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Transformation in Tadschikistan aus der Sicht der Akteure

01.04.1999 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Das im äußersten Südosten der ehemaligen UdSSR gelegene Tadschikistan galt in sowjetischer Zeit als eine der ärmsten Regionen des Imperiums. Die Unabhängigkeit im Jahr 1991 traf das Land daher völlig unvorbereitet und eher unfreiwillig. Das begrenzte wirtschaftliche Potential sowie die heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung nährten Zweifel an einem schnellen Übergang von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft und von einem sozialistischen zu einem demokratischen System. Dennoch hat seither ein Umstrukturierungsprozeß des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens eingesetzt. Am Beispiel des Agrarsektors untersuchen Prof. Dr. Hermann Kreutzmann und Dr. Hiltrud Herbers vom Lehrstuhl Geographie III der Universität Erlangen-Nürnberg in einem von der DFG geförderten Projekt, wie sich der Systemwandel auf lokaler Ebene tatsächlich vollzieht und welche Sozialgruppen hierin involviert sind.

Tadschikistan liegt in jenem Teil der ehemaligen Sowjetunion, der auch als Russisch-Turkestan oder Mittelasien bezeichnet wird. Bis 1991 grenzte die Republik lediglich an zwei souveräne Staaten, namentlich an Afghanistan im Süden und China im Osten. Heute stellen auch Fahrten in die im Norden bzw. Nordwesten gelegenen vormaligen Sowjetrepubliken Kirgistan und Usbekistan Auslandsbesuche dar.

Tadschikistan ist im wesentlichen ein Hochgebirgsland. Die Gipfel des Pamir, Tienshan und Hissar Alai reichen bis in Höhen über 6000 m. Nur 6% des Landes, das etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands umfaßt, gelten als ackerbaulich und 25% als weidewirtschaftlich nutzbar. Dennoch arbeiten 45% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Da zudem Baumwolle der Hauptdevisenbringer ist und 30-40% des Nationaleinkommens aus der Landwirtschaft stammen, erscheint es gerechtfertigt, Tadschikistan als Agrarland zu bezeichnen. Dieser Status resultiert mitunter aus der regionalen Arbeitsteilung in der ehemaligen Sowjetunion, innerhalb derer dem Land primär die Rolle eines Rohstoffproduzenten zugedacht worden war. Die Erschließung alternativer Ressourcen oder der Aufbau von Industrie wurden kaum gefördert. Die langjährige einseitige Konzentration auf den Baumwollanbau und Einbindung in den innersowjetischen Warenaustausch bedingt heute gravierende Engpässe in der Nahrungsversorgung sowie zahlreiche ökologische Probleme.

Die Bevölkerung Tadschikistans zeigt ein vielgestaltiges Bild. Nur 60% der ca. 5,3 Mio. Einwohner sind Tadschiken, 23% Usbeken und 8% Russen (1989). Daneben leben Pamiri, Kasachen, Kirgisen, Turkmenen, Deutsche und andere Minderheiten im Land. Die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zu verschiedenen Richtungen des Islams. Während im Westen des Landes hauptsächlich Sunniten leben, dominieren in der autonomen Region Gorno-Badakhshan, der östlichen Hälfte Tadschikistans, die Ismailiten. Der Bürgerkrieg von 1992-93 wird häufig auf ethnisch-religiöse Konflikte zurückgeführt. Dies erscheint indes als zu vereinfachend, da auch politische Überzeugungen und regionale Loyalitäten zur Fragmentierung der Gesellschaft betragen und damit als mögliche Kriegsursachen in Frage kommen.


Fehlentwicklungen als Teil des Wandels

Trotz des Bürgerkrieges sind erste Schritte der Umstrukturierung zu beobachten. Der Aufbau eines parlamentarischen Systems, die Legitimierung des Präsidenten durch Wahlen, der einsetzende freie Handel, die Privatisierung von Staatsbetrieben, Wohnungen, Boden etc. oder die Einführung einer eigenen Währung (tadschikische Rubel) sind Kennzeichen dieses Wandels. Regionale und sektorale Unterschiede im Entwicklungstempo und in den Resultaten der Transformation zeigen aber zugleich, daß der Prozeß nur bedingt steuerbar ist. In verschiedenen Bereichen werden eigendynamische Vorgänge sichtbar, die von Seiten der Regierung und ihren Beratern weder intendiert noch erwünscht waren. Dies macht deutlich, daß hinter den einzelnen Entwicklungen spezifische Gruppen und Personen mit je eigenen Interessen stehen.

Um das Transformationsgeschehen besser zu verstehen, beabsichtigt das Forschungsvorhaben, die Akteure und ihre Motivationen näher zu bestimmen. Aus der Perspektive der Akteure, so wird hypothetisiert, sind vermeintliche Fehlentwicklungen völlig neu zu bewerten. Was zuvor als Chaos oder Krise erscheint, erhält nunmehr eine Struktur und innere Logik. Wegen der herausragenden Bedeutung der Landwirtschaft konzentriert sich die Untersuchung auf diesen Sektor. Den naturräumlichen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Unterschieden im Lande wird durch die Bearbeitung von zwei Regionalbeispielen Rechnung getragen, wobei das eine in einer großräumigen Flußoase in Südwest-Tadschikistan, das andere in einem Hochgebirgstal in Gorno-Badakhshan gelegen ist.


