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Standort Deutschland unter Druck? Wie sich die Unternehmen an die Währungsunion anpassen

21.12.1998 - (idw) HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg

Die Europäische Währungsunion (EWU) bringt für die Unternehmen nicht nur technische Umstellungen im Finanzwesen mit sich. Der durch Preis- und Kostentransparenz und sinkende Transaktionskosten intensivierte Wettbewerb dürfte auch strategische Reaktionen auslösen, welche zu Standortverschiebungen führen. Der Standort Deutschland könnte in der Währungsunion unter Druck geraten. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage des Hamburger HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung zu den Unternehmensstrategien in der Währungsunion. Die Umfrage beruht auf den Angaben von über 200 der größten in Deutschland tätigen Unternehmen, davon 182 aus Industrie und Handel sowie 32 Banken und Versicherungen. Ziel der Umfrage war es, die in der EWU von den Unternehmen geplanten regionalen Veränderungen bei Absatz, Beschaffung, Produktion und Investition aufzuzeigen.

Rund 38% aller antwortenden Industrie- und Handelsfirmen planen derartige Veränderungen. Dabei ist der Standort Deutschland nicht immer erste Wahl. Andere Länder, vor allem jene in der Euro-Zone schneiden oftmals besser ab (siehe Tabelle):

Zwar sehen mit der Verwirklichung der Währungsunion rund 18% der Unternehmen neue Expansionsmöglichkeiten im Ausland, primär durch vermehrten Export von Gütern und Diensten in die anderen EWU-Teilnehmerländer. Deutlich mehr Umfrageteilnehmer, nämlich gut 30%, planen jedoch ihre Beschaffung aus dem Ausland zu steigern. Dabei steht ebenfalls die Euro-Zone im Mittelpunkt. Die verstärkte Auslandsbeschaffung korrespondiert oft mit rückläufiger Beschaffung in Deutschland. Diese Tendenz scheint - wie eine Auswertung der in Kooperation mit dem ZVEI befragten Elektroindustrie zeigt - besonders ausgeprägt bei den größeren Unternehmen zu sein.

In der Produktion und bei neuen Investitionen sind regionale Umschichtungen weniger häufig, gehen aber in die gleiche Richtung. Wie die Angaben in der Tabelle zeigen, gewinnen ausländische Standorte gegenüber dem Inland an Gewicht.

Diese Entwicklung ist, so Rolf Jungnickel vom HWWA-Institut, nicht nur auf die Währungsunion zurückzuführen. Sie ist im Zusammenhang mit der generellen Europäisierung der Unternehmen und mit den seit geraumer Zeit ablaufenden Globalisierungsprozessen zu sehen. 94% der Unternehmen hätten die angegebenen regionalen Veränderungen zumindest teilweise auch ohne EWU vorgenommen. 16% haben die entsprechende Frage sogar ohne Einschränkung bejaht.

Die EWU setzt also nicht völlig neue Entwicklungen in Gang. Vielmehr forciert sie bestehende Trends zur Stärkung der Marktposition im Ausland und zur internationalen Optimierung der Produktion, die allerdings per saldo mit Verschiebungen zu Lasten deutscher Produktion verbunden sein kann. Davon dürften auch die Absatzchancen solcher Unternehmen berührt werden, welche sich bisher von der Währungsunion wenig betroffen sehen. Insbesondere gilt dies für kleinere inländische Zuliefererfirmen. Sie werden von der Europäisierung der Beschaffung bei großen Handels- und Industrieunternehmen unter Druck gesetzt und müssen verstärkt Innovations-, Produktions-, und Absatzstrategien entwickeln, um den wettbewerbsintensiveren Inlandsmarkt zu halten und auch im Euroland Fuß zu fassen.

Wenn die Auslandsbeschaffung zunimmt, ohne daß dem ein voller "Ausgleich" durch zunehmenden Absatz in Deutschland oder im Ausland gegenüber steht, so bedeutet dies laut HWWA-Forscher Jungnickel nicht, daß sich die EWU schädlich auf den Standort Deutschland auswirkt. Für die Beurteilung dieser Frage ist eine gesamtwirtschaftliche Perspektive geboten. Die Nutzung ausländischer Standortvorteile steigert die Effizienz und ermöglicht reale Einkommensgewinne im Inland. Allerdings lassen sich diese Gewinne nur dann voll realisieren, wenn der Strukturwandel reibungslos funktioniert. Schließlich gilt es, Erwerbsalternativen für die von der Auslandskonkurrenz verdrängten Arbeitnehmer und Unternehmen zu entwickeln. Für die Struktur- und die Standortpolitik bringt die EWU also erhöhte Anforderungen mit sich.


Standortwirksame Strategien der Industrie- und Handelsunternehmen in der Währungsunion
(Veränderung der Regionalstruktur, % der antwortenden Firmen)


Deutschland EURO-Raum übr. EU-Länder "Rest der Welt"
mehr weniger mehr weniger mehr weniger mehr weniger
Absatz in ... 6 8 16 2 5 4 5 2
Beschaffung aus ... 2 23 30 2 10 5 6 5
Investition in ... 5 8 7 1 2 2 5 1
Verlagerung von Wertschöpfung ...
von Deutschland nach ... - 4 1 3
von ... nach Deutschland - 1 2 2

Gesamtzahl der antwortenden Unternehmen: 182
davon erwarten regionale Verschiebungen: 69(=38%)

Quelle: Eigene Erhebungen Okt./Nov. 1998
Weitere Informationen:
Rolf Jungnickel, HWWA-Institut
Tel. 040 / 35 62 411
Fax 040 / 35 19 00
E-mail: jungnickel@hwwa.uni-hamburg.de
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