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Offene Erklärung des Kuratoriums der TA-Akademie zur Stellungnahme des Wissenschaftsrats

02.08.2002 - (idw) Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg

Das Kuratorium der TA-Akademie hat am 22. Juli 2002
getagt und das Gutachten des Wissenschaftsrates über
die TA-Akademie ausführlich diskutiert und die folgende Stellungnahme ohne Gegenstimme bei zwei Enthaltungen verabschiedet:


Präambel

Die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (TA-Akademie) hat satzungsgemäß den Auftrag, die Folgen, d.h. die Chancen und Risiken des technischen Wandels ganzheitlich zu erforschen, Orientierungshilfe und Beratung für Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Gruppen zu leisten sowie im Dialog mit den betroffenen Akteuren die erkannten Entwicklungsmöglichkeiten zu bewerten. Die TA-Akademie soll sich mit ihrer wissenschaftlichen und kommunikativen Kompetenz aktiv an der wirtschafts-, sozial- und umweltverträglichen Technikgestaltung beteiligen. Diese Aufgabenstellung setzt voraus, dass die Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und die am Allgemeinwohl interessierten gesellschaftlichen Gruppen frühzeitig in die Projekte der TA-Akademie eingebunden werden und sie gleichzeitig als Transmissionsriemen für die Ergebnisse in die Gesellschaft hinein dienen. Das Kuratorium besteht aus zehn Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, aus je vier Mitgliedern der Landesregierung und des Landtags sowie acht Vertretern gesellschaftlicher Gruppen, wie Wirtschaft, Gewerkschaften, Verbänden und Kirchen.

1. Inkonsistenz des Gutachtens des Wissenschaftsrates: Das Kuratorium stellt fest, dass einige Teile des Gutachtens in sich inkonsistent sind und dabei Schlussfolgerungen gezogen wurden, die sich zum Teil widersprechen. Vor allem fällt auf, dass die Beurteilungen der Bewertungskommission mit den Schlussempfehlungen nicht übereinstimmen. So wird z.B. einerseits die zügige Neubesetzung aller drei vakanten Bereichsleiterstellen gefordert, andererseits wird vorgeschlagen, eine Reduzierung auf die mit sehr gut bis gut bewerteten Bereiche zu prüfen.

2. Nur eine von drei Hauptaufgaben bewertet: Die Akademie für Technikfolgenabschätzung soll Politikberatung auf wissenschaftlicher Basis leisten und die Öffentlichkeit in einen konstruktiven Technikdialog einbinden. Das Gutachten des Wissenschaftsrats reduziert seine Bewertung fast ausschließlich auf die klassische wissenschaftliche Forschungsleistung der TA-Akademie. Die nach der Satzung gleichrangigen Aufgaben der Politikberatung und der Einbindung der Öffentlichkeit in diesen Dialog werden zwar im Gutachten gewürdigt, bleiben bei der Bewertung aber weitestgehend unberücksichtigt. In diesen beiden Aufgabenbereichen liegen aber auch besondere Stärken der
TA-Akademie.

3. Internationale und nationale Stellung der TA-Akademie nicht ausreichend geprüft: Das Kuratorium bedauert, dass die in dem Evaluationsauftrag geforderte Untersuchung der "Bedeutung und Positionierung der TA-Akademie im Gesamtkontext ihres Faches im nationalen und internationalen Vergleich" nicht ausreichend bearbeitet wurde. Eine solche Bewertung stellt nämlich die notwendige Voraussetzung für die vom Wissenschaftsrat in der Schlussempfehlung ausgesprochene organisatorische und inhaltliche Neustrukturierung der Technikfolgenabschätzung dar.

