitglied des "Intergovernmental Panel on Climate Change".

Die fossilen Brennstoffe, die gegenwärtig in den Industrieländern noch 80 bis 90 Prozent, weltweit etwa 75 Prozent des Energiebedarfs decken, müssen dringend durch andere Energiequellen ersetzt werden. Geschieht das nicht, droht ein Umkippen des Weltklimas, möglicherweise ausgelöst schon durch einen nur wenig erhöhten Treibhauseffekt. Das Problem ist längst erkannt. In der Konvention von Rio haben sich die Staaten 1992 darauf geeinigt, die Kohlendioxid-Emissionen im weltweiten Mittel um etwa die Hälfte bis zum Jahr 2050 zu reduzieren. Dieses Ziel, so rechnet Heinloth vor, ist selbst bei der optimistischen Annahme, daß die Energieeffizienz um 50 Prozent gesteigert werden und der unrealistischen Annahme, daß der Anteil erneuerbarer Energien auf 30 Prozent anwachsen könne, nicht zu erreichen. Günstigstenfalls sei weltweit eine Einsparung von einem Drittel zu erzielen.

Um aber dieses "abgespeckte" Rio-Ziel zu verwirklichen, müsse die Politik deutliche Weichen stellen und regenerative Energien konkurrenzfähig machen. Ein Mittel dazu könnte die Ökosteuer sein, wenn dadurch die fossilen Energien etwa um einen Faktor 2 teurer werden. Derzeit besteht das Dilemma unter anderem darin, daß eine Kilowattstunde Strom durch Kohle oder Erdöl wesentlich günstiger zu erzeugen ist als durch neu zu bauende Atomenergie und erst recht durch alternative Energien wie solarthermische Kraftwerke. Damit ist kein Anreiz für die Investition in eine solche alternative Energieerzeugung gegeben. Müßten die Stromerzeuger für alle Folgekosten aufkommen, sähe die Rechnung natürlich anders aus. Doch selbst wenn Sonne, Wind, Wasser und Biomasse optimal genutzt würden, ließe sich damit in Deutschland maximal ein Viertel des voraussichtlichen Bedarfs an Endenergie und an elektrischer Energie decken. Der Bedarf an elektrischer Energie schwankt abhängig von der Tageszeit zwischen 45 und 65 Gigawatt (GW). Um beispielsweise über Solarzellen während der beschränkten Zeit hoher Sonneneinstrahlung zehn GW Strom zu erzeugen, müßten Solarzellen auf 5 Millionen Dächern mit jeweils 20 m2 Solarzellen-Modul-Fläche und zu Investitionskosten von insgesamt mindestens 50 Milliarden DM installiert werden. Will man 5 Prozent des Strombedarfs durch Biomasse decken, also den Anbau von Pflanzen als Energie-Rohstoff, so müßten dafür rund 15 Prozent der heute landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Bundesrepublik bereitgestellt werden. In zahlreichen Entwicklungsländern kollidiert eine derartige Energiegewinnung jedoch schnell mit dem Ziel, die Bevölkerung zu ernähren.

Mittelfristig werde man ohne Kernenergie nicht auskommen, so Heinloth. Selbst dann nicht, wenn der Ausbau regenerativer Energiequellen vorangetrieben, die Energieeffizienz auf das derzeit technisch maximal Machbare vorangetrieben und - wo immer möglich - Energie gespart werde. Da es demnach nicht ohne Kernenergie geht, plädiert er dafür, sie sicherer zu machen. Möglich wäre das auch heute schon durch den Bau von Hochtemperatur-Reaktoren, die nach einem anderen physikalischen Prinzip arbeiten als die weit verbreiteten Leichtwasserreaktoren. Diese und erst recht die vom Tschernobyl-Typ bergen dagegen ein ernstzunehmendes Restrisiko.

Letztlich ist die Politik gefordert: Regenerative Energien - als die einzig gefahrlosen Energiequellen - müßten konkurrenzfähig und die Kernenergie im Rahmen des Möglichen zumindest sicherer werden. Darüber hinaus sollte auch das vorhandene Wissen schneller verfügbar gemacht, interessante Techniken besser gefördert und verstärkt nach neuen Technologien geforscht werden, soll unsere Welt noch eine Chance haben.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Klaus Heinloth, Tel.: 0228 - 73 3604, e-mail: heinloth@physik.uni-bonn.de

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