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Aug´ in Auge: Horn- und Lederhaut-Transplantation

23.12.1998 - (idw) Charité-Universitätsmedizin Berlin

AUS DER MEDIZIN FÜR DIE MEDIEN Nr. 20 1998

Die Verpflanzung der menschlichen Hornhaut ist die häufigste, erfolgreichste, preisgünstigste, vielleicht segensreichste, vermutlich aber auch unbekannteste Transplantation. Mit rund 2500 Übertragungen im Jahr übertrifft sie in Deutschland die Zahl der Transplantationen der Niere (2300 in 1997), der Leber (713), des Herzens (550), der Bauchspeicheldrüse (190) sowie der Lunge (137).Trotzdem wird damit der jährliche Bedarf von etwa 6000 Spenden nicht einmal zur Hälfte gedeckt. Mehr Aufklärung der Bevölkerung über die Besonderheiten der Hornhautspende dürfte nach Auffassung von Professor Christian Hartmann, Direktor der Augenklinik der Berliner Charité, dazu führen, diesen Mangel in Deutschland zu beheben. Denn, so Hartmann, zwei Drittel der Angehörigen von Verstorbenen geben ihre Zustimmung zur Hornhautspende, wenn sie denn gefragt werden. Tatsächlich bitten Krankenhausärzte aber zu selten darum. Zur Zeit stammen zwei Drittel der zur Verfügung gestellten Hornhäute von hirntoten Unfallopfern auf Intensivstationen. An der Hornhautspende können sich aber auch Personen beteiligen, die "ganz normal" gestorben sind. Denn anders als bei der Spende von großen Organen, ist die Entnahme der Hornhaut nicht eilig. Damit kann bis zu 24 Stunden nach dem Tod gewartet werden. Die Entscheidung dazu wird den Angehörigen oft auch deshalb leichter fallen, weil eine Diskussion um den sogenannten Hirntod auf Allgemeinstationen gar nicht erst aufkommt. Als Spender kommt ohne Altersbeschränkung jeder Tote in Frage, sofern seine Hornhaut gesund, also glatt, glänzend und transparent ist. Aber nicht nur die Entnahme kann warten, auch die Implantation der Spende kann bis zu 4 Wochen aufgeschoben werden, wenn die Hornhaut zwischenzeitlich in einem Speziallabor, einer sogenannten Hornhautbank, aufbewahrt wird. Solche Banken bestehen zur Zeit sowohl an der Charité als auch an etwa einem halben Dutzend anderer Kliniken in Deutschland.
Der Umgang mit der Hornhaut ist durch das Transplantations- aber auch durch das Arzneimittelgesetz geregelt. Die Augenklinik der Charité ist über die "Stiftung Organtransplantation" an das europäische Verteilernetz "Eurotransplant" im holländischen Leiden angeschlossen, und nimmt so am europaweiten Austausch von Spenden und Empfängern teil. Wenn die Hornhäute aber an der selben Klinik, in der sie entnommen wurden, auch verpflanzt werden können, so kann die Meldung an "Eurotransplant" unterbleiben. Nach diesem "Regionalprinzip" ist auch mit dem überwiegenden Teil der 144 Hornhäute verfahren worden, die die Hornhautbank der Charité in diesem Jahr (Stand Mitte Dezember) päpariert und zeitweilig aufbewahrt hat. Hartmann verpflanzt im Jahr zwischen 100 und 120 Hornhäute. In der Bank (die aus Forschungsmitteln bezahlt wird) lagern meist bis zu 10 der begehrten Gewebe, sagt Dr. Peter Rieck, Oberarzt der Klinik, der sie zusammen mit einem Kollegen und einer technischen Assistentin betreut. Demgegenüber verzeichne die Warteliste 100 Patienten, die ihre Sehkraft vor allem durch Verletzungen, Verätzungen, aber auch Infektionen eingebüßt haben, in deren Folge die Hornhaut zerstört und durch Einwachsen von Blutgefäßen getrübt wurde. Häufig liegt auch eine Stoffwechselerkrankung der Hornhaut vor, die zu einer kegelförmigen Deformierung ihrer Mitte führt. Solange dieser "Keratokonus" gering ausgebildet ist, kann er durch Kontaktlinsen ausgeglichen werden. Fortgeschrittene Fälle bedürfen eines Transplantates. Bei manchen Menschen besteht auch eine angeborene Neigung zur Trübung der klaren Hornhäute, die sich aber erst im höheren Lebensalter bemerkbar macht.
