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Forschungsförderung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich

17.03.1999 - (idw) Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Statt ihr 75jähriges Bestehen zu feiern, beschloß die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Jahr 1995 auf Anregung des damaligen Präsidenten Prof. Wolfgang Frühwald, die Aufarbeitung ihrer Geschichte in der Weimarer Republik und im Dritten Reich zu veranlassen. Der Frankfurter Historiker Prof. Notker Hammerstein übernahm die Aufgabe, die Geschichte der Wissenschaftsorganisation in der Zeit zwischen 1920 und 1945 zu untersuchen und damit Licht in einen dunklen Abschnitt ihrer Geschichte zu bringen. Seine Ergebnisse hat der Wissenschaftler in einem Buch zusammengefaßt, das jetzt in einer Pressekonferenz in Bonn von DFG-Präsident Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, seinem Vorgänger im Amt Wolfgang Frühwald und dem Autor Notker Hammerstein vorgestellt wurde.

DFG-Präsident Prof. Ernst-Ludwig Winnacker betonte in seiner Begrüßung, daß die Untersuchung ohne jede Einflußnahme seitens der DFG durchgeführt wurde. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft habe lediglich in begrenztem Umfang materielle Hilfestellung geleistet, insbesondere für Kosten der Archivarbeit und der Manuskripterstellung.

Hammerstein kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, daß der Nationalsozialismus ein eigenes Kapitel in der Geschichte der Wissenschaftsorganisation gewesen sei, die in dieser Zeit nichts mehr mit dem Gründungsgedanken der Organisation in der Weimarer Republik oder der heutigen Form der DFG gemein hatte. Die kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründete "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft", die spätere DFG, wurde im Dritten Reich zu einer Art Abrechnungsstelle. Die National-sozialisten betrieben ihre "Gleichschaltung", indem sie alle Schlüsselstellungen mit ihren Anhängern besetzten.

Der ehemalige DFG-Präsident Wolfgang Frühwald betonte, daß die Darstellung Hammersteins über eine Geschichte der Gleichschaltung der "Notgemeinschaft" und über eine Geschichte der (durch Personalunion) mit dem Reichserziehungsministerium verbundenen "Deutschen Forschungsgemeinschaft" weit hinausgehe. Sie - so Frühwald wörtlich - "zeigt die glatte administrative Oberfläche scheinbar rechtsstaatlich funktionierender Institutionen, in denen unter strenger Aufsicht des Reichsrechnungshofes kein Pfennig verschleudert wurde, doch knapp unter dieser Oberfläche das Gebräu aus Blut und Dreck, das die Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus kennzeichnet". Sie zeige auch die Selbsttäuschung vieler angesehener Wissenschaftler, die meinten, in diesem Verwaltungsgeflecht unbescholten seriöser Wissenschaft dienen zu dürfen. Nach Auffassung Frühwalds bedeutet die Gründung der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg einen völligen Neuanfang. Dieser habe dazu beigetragen, demokratisches und föderales Bewußtsein in einem Lebensraum (der Wissenschaft) zu stärken, der sich in den zwanziger Jahren in großen Teilen der Republik verweigert hat und deshalb für die Verlockungen der Diktatur anfällig gewesen sei. Mit der Veröffentlichung von Hammersteins Buch sei die Diskussion über dieses Thema eröffnet, nicht beendet.

DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker berichtete, daß das Präsidium der DFG - angeregt durch Hammersteins Buch - beschlossen habe, im Frühjahr 2000 ein wissenschafts-geschichtliches Kolloquium zu veranstalten, in dem die bisherigen Forschungsergebnisse zur Rolle von Forschung und Wissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus zusammengetragen und in den größeren Zusammenhang des Verhaltens von Eliten unter totalitären Regimen gestellt werden sollen.

Erschienen ist Notker Hammersteins Buch "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich; Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur", im Verlag C.H. Beck, München, ISBN 3 406 44826 7.

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