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IWH-Wirtschaft im Wandel 4/1999

31.03.1999 - (idw) Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Der Volltext mit Abbildungen und Tabellen zu den einzelnen Beiträgen steht im Internet unter http://www.iwh.uni-halle.de

Konjunktur in der Europäischen Währungsunion läuft in eine Delle

Der Konjunkturverlauf im Euroraum kann anhand von Frühindikatoren eingeschätzt werden. Der vom IWH regelmäßig berechnete Indikator beruht auf konjunkturellen Gesamtindikatoren für alle Teilnehmerländer, die jeweils zehn Einzelindikatoren enthalten. Diese nationalen Frühindikatoren werden mit den Anteilen der Volkswirtschaften am Bruttoinlandsprodukt der EWU gewichtet und zu einem Konjunkturindikator für den Raum der Währungsunion zusammengefaßt, der mit einem Vorlauf von 3 bis 4 Monaten die Richtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzeigt.
Die wirtschaftlichen Expansion im Euroraum hat sich laut Frühindikator gegen Ende des vergangenen Jahres abgeschwächt. Ausschlaggebend für diese Tendenzwende sind vor allem die Einschätzungen der wirtschaftlichen Lage durch die Verbraucher und die Unternehmer sowie die Produktionserwartungen seitens der Industrie, nicht zuletzt aufgrund bereits rückläufiger Auftragseingänge.
Anzeichen für eine Verlangsamung gibt es seit dem Winterhalbjahr, was insbesondere auf die Auswirkungen der Asienkrise, die sich in einer Dämpfung des weltweiten Produktionszuwachses widerspiegelten, zurückzuführen ist. Hinzu kamen immer wieder Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten und Unsicherheiten über die wirtschaftliche Entwicklung in Lateinamerika. Dieser Trend dürfte bis in das Frühjahr hinein anhalten.
Das IWH geht weiterhin davon aus, daß es sich bei diesem Trend um eine vorübergehende Verlangsamung der gesamtwirtschaftlichen Expansion handelt. Einzelne im Frühindikator enthaltene Reihen signalisieren erste Stabilisierungstendenzen. So entwickelt sich das Konsumentenvertrauen im Raum der Europäischen Währungsunion positiv, und die Einschätzung der wirtschaftlichen Aussichten seitens der Industrie scheint sich zumindest nicht zu verschlechtern. Mit Blick auf das weltwirtschaftliche Umfeld gibt es, zunächst in Asien, erste Anzeichen einer Besserung.
Michael Seifert (mst@iwh.uni-halle.de)


Abschaffung der Gemeinschaftsaufgaben von Bund und Ländern?

In der aktuellen Diskussion über die Reform der deutschen Finanzverfassung wird u.a. die Forderung erhoben, daß der Bund auf seine Beteiligung an den heutigen "Gemeinschaftsaufgaben von Bund und Ländern" zukünftig verzichten sollte. Der Artikel geht den Fragen nach, welche Vorteile die Beteiligung des Bundes an den heutigen Gemeinschaftsaufgaben mit sich bringt, und welche dieser Vorteile auch mit anderen Regelungen erreicht werden könnten. In bezug auf einen Teil der heutigen Gemeinschaftsaufgaben gibt es durchaus plausible Argumente für eine Bundesbeteiligung; wenn diesen Argumenten ein hohes Gewicht zugebilligt werden soll, so müßte die Bundesbeteiligung für die betreffenden Aufgaben erhalten bleiben. Für die anderen Gemeinschaftsaufgaben läßt sich die Beteiligung des Bundes an der Aufgabengestaltung und -finanzierung demgegenüber heute nicht mehr überzeugend begründen. Allerdings müßten zur Abdeckung des gesamtstaatlichen Steuerungsbedarfs im Bereich dieser Aufgaben neue Institutionen geschaffen werden, wie etwa Verfahren zur Beihilfen-Kontrolle bei der regionalen Wirtschaftsförderung oder eine Ausweitung der originären Steuereinnahmen der Länder.
Martin Rosenfeld mrd@iwh.uni-halle.de)


