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Lichtblicke für Versuchstiere

05.01.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jenaer Pharmakologen testen neue Substanzen an Leberschnitten statt an Tieren

Jena (05.01.99) Eine neue Labormethode könnte vielen Versuchstieren das Leben retten. Das haben jetzt Pharmakologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena experimentell nachgewiesen: Sie untersuchen Wirkungen und Abbau von Arzneimitteln und anderen Fremdstoffen in der Leber, indem sie Gewebeschnitte anfertigen und diese in einer speziellen Nährlösung den chemischen Stoffen aussetzen. Damit reicht eine Leber für zwanzig Tests, und die Versuchstiere kommen nicht mehr mit den Arzneimitteln in Kontakt. Die Jenaer Wissenschaftler können so mehrere Substanzen an einer Leber parallel testen. Jetzt wollen die Pharmakologen ihre Methode soweit standardisieren, daß die Pharmaindustrie den Test vor der Zulassung neuer Medikamente nutzen kann. Damit verringert sich die Zahl der Tierversuche, und Kosten werden gespart.

Bislang werden der Abbau und die Wirkungen von neuen Medikamenten und Giften auf die Leber vor allem durch Tierversuche aufgeklärt: Ratten oder Mäuse bekommen ein neues Arzneimittel gespritzt oder fressen die chemischen Stoffe mit der Nahrung. Da eine Substanz dann auch verschiedene Funktionen außerhalb der Leber beeinflußt, leiden manche Versuchstiere oder sterben. Außerdem können die Forscher immer nur jeweils eine Substanz pro Tier untersuchen.

Jetzt können die Wissenschaftler um Prof. Dr. Dieter Müller vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Jenaer Universität etwa zwanzig Fragen mit nur einer Rattenleber beantworten. Mit einem Spezialmesser schneiden sie die Leber des Tieres in Scheibchen von einem Fünftel Millimeter Größe und geben diese winzigen kompletten Gewebestückchen in eine 37 Grad Celsius warme Nährlösung. Durch Zufuhr von Sauerstoff und Kohlendioxid in die Lösung gelingt es den Forschern, annähernd natürliche Bedingungen für das Überleben der Leberschnitte zu schaffen. In diese Lösung tropfen sie die Testsubstanz und messen zunächst nach zehn bis zwanzig Minuten, wie das Stückchen Leber den Stoff abbaut oder welche Wirkungen die Substanz nach Stunden auf die Leber hat. Bislang überleben frische Präparate etwa 48 Stunden unter den Laborbedingungen. Die nicht benötigten Leberschnitte werden von Prof. Müller und seinem Team binnen Sekunden auf minus 170 Grad Celsius eingefroren, so daß für neue Versuche jederzeit ein Präparat zur Verfügung steht. Nach dem Auftauen sind die Gewebestückchen jedoch nur noch etwa 24 Stunden so gut lebensfähig, daß die Forscher verwertbare Ergebnisse erhalten.

Da der Arzneimittelstoffwechsel im Menschen anders abläuft als bei Ratten und Mäusen, testen die Wissenschaftler gegenwärtig die neue Methode auch an menschlichen Leberschnitten. Sie untersuchen Medikamente, Lösungsmittel, Dioxin sowie Giftstoffe, die beim Rauchen entstehen. Das Material für ihre Experimente erhalten sie aus dem Gewebe, das aus medizinischen Gründen bei Geschwulstoperationen manchmal mit entfernt werden muß. In keinem Fall wird ein Stück menschlicher Leber extra für einen Versuch entnommen.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dieter Müller, Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Jena, 07740 Jena
Tel.: 03641/938703, Fax: 03641/938702
e-mail: dmue@mti-n.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
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Fürstengraben 1
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