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Krank durch Umweltfaktoren?

31.03.1999 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Am Hygiene-Institut der Universität Münster wurde eine umweltmedizinische Koordinationsstelle eingerichtet.

Ob Schimmelpilze an der Wohnzimmerwand, Schwermetalle im Kopfsalat oder Gift im Holzschutzmittel - immer häufiger werden heute Umweltfaktoren verschiedenster Art als Ursache für Befindlichkeitsstörungen bis hin zu massiven gesundheitlichen Problemen diskutiert. Kaum ein Laie blickt heute noch durch, was es alles an krankmachenden Stoffen gibt, wie hoch die Gefahr anzusiedeln ist und welche typischen Beschwerden mit unterschiedlichen Schadstoffen einhergehen können. Bei den Tausenden verschiedener Schadstoffe sind auch Ärzte in der Regel meistens überfordert, eine ursächliche Verbindung herzustellen zwischen Krankheitssymptomen ihrer Patienten und speziellen Umweltfaktoren. Diese Lücke in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung will im Einzugsbereich des münsterschen Universitätsklinikums eine am Institut für Hygiene angesiedelte umweltmedizinische Koordinationsstelle schließen, in der Vertreter verschiedenster Fachdisziplinen der Medizinischen Einrichtungen der Universität Münstern eng zusammenarbeiten.

Leiterin dieser neuen Einrichtung ist die Biologin, Ökologin und Medizinern Dr. Claudia Hornberg. Zur Seite stehen ihr Experten aus allen wichtigen Bereichen, die mit umweltmedizinischen Fragestellungen konfrontiert werden. Dazu zählen neben dem Hygiene- Institut das Institut für Arbeitsmedizin, die HNO-Klinik, die Hautklinik, alle vier Medizinischen Kliniken, die Klinik für Neurologie sowie die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Münster. Die Vertreter dieser Kliniken und Institute werden bei Bedarf durch die Koordinatorin hinzugezogen. Vorgesehen sind darüber hinaus im Einzelfall auch gemeinsame Konsilien, bei denen ein Fall aus Sicht aller Disziplinen beleuchtet wird, um gemeinsam zu einem Urteil über mögliche Zusammenhänge zwischen Symptomen und Umweltfaktoren zu kommen und gegebenenfalls entsprechende Therapiestrategien zu entwickeln.

Der Erstkontakt läuft immer über das Telefon. Montags und donnerstags ist die Koordinatorin in der Zeit von 14 bis 16 Uhr unter der Rufnummer 0251/83 5 53 82 für besorgte Bürger und ratsuchende Ärzte zu erreichen. Bei Anfragen, die nicht schon am Telefon beantwortet werden können, erhalten die Patienten einen umfangreichen Fragebogen. Nach bisherigen Erfahrungen hat ein großer Teil der Patienten bereits eine Verdachtsdiagnose im Kopf, an der es häufig schwer fällt zu rütteln. Meistens liegt hinter den Ratsuchenden schon eine lange Odyssee erfolgloser Arztkonsultationen. Die neugeschaffene umweltmedizinische Anlaufstelle am münsterschen Universitäts-Klinikum ist für sie oft die letzte Instanz, von der sie sich doch noch Hilfe erwarten.

Im Rahmen der fachübergreifenden Diagnostik, zu der neben Untersuchungen in den unterschiedlichen Abteilungen des Klinikums auch gezielte umweltmedizinische Analysen von Blut- oder Urinproben erfolgen, macht sich die umweltmedizinische Koordinatorin zuweilen auch auf, um das Lebensumfeld von Betroffenen selbst in Augenschein zu nehmen. Wenn nicht schon mit dem bloßen Auge Hinweise auf mögliche Umweltnoxen erkennbar sind, nimmt sie Proben mit nach Münster, um sie in spezialisierten Analyselabors auf einschlägige Schadstoffe hin untersuchen zu lassen. Die Ergebnisse des zuweilen recht großen diagnostischen Aufwands sind rein statistisch erst einmal ernüchternd: Nur in weniger als fünf Prozent der Fälle könne das Leiden der ratsuchenden Patienten tatsächlich mit Umweltgiften in Verbindung gebracht werden, da die Schadstoffbelastungen deutlich über entsprechenden angenommenen Grenzwerten lagen. Häufig werden bei den Untersuchungen aber handfeste internistische, neurologische oder dermatologische Erkrankungen aufgedeckt, die nun endlich gezielt behandelt werden können. In jedem Fall geht es jedoch zunächst darum, toxische, allergologische oder immunologische Ursachen für die beklagten organischen Beschwerden auszuschließen, auch wenn andere Krankheitsursachen eine Rolle spielen.

Daß die Umweltmedizin künftig immer mehr an Bedeutung gewinnen wird, steht übrigens für den Direktor des Hygiene-Instituts der Westfälischen Wilhelms-Universität, Prof. Dr. Heike Bösenberg, völlig außer Frage. Nicht umsonst habe die WHO bereits in den 60er Jahren gefordert, die Umweltmedizin - und übrigens auch die präventive Medizin insgesamt - mehr in den Vordergrund zu stellen. Die 25 Jahre an Lebensgewinn, die der durchschnittliche Amerikaner seit der Jahrhundertwende erreicht habe, seien nur zu fünf Prozent der kurativen Medizin zu verdanken. Dringend gelte es, sich schon jetzt auf die Herausforderungen von morgen einzustellen, so Bösenberg. Allein in Europa gebe es 120 Millionen Menschen, die keinen Zugang zu gesundheitsverträglichem Trinkwasser haben. ,Dort liegen die Krisenherde von morgen", betont Bösenberg und unterstreicht damit seine Erwartungen an eine deutliche Stärkung der Umweltmedizin.

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