Hohe differenzierte Betroffenheit,
aber geringe Belastung durch die Ökosteuern

Energiepreispolitisch steht die deutsche Industrie vor neuen Herausforderungen und Chancen. Einerseits geht die eingeleitete Liberalisierung des Strommarktes mit der tendenziellen Niveauabsenkung der Bezugspreise einher. Der ostdeutschen Industrie bleiben diese Spielräume allerdings verschlossen, da hier der Wettbewerb zumindest in den nächsten fünf Jahren nicht zur Regel wird.
Andererseits werden zum 1. April des Jahres höhere Mineralölsteuern sowie erstmalig eine Stromsteuer eingeführt. Im Gegenzug erfolgt eine Absenkung der Rentenversicherungsbeiträge. Im Normalfall - ohne Steuerbefreiungen und Steuerrückerstattungen - käme es zu einer differenzierten Betroffenheit (potentiellen Belastung) in den Zweigen, Branchen und Betrieben der Industrie. Dabei würde grundsätzlich die Industrie der neuen gegenüber den alten Bundesländern aufgrund doppelt so hoher Anteile für Energiekosten/Energieverbrauch und niedrigerer Anteile für Personalkosten eine stärkere Kostenerhöhung und eine schwächere Kostenabsenkung erfahren.
Nachdem nunmehr für die erste Etappe - bis auf den "Selbstbehalt" - Steuerrückerstattungen beschlossen sind, werden die effektiven Belastungen (tatsächlichen Auswirkungen) vergleichsweise gering ausfallen. Für Ostdeutschland ist zu erwarten, daß die hier stärker vertretenen Handwerksberiebe sowie kleineren industriellen Betriebe nur begrenzt vom Ausgleich profitieren können. Die vorgeschriebene Mindessteuerschuld wird nicht immer erreicht werden. Insgesamt wird die erste Etappe der Ökosteuer ökologisch wenig wirksam, für kleinere Firmen mehr belastend und insgesamt mit erheblichem administrativem Aufwand verbunden sein.
Um in Ostdeutschland die Standort- und Wettbewerbsbedingungen generell - auch für kleine Firmen und Handwerker - zu verbessern, sollte daher die Öffnung des Strommarktes auch hier vorangetrieben werden, zumal die ostdeutschen Strom-, Gas- und Wärmepreise nach wie vor deutlich über denen der alten Bundesländer liegen.
Martin Weisheimer (wsh@iwh.uni-halle.de)


Währungskrisen: Starke Ansteckung der mittel- und osteuropäischen Länder

Währungskrisen mit ihren negativen realwirtschaftlichen Auswirkungen können auf andere Länder überschwappen. Eine Korrelationsanalyse der täglichen Aktienrenditen verschiedener Börsen verdeutlicht die weltweiten Ansteckungseffekte der Währungskrisen in Tschechien im Mai 1997, in Asien im August 1997 und in Rußland im August 1998. Dabei zeigt sich, daß sehr starke Ansteckungseffekte in Mittel- und Osteuropa festzustellen waren. Auch in Zukunft werden sich Ansteckungseffekte von Krisen nicht abwenden lassen. Bei fortschreitender Integration der Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas in die Weltwirtschaft geht es deshalb darum, die eigenen Abwehrkräfte zu stärken. Institutionelle Änderungen besonders im Finanzsektor, im Bereich der Privatisierung und des Marktzutritts und eine Flexibilisierung der Wechselkursregime sind daher unabdingbar.
Thomas Linne thl@iwh.uni-halle.de)


