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RUB-Publikation: Bilanz der Chinastudien in Deutschland

24.03.1999 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Die Geschichte und Entwicklung der deutschsprachigen Chinaforschung beleuchtet der Konferenzband "Chinawissenschaften. Deutschsprachige Entwicklungen. Geschichte. Personen. Perspektiven.", den Prof. Dr. Helmut Martin (Sprache und Literatur Chinas, Fakultät für Ostasienwissenschaften der RUB) und Christiane Hammer herausgegeben haben.

Bochum, 24.03.1999
Nr. 68

Aufräumen mit Oberflächlichkeiten
Vom Nationalsozialismus bis zur Studentenbewegung
RUB-Publikation: Bilanz der Chinastudien in Deutschland


Die Geschichte und Entwicklung der deutschsprachigen Chinaforschung beleuchtet der Konferenzband "Chinawissenschaften. Deutschsprachige Entwicklungen. Geschichte. Personen. Perspektiven.", den Prof. Dr. Helmut Martin (Sprache und Literatur Chinas, Fakultät für Ostasienwissenschaften der RUB) und Christiane Hammer herausgegeben haben. Anläßlich der achten Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Chinastudien (DVCS) haben sie 39 Beiträge zu unterschiedlichen Themen gesammelt. Im Mittelpunkt stehen dabei neue Untersuchungen zur Chinaforschung während der Nazizeit, in der DDR und während der Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre. Auch die Rolle der deutschen Sinologie im internationalen Vergleich wird neu bewertet.

Interesse wuchs im Imperialismus

Die Chinaforschung ist in Deutschland eine noch recht junge Disziplin. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts begann man sich überhaupt damit zu beschäftigen. Noch einmal 100 Jahre später, 1887, wurden die ersten Seminare für Sinologie eingerichtet. Während des Imperialismus wuchs das Interesse an chinesischer Kultur, um dann wegen der beiden Weltkriege stark vernachlässigt zu werden.

Großer Aderlaß in der Zeit des Nationalsozialismus

Ein dunkles Kapitel ist die Zeit vom zweiten Weltkrieg bis heute, die bisher noch kaum untersucht worden ist. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten waren viele Menschen gezwungen, Deutschland zu verlassen, darunter Juden, die gefährdet waren und ins Exil gingen. Viele von ihnen sind nie zurückgekommen. Wie groß ist der Verlust an Forschern der Chinawissenschaft? Der Band beweist, daß "man in Westdeutschland den Aderlaß des Exils unter Chinawissenschaftlern lange unterschätzt und verdrängt hat." Untersuchungen über die Schicksale der ins Exil Vertriebenen hat bisher noch niemand gemacht.

Licht ins Dunkel der DDR-Sinologie

Genauso im dunkeln liegt die Geschichte der Sinologie in der DDR. Dabei sind fast ein Viertel aller Chinaexperten der BRD in der DDR ausgebildet worden und dann irgendwann nach Westdeutschland übergesiedelt. Das Buch versucht, gerade diese Wissenschaftler zu befragen, um die Entwicklungen in der DDR zu verfolgen. Dabei stellen sich unvermutete Seiten der Wiedervereinigung heraus. Noch immer wirkt die Vergangenheit nach: Die emigrierten Forscher ziehen es vor zu schweigen, um Kollegen zu schonen und Anschuldigungen zu vermeiden. Auch die "mangelnde beweiskräftige Dokumentation" verhindert die Veröffentlichung ihrer Erfahrungen und ihres Wissens über die DDR-Verhältnisse.

Begegnung mit der Studentenbewegung

Mehr aufschlußreiche Untersuchungen gibt es über die Zeit der Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre. Im Unterschied zum Nationalsozialismus sind noch Interviews mit Beteiligten durchführbar. Auch private Archive versprechen Einblicke in diese Zeit. Helmut Martin nennt die Darstellung in diesem Konferenzband "wohl eine der ersten ausgewogenen Begegnungen mit der Zeit der Studentenbewegung im Bereich der Sinologie".

Mangel an Effizienz in der Gegenwart

Auch die Gegenwart kommt in dem Buch nicht zu kurz : das Schicksal der chinesischen Sinologen im deutschen Wissenschaftsbetrieb ist ebenso ein Thema wie die geringe Effizienz der deutschen Sinologie wegen der "föderativen Struktur der Wissenschaftsorganisation". Martin beklagt die fehlende Konzentration der Verantwortung, was klare Entscheidungen unmöglich macht und Initiativen bremst. Man habe sich lediglich selbst- und weiterverwaltet. Das ist auch einer der Gründe dafür, daß die deutsche Sinologie im Ausland gegenüber England und Amerika so wenig anerkannt wird. Obwohl in Deutschland weit mehr Veröffentlichungen produziert werden als z. B. in England, blicken die ausländischen Wissenschaftler immer noch auf die deutschen herab. Auch mit diesem falschen Urteil will das Buch aufräumen.

Bilanz der Übersetzungen

Nicht zuletzt enthält es den Beginn einer statistischen Auswertung aller kulturellen Bücher, die vom Chinesischen ins Deutsche übertragen worden sind. Überraschend ist dabei die Feststellung, daß entgegen den gängigen Annahmen schon lange vor dem Massaker auf dem "Tiananmen" das Interesse an chinesischer Kultur stark nachgelassen hat. Der "Wendepunkt 1989" ist damit relativiert.

Titelaufnahme

Helmut Martin, Christiane Hammer (Hg.): Chinawissenschaften. Deutschsprachige Entwicklungen. Geschichte. Personen. Perspektiven. (=Mitteilungen des Instituts für Asienkunde Hamburg 303). Hamburg 1999. ISBN 3-88910-214-X

Weitere Informationen

Prof. Dr. Helmut Martin, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Ostasienwissen-schaften, Universitätsstr. 150, 44780 Bochum, Tel. 0234/700-6253, Fax 0234/7094-265.

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