Regionen in Mittelasien noch wenig untersucht

Transformationsforschung ist zwar derzeit in verschiedenen Disziplinen (u.a. Wirtschaftswissenschaften, Politologie, Soziologie, Geographie) en vogue, beschränkt sich räumlich aber vornehmlich auf Rußland sowie die europäischen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Studien dieser Art sind für Mittelasien sehr rar. In Bezug auf Tadschikistan reduziert sich die Forschung bisher hauptsächlich auf eine Beschäftigung mit den Ursachen des Bürgerkrieges. Sofern Transformationsfragen überhaupt aufgegriffen werden, sind sie im makroökonomischen Bereich angesiedelt. Untersuchungen sozialer Aspekte auf lokaler Ebene, wie sie das Forschungsprojekt vorsieht, stehen dagegen noch weitgehend aus.

Prof. Dr. Hermann Kreutzmann, der Leiter des Projektes, beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit kulturgeographischen und entwicklungsrelevanten Themen in Hochgebirgsregionen Mittel- und Südasiens. Dabei standen bisher Fragen des Wandels im ländlichen Raum sowie der Ethnizitätsforschung im Zentrum seiner Untersuchungen. Die diesbezüglich gewonnenen Ergebnisse basieren wesentlich auf seinen seit 1981 nahezu regelmäßig durchgeführten Forschungsaufenthalten in Pakistan, Afghanistan und Xinjiang (China).

Die vorgesehene wissenschaftliche Mitarbeiterin, Dr. Hiltrud Herbers, ist Assistentin am Institut für Geographie der hiesigen Universität. Auch sie greift auf mehrjährige Erfahrungen in Hochasien zurück. Während eines fast zweijährigen Aufenthaltes in Nordpakistan sammelte sie umfassendes Material für eine Studie, die sich mit ernährungs- und entwicklungsspezifischen Fragen beschäftigt. Die daraus erwachsene Dissertation wurde 1996 mit dem Förderpreis der deutschen Geographie ausgezeichnet. Dr. Hiltrud Herbers unternahm 1997 bereits eine sechswöchige Informationsreise in das Projektgebiet in Tadschikistan, um die Forschungsbedingungen auszuloten und Kontakte mit akademischen Einrichtungen, Agrarinstitutionen und Entwicklungsorganisationen zu knüpfen. Die DFG unterstützte diesen Aufenthalt durch die Bereitstellung der Reisekosten.


Träger der Transformation

Da sich das Forschungsvorhaben mit einem jungen, laufenden Prozeß beschäftigt, zu dem bisher kaum Literatur vorliegt, kommt der Empirie überragende Bedeutung zu. Um mögliche Diskrepanzen zwischen offizieller Transformationsplanung und tatsächlichem Transformationsverlauf im Bereich des Agrarsektors aufzudecken, gilt es in einem ersten Schritt die staatlichen Programme und Maßnahmen zu eruieren. Hierzu ist ein Besuch von Behörden auf verschiedenen administrativen Ebenen sowie von Einrichtungen, die speziell für die Umstrukturierung etabliert wurden (z.B. Land Committees), vonnöten.

Auf Dorfebene sollen dann die nationalen Ziele mit der lokalen Realität verglichen werden. Die Umsetzung von staatlichen Beschlüssen ist jedoch kein ausschließlich bürokratischer Vorgang. Er ist vielmehr an konkrete Personen gebunden. Gleiches gilt für jene Entwicklungen, die jenseits staatlicher Beschlüsse sozusagen unbeabsichtigt verlaufen. Gespräche mit lokalen Repräsentanten (z.B. Dorfvorsteher, Kolchosleiter, Lehrer) sollen Auskunft über die Träger der Transformation geben. Dabei sollen sowohl jetzige als auch ehemalige Amtsinhaber befragt werden. Deren Biographien können zeigen, inwieweit alte und neue Funktionsträger identisch sind. Um mögliche Persistenzen in der Bekleidung wichtiger Ämter aufzudecken, bedarf es aber auch intensiver Gespräche mit der übrigen Dorfbevölkerung sowie eines vorsichtigen Rückgriffs auf Literatur und Archivmaterialien aus präsowjetischer und sowjetischer Zeit.

Die DFG fördert das Forschungsvorhaben der Erlanger Arbeitsgruppe für die Dauer von drei Jahren mit Reisekosten und Sachmitteln. Im Rahmen des Projektes sind drei Feldaufenthalte in Tadschikistan sowie Archivstudien in Moskau und St. Petersburg vorgesehen.

* Kontakt:

Prof. Dr. Hermann Kreutzmann, Lehrstuhl für Geographie III
Kochstaße 4, 91054 Erlangen, Tel.: 09131/85 -22639, Fax 09131/85 -22013
E-mail: hkreutzm@geographie.uni-erlangen.de
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