Branchenskizze: Ostdeutscher Maschinenbau

Der ostdeutsche Maschinenbau gehört zu den Branchen, die eine relativ lange Phase für die Bewältigung der Transformationsprobleme benötigen. Neben den Auswirkungen und Anforderungen, die die Einführung der Marktwirtschaft mit sich brachte, mußten viele Betriebe mit Folgen aus der globalen Rezession im Maschinenbau (von 1992 bis 1994) fertig werden. Fortschritte zeichnen sich dadurch erst in letzter Zeit klarer ab.
Zu einem deutlichen Wachstum kam es erstmalig 1997, als sich Produktion und Umsatz um jeweils knapp ein Zehntel gegenüber 1996 erhöhten. Mit rund einem Drittel nahm besonders der Auslandsumsatz zu, so daß die Exportquote auf knapp 26 vH ausgeweitet wurde (Westdeutschland: rd. 47 vH). 1998 ist der Gesamtumsatz erneut um rund 10 vH angestiegen. Offensichtlich gelingt es immer mehr Betrieben, auf zum Teil hart umkämpften Märkten Fuß zu fassen. Dies hat seit Mitte 1997 auch zu einer erheblichen Verlangsamung des Beschäftigungsabbaus geführt. Unter Einbeziehung der Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (ohne Berlin-Ost) von Ende Juni 1997 bis Ende Juni 1998 um rund 1.860 auf 85.365 verringert; ein Jahr zuvor war sie noch um rund 7.700 zurückgegangen.
Trotz dieser positiven Tendenzen ist der Maschinenbau von den ehemals bedeutsamen Industriezweigen in der früheren DDR die Branche mit dem größten Bedeutungsverlust nach der Einführung marktwirtschaftlicher Bedingungen; z. B. verringerte sich sein Anteil am Produktionsvolumen des Verarbeitenden Gewerbes von 18,1 vH im Jahr 1991 auf 9,6 vH 1997. Mit einem Umsatzanteil von 5 vH am gesamtdeutschen Maschinenbau ist auch seine Bedeutung im vereinigten Deutschland sehr gering. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Die Umstrukturierung litt besonders an den Folgen der starken Orientierung und Spezialisie-rung auf den RGW-Markt, der für die ostdeutschen Betriebe Anfang der 90er Jahre zusammenbrach. Die Erzeugnisse wie auch die Anlagen und Fertigungsmethoden entsprachen häufig nicht mehr den neuen Marktbedingungen. Hinzu kam, daß infolge der weltweiten Rezession im Maschinenbau das Interesse westdeutscher oder ausländischer Unternehmen, in ostdeutschen Maschinenbaubetrieben zu investieren, relativ verhalten blieb. Anders als in vielen anderen Zweigen fehlten damit jedoch wesentliche Quellen für Investitionen und einen Know-how-Transfer. Die notwendigen Erneuerungsschritte kosten dadurch mehr Zeit. Zu ihnen zählen
- die Ausrichtung der betrieblichen Produktionsprogramme auf neue Märkte,
- die Modernisierung der Produktion mittels Investitionen von über 6 Mrd. DM von 1991 bis 1997 - das entspricht in etwa dem eineinhalbfachen Betrag pro Arbeitsplatz im Vergleich zum westdeutschen Maschinenbau,
- die Steigerung der Produktivität auf etwa das 4,2-fache im gleichen Zeitraum.
Durch die Investitionen etwa konnten die Rückstände in der Kapitalausstattung der Arbeitsplätze gegenüber dem westdeutschen Maschinenbau erheblich gemindert, jedoch noch nicht völlig beseitigt werden. Gleichzeitig haben sie die Produktivitätsentwicklung günstig beeinflußt. Der Rückstand gegenüber dem Maschinenbau in Westdeutschland ist hier, gemessen an der Bruttowertschöpfung je Beschäftigten, dennoch beträchtlich.

Ein Hauptproblem der ostdeutschen Maschinenbaubetriebe ist die noch unzureichende Ertragslage. Dies zeigen die bis 1996 auswertbaren amtlichen Daten und verschiedene Umfrageergebnisse. Mitte 1998 erwirtschafteten z. B. nach einer Umfrage der VDMA-Landesgruppe Sachsen/Thüringen fast 40 vH der Betriebe noch Verluste. Zu erklären ist dies u. a. mit noch fehlenden stabilen Marktpositionen, dem Angebot überwiegend standardisierter Erzeugnisse und z. T. höheren Kosten (Ma-erial- und Energieverbrauch, Abschreibungen) gegenüber westdeutschen Maschinenbaubetrieben.
Siegfried Beer (sbr.@iwh.uni-halle.de)
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