4. Satzungsauftrag der Zusammenfassung externer Forschungsergebnisse unterschätzt: Das Kuratorium teilt die Auffassung des Wissenschaftsrats, dass eine fundierte Politikberatung nur auf der Grundlage qualifizierter Forschungsergebnisse erfolgen kann. Der Wissenschaftsrat hat sich aber in seiner Stellungnahme vorrangig auf die originären Forschungsergebnisse der TA-Akademie bezogen. Weitgehend unberücksichtigt blieb dabei das wissenschaftliche Verfügungswissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TA-Akademie, z.B. aus Forschungsprojekten des Netzwerks und den nach der Satzung ausdrücklich vorgesehenen Projektträgerschaften. Das Kuratorium hält daran fest, dass die Zusammenfassung externer Forschungsergebnisse und die Bereitstellung von Verfügungswissen nicht nur eine ausreichende Basis für die Politikberatung bilden, sondern vor allem eine satzungsgemäße Kernaufgabe der TA-Akademie darstellen. Die Leistungsfähigkeit der TA-Akademie wird von den Nutzergruppen vor allem an der disziplinenübergreifenden Zusammenschau der relevanten Wissensbestände und der Übersetzung in Handlungsoptionen gemessen. In diesem Punkt hat die TA-Akademie nach Auffassung des Kuratoriums eine besonders positive Bilanz vorzuweisen. In Übereinstimmung mit dem Kuratorium bestätigt auch das Gutachten des Wissenschaftsrates, dass die Nutzer der TA-Akademie mit der Beratungsleistung und dem Wissenstransfer der TA-Akademie zufrieden sind.

5. 80 Prozent der wiss. Bereiche liegen mit "sehr gut" und "gut" im Spit-zenbereich: Bei der Begutachtung der wissenschaftlichen Leistung wurden die Themenfelder "Bedingungen einer nachhaltigen Entwicklung" und "Innovationen für Wirtschaft, Arbeit und Beschäftigung" sowie der Querschnittsbereich Diskurs mit "sehr gut" bis "gut" bewertet. In diesen drei Bereichen werden z.Zt. nahezu 80 Prozent der Forschungsprojekte abgewickelt. Ebenso ist die Ausrichtung der TA-Akademie als diskursive Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeitsarbeit vom Wissenschaftsrat positiv hervorgehoben worden. Das Kuratorium stellt damit im Einklang mit dem Gutachten fest, dass dem überwiegenden Teil der TA-Akademie eine weit über dem Durchschnitt liegende wissenschaftliche Leistung bescheinigt wurde.

6. Schwerpunkt auf transdisziplinärer Forschung zu wenig beachtet:Die Bereiche "Bedingungen und Folgen der Lebenswissenschaften" sowie "Lebensqualität durch Infrastrukturentwicklung" betreiben satzungsgemäß keine originäre, sondern transdisziplinäre Forschung, d.h. die
TA-Akademie verfügt über keine Labors, Messstationen oder Prüfstellen. Die wesentliche Aufgabe dieser Bereiche liegt in der systematischen Zusammenführung der Erkenntnisse anderer Institutionen, der interdisziplinären Koordination verschiedener Experten und in der Weiterbehandlung der Erkenntnisse in diskursiver und kommunikativer Form auch mit externen Gruppen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und dem Bürger. Diese Bereiche können also nicht nach den gleichen Maßstäben (etwa Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften) gemessen werden wie wissenschaftliche Institutionen, die originäre natur- und ingenieurwissenschaftliche Forschung betreiben.

7. Bedarfsgerechte Aufgabenerfüllung: Die beiden Bereiche "Bedingungen und Folgen der Lebenswissenschaften" sowie "Lebensqualität durch Infrastrukturentwicklung" nehmen unverzichtbare Aufgaben für die im Kuratorium vertretenen Gruppen wie auch für andere wichtige Adressaten der Projekte wahr. So wurden in dem von Herrn Prof. Ballschmiter bis zu seinem Ausscheiden vertretenen Bereich "Umweltqualität durch die Reduktion und Vermeidung von Schadstoffen", der im Jahr 2001 durch den Bereich "Lebenswis-senschaften" abgelöst wurde, u. a. die naturwissenschaftlichen Grundlagen für die Arbeiten im Bereich "Bedingungen der Nachhaltigkeit" der TA-Akademie gelegt. Das Kuratorium bedauert, dass der Wissenschaftsrat diesen Bereich nicht in seine wissenschaftliche Bewertung adäquat einbezogen hat. Ohne die Vorarbeiten durch diesen Bereich wären die mit sehr gut beurteilten Leistungen in den Projekten zur Nachhaltigkeit gar nicht möglich gewesen. Der Wissenschaftsrat hat auch zu wenig berücksichtigt, dass im Bereich "Lebensqualität durch Infrastrukturentwicklung" grundlegende Arbeiten für eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung der dort behandelten Infrastrukturfelder geleistet wurden, die sowohl bei der Landesregierung als auch bei weiteren Nutzern als richtungsweisend und problemgerecht angesehen werden. Als Beispiel lässt sich das Projekt "Langfristige Umgestaltung der Abfallentsorgung" anführen, an dessen 2. Stufe zahlreiche Landkreise mitwirken wollen.

