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Stern-Gerlach-Medaille an den Heidelberger Physiker Prof. Dr. Siegfried Hunklinger

02.03.1999 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke würdigt Prof. Hunklingers herausragende experimentelle Arbeiten auf dem Gebiet der Physik amorpher Festkörper - "Seit langem ist das neue Arbeitsgebiet der niederenergetischen Zweiniveausysteme weltweit mit seinem Namen verbunden" - Kürzlich entdeckt: kollektives Tunneln

Die renommierte Stern-Gerlach-Medaille der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) wird in diesem Jahr an Prof. Dr. Siegfried Hunklinger, seit 1982 Professor für Physik an der Universität Heidelberg, für seine langjährigen herausragenden experimentellen Arbeiten auf dem Gebiet der Physik amorpher Festkörper verliehen. Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke gratulierte dem Physiker im Namen der Universität Heidelberg und stellte heraus: "Seit langem ist das neue Arbeitsgebiet der niederenergetischen Zweiniveausysteme weltweit mit dem Namen Siegfried Hunklinger verbunden."

Wie die "Physikalischen Blätter" in ihrem März-Heft schreiben, haben Prof. Hunklingers Untersuchungen zu den Tieftemperatureigenschaften mit Hilfe von Ultraschall- und dielektrischen Methoden entscheidend zum Verständnis des Verhaltens der Gläser beigetragen, das - wie er zeigte - bei tiefen Temperaturen vor allem durch quantenmechanisches Tunneln von Atomen bestimmt ist. Für die ersten wichtigen Forschungsresultate erhielt er 1977 den Schottky-Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

Siegfried Hunklinger wurde 1939 in Hochberg bei Traunstein (Bayern) geboren. Da er oft in der väterlichen Schreinerei mithalf, hat er sich schon früh handwerkliche Fähigkeiten angeeignet, die ihm später beim Experimentieren sehr nützlich werden sollten, und einen Sinn fürs Praktische entwickelt. Nach dem Abitur am Gymnasium in Traunstein wollte er erst Chemiker werden, begann aber dann das Studium der Physik an der Technischen Universität München und schloß es mit einer experimentellen Diplomarbeit über ein Thema der Polymerphysik ab. In der sich anschließenden experimentellen Doktorarbeit über die Van der Waals-Kräfte zwischen makroskopischen Körpern konnte er zum ersten Mal experimentell zeigen, wie diese Kräfte von den optischen Eigenschaften beider Materialien abhängen.

Noch im Jahr von Prof. Hunklingers Doktorprüfung (1969) entdeckte die Münchner Arbeitsgruppe erste Hinweise auf ein erstaunliches und ganz neuartiges Verhalten von Quarzglas bei tiefen Temperaturen: eine ganz unerwartete Sättigung der Ultraschallabsorption bei hohen Schallintensitäten. Siegfried Hunklinger erkannte rasch die Bedeutung dieser Entdeckung und startete zunächst in München mit seinen Mitarbeitern eine Reihe von sehr originellen Ultraschall- und Mikrowellenexperimenten an Gläsern bei tiefen Temperaturen, die er später am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Grenoble und Stuttgart und schließlich an der Universität Heidelberg fortsetzte. Diese Untersuchungen haben Stück für Stück zu der Erkenntnis geführt, daß das gesamte elastische, dielektrische und thermische Verhalten der ungeordneten Materie bei tiefen Temperaturen durch eine neue Art von sehr niederenergetischen Anregungen, die er auch Zweiniveausysteme nannte, bestimmt wird. Die physikalische Ursache dieser niederenergetischen Anregungen in allen Gläsern sind - wie er gezeigt hat - quantenmechanisch tunnelnde Atome.

An allen Stadien dieser Entwicklung hatte Siegfried Hunklinger einen wichtigen und meist entscheidenden Anteil. Nur einige Beispiele: Während in den ersten Jahren um 1970 das mechanisch-akustische Verhalten der Gläser im Vordergrund seines Interesses stand, fand er mit seiner Arbeitsgruppe später heraus, daß die neu entdeckten Anregungen ebenfalls durch Mikrowellen elektrisch angeregt werden können und daß auf Grund ihrer langen Lebensdauern - ähnlich wie bei der Kernspinresonanz - kohärente Echos an diesen niederenergetischen Zweiniveausystemen beobachtet werden können. Prof. Hunklinger hat den niederenergetischen Anregungen in Gläsern auch viele theoretische Analysen, Reviewartikel und Buchbeiträge gewidmet.

Der neue Zustand des atomaren Tunnelns in Gläsern ist aber auch heute noch keineswegs ganz verstanden. Erst vor einigen Monaten hat Prof. Hunklinger zusammen mit Strehlow/Enss einen ganz unerwarteten Phasenübergang in Gläsern bei extrem tiefen Temperaturen entdeckt, der von den Autoren als kollektives Tunneln gedeutet wurde. Diese neue spannende Beobachtung, obwohl in diesem frühen Stadium noch nicht endgültig interpretierbar, ist ein Beispiel für die weiterhin lebendige Forschungsaktivität von Prof. Hunklinger auf diesem Gebiet der Grundlagenforschung.

Ausgeprägter Praxisbezug kennzeichnet einige Arbeiten von Siegfried Hunklinger, zum Beispiel seine Forschung über neue Methoden der Sensorik mit akustischen Oberflächenwellen. Zum Technologietransfer trug er durch Mitwirkung bei der Gründung neuer Firmen mit heute über 150 Mitarbeitern effektiv bei. Hervorzuheben ist auch sein besonderer Einsatz und die wirksame Hilfe bei der Errichtung der ersten Fakultät für Physik an der chinesischen Tongji-Universität.

Rückfragen bitte an:

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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