Entnommen wird die Spenderhornhaut, wie Rieck erläutert, mit einem kleinen Stanzgerät. Es schneidet ein kreisrundes Scheibchen Hornhaut mit samt einem dünnen Saum der weißen Lederhaut (mit einem Durchmesser von 15 mm) heraus. Sterilisiert wird es in einem Fläschchen mit Nährflüssigkeit an einem Faden aufgehängt und in einem Brutschrank bei 32 Grad Celsius bis zu vier Wochen aufbewahrt. Dabei quillt die Hornhaut zwar ein wenig auf, verformt sich aber nicht. Eine Woche lang kann man Hornhaut auch im Kühlschrank bei 4 Grad Celsius konservieren. Diese Lagerung hat aber den Nachteil, daß Keime, die sich möglicherweise auf der Hornhaut ansiedeln, schwer zu erkennen sind. Im Brutschrank würde dies sofort, u.a. an der Verfärbung der Nährlösung auffallen.
Im Operationssaal schneidet sich der Augenarzt gleichfalls mit einem Stanzmesser die Spender-Hornhaut auf die benötigte Größe zurecht. Sie paßt dann exakt in die Lücke, die er zuvor an der getrübten Hornhaut des Patienten ausgestanzt hat. Für die Operation genügt eine örtliche Betäubung des Empfängers. Nach Einnähen des Transplantates wird das Auge mit antibiotischer Salbe und einem Verband vor Infektionen geschützt und nach etwa einer Woche kann der Patient die Klinik verlassen, findet sich aber zu mehreren Kontrolluntersuchungen wieder ein. Sie dienen vor allem der möglichst frühzeitigen Erkennung etwaiger Abstoßungsreaktionen. Eigentlich ist die Hornhaut dagegen relativ gut geschützt, weil sie keine Blutgefäße besitzt, sondern per Diffusion ernährt wird. Aber eine dünne Lage von (Endothel-) Zellen, die die Hornhaut auf der dem Auginnern zugekehrten Seite beschichten, wird vom Immunsystem des Empfängers als "fremd" erkannt. Um Abwehrreaktionen möglichst gering zu halten, streben die Ärzte auch bei Hornhäuten Gewebeübereinstimmung zwischen Empfängern und Spendern an und schützen nach der Transplantation das Augen durch Augentropfen, die immunmindernd wirken. Hornhautempfänger müssen also von Ausnahmen abgesehen, nicht, wie die Empfänger von Herz, Leber oder Niere, lebenslang Medikamente gegen das Risiko der Abstoßung einnehmen.
Neben der Abstoßung ist das Transplantat aber auch durch Eintrübung gefährdet, besonders wenn bestimmte (Limbus-)Zellen in der Randzone zwischen Horn- und Lederhaut aktiviert worden sind. Aber auch dann kann noch geholfen werden, denn die Transplantation von Hornhaut ist wiederholbar. Gesunde Transplantate bleiben durchaus 20 Jahre und länger funktionsfähig.
In seltenen Fällen, wenn nicht nur die Hornhaut, sondern ein gesamtes Auge zur Verfügung steht, kann, wie Rieck erklärt, auch seine Lederhaut noch eine spezielle Funktion übernehmen, in dem sie eine (nach Unfall oder Tumorentfernung) leere Augenhöhle füllt. Dazu wird sie, die die Form eines Säckchens hat, mit einer Korallenkugel gefüllt. Vorne wird das Säckchen mit einer flachen Glas- oder Kunststoffprothese abgedeckt. Gegenüber einem vollständigem Glasauge bietet die "Plombe" aus Lederhaut den großen Vorteil, daß sie mit den Augenmuskeln des Patienten vernäht werden kann und mit ihnen verwächst. Dadurch macht das künstlichen Auge Blickbewegungen des gesunden, anderen Auges mit, wodurch das Gesicht ein natürliches Aussehen erhält.
Silvia Schattenfroh
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