8. Potenzial nur durch Besetzung der Bereichsleiterstellen zu erhalten: Das Kuratorium stimmt mit dem Wissenschaftsrat überein, dass die vakanten Bereichsleiterstellen so schnell wie möglich besetzt werden sollten. Nur so ist gewährleistet, dass das auch vom Wissenschaftsrat bescheinigte hohe Potenzial und die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten werden können. Die zügige Besetzung ist auch Voraussetzung dafür, dass die TA-Akademie in allen Forschungsbereichen wieder ihren satzungsmäßigen Auftrag in vollem Umfang erfüllen kann.

9. Themenvielfalt angemessen, Abgrenzung gewährleistet: Das Kuratorium widerspricht der Feststellung des Wissenschaftsrats, dass die darin vertretenen gesellschaftlichen Gruppen für die zu hohe Themenvielfalt und die mangelnde thematische Abgrenzung der TA-Akademie verantwortlich seien. Die Themenvielfalt ist vielmehr angemessen und die thematischen Abgrenzungen werden dort vollzogen, wo sie methodisch erforderlich sind.In der Vergangenheit hat sich das Kuratorium in konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Direktorium stets für eine thematische Fokussierung eingesetzt und zu diesem Thema auch eine eigene Klausursitzung im Jahre 2001 durchgeführt.

10. Funktion des wissenschaftlichen Beirats ist gewährleistet: Die Empfehlung, einen wissenschaftlichen Beirat einzusetzen, können die Mitglieder des Kuratoriums nicht nachvollziehen. Gerade weil die TA-Akademie auch nach Ansicht des Wissenschaftsrates im Schwerpunkt Politikberatung betreiben und den Diskurs mit den von technischen Veränderungen betroffenen Gruppen pflegen soll, ist es unerlässlich, die Abnehmer der Beratung in die Gremien der TA-Akademie einzubeziehen. Im Übrigen zählt das Kuratorium zehn wissenschaftliche Mitglieder, so dass der wissenschaftliche Sachverstand ausreichend vertreten ist. Das Kuratorium hat auch Zweifel, ob ein wissenschaftlicher Beirat die Gesamtheit der in der TA-Akademie vertretenen wissenschaftlichen Disziplinen abdecken könnte. Er spricht sich daher für eine Stärkung der wissenschaftlichen Komponente in den Projektbeiräten und Themenfeldarbeitskreisen der TA-Akademie aus, um den spezifischen Bedürfnissen der TA-Akademie besser gerecht zu werden.

11.Strukturkommission: Für die effiziente Fortsetzung der Arbeit der TA-Akademie sieht das Kuratorium keine Notwendigkeit zur Einrichtung einer Strukturkommission. Sollte es jedoch zu einer solchen Kommission kommen, fordert das Kuratorium, dass ihm eine angemessene Mitwirkungsmöglichkeit in dieser Kommission eingeräumt wird.In diesem Kontext ist auch zu prüfen, ob es Sinn macht,den Fokus der Strukturkommission auf Baden-Württemberg zu begrenzen. Für die Tätigkeit der Strukturkommission würde die im Evaluationsauftrag eigentlich geforderte Darstellung der Positionierung der
TA-Akademie im Gesamtkontext des Faches im nationalen und internationalen Vergleich sehr hilfreich sein. Nach Auffassung des Kuratoriums darf die Einsetzung dieser Kommission nicht zu einer weiteren Verzögerung bei der Besetzung der freien Bereichsleiterstellen führen.

Fazit: Dringlichster Schritt - Neubesetzung Leitungspositionen: Das Kuratorium hält es für dringend geboten, die thematische und organisatorische Grundstruktur der TA-Akademie mit ihren natur-, ingenieur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Bereichen zu erhalten, um den auch vom Wissenschaftsrat anerkannten interdisziplinären und diskursiven Charakter der TA-Akademie zu gewährleisten und zu stärken. Der dringlichste Schritt hierzu ist die Einleitung des Verfahrens zur Neubesetzung der drei vakanten Leitungspositionen bis spätestens Oktober 2002.

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