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Wahlumfragen: wie Journalisten über sie denken und wie sie auf die Wähler wirken

04.08.2002 - (idw) Universität Augsburg

Augsburger Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider präsentiert Ergebnisse umfangreicher empirischer Analysen -


Medien berichten in Deutschland immer häufiger über Wahlumfragen. Journalisten sehen deren Vorteile, befürchten aber auch negative Konsequenzen für das Wählerverhalten. Während der Großteil der Wähler sich nicht von Wahlumfragen beeinflussen lässt, werden diese von der Minderheit der sogenannten Taktischen Wähler hingegen durchaus genutzt, und dies ist vor allem für die FDP und die Grünen von Bedeutung. So fasst der Prof. Dr. Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Augsburg, die Ergebnisse umfangreicher empirischer Analysen zusammen, mit denen er drei Fragen nachgegangen ist: 1. Was denken Journalisten über Wahlumfragen? 2. Wie wird über Wahlumfragen berichtet? Und 3. Wie wirken sich Berichte über Wahlumfragen auf das Wählerverhalten aus?

Konkret hat Brettschneider im Juli 2002 die 713 Mitglieder der Bundespressekonferenz nach ihren Einstellungen zu Wahlumfragen befragt. Außerdem hat er für die Bundestagswahlen seit 1980 die Medienberichterstattung in den jeweils drei Monaten vor der Bundestagswahl einer Inhaltsanalyse unterzogen. Und schließlich wurde ebenfalls für die Bundestagswahlen seit 1980 anhand repräsentativer Wahlumfragen die Wirkung veröffentlichter Umfrageergebnisse auf die Wahlbeteiligung und auf die Stimmabgabe zugunsten einer Partei untersucht.

UMFRAGEBERICHTERSTATTUNG NIMMT SPRUNGHAFT ZU

Zwischen 1980 und 1998 hat sich die Berichterstattung über Wahlumfragen verfünffacht. Vor der Bundestagswahl 2002 wird so häufig über Wahlumfragen berichtet wie noch nie zuvor. Wahlumfragen gehören inzwischen zum Standardrepertoire der Medienberichterstattung über Wahlen. Wahlumfragen haben einen hohen Nachrichtenwert - nämlich bereits vor der Wahl abschätzen zu können, wer die Wahl gewinnen wird. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen die "Sonntagsfrage" und die Kandidatenbeurteilungen. Das Potenzial von Umfragen, etwas über die Motive von Wählern zu erfahren, wird hingegen selten ausgeschöpft. Zu den methodischen Details in der Berichterstattung: Das Umfrageinstitut wird in fast allen Artikeln bzw. Beiträgen erwähnt, der Auftraggeber der Umfrage, die Zahl der Befragten und der Zeitpunkt der Befragung werden in über 50 Prozent der Artikel bzw. Beiträge genannt. Den genauen Fragewortlaut, die statistische Fehlerspanne und die Art der Befragung (telefonisch, Face-to-Face) erfahren die Leser oder Zuschauer nur sehr selten.

Politiker versuchen, Umfrageergebnisse zu ihren Gunsten zu instrumentalisieren: Sie verweisen zunehmend auf Umfragen, wenn sie für sie günstig erscheinen. Sie verdammen Umfragen, wenn sie für sie ungünstig erscheinen.

JOURNALISTEN ARBEITEN MIT UMFRAGEN, SEHEN ABER NEGATIVE KONSEQUENZEN FÜR DAS WÄHLERVERHALTEN

Ein Drittel der Bundespressekonferenzmitglieder verwendet Umfragen "häufig" als Zusatzinformation in der politischen Berichterstattung, 50 Prozent greifen "manchmal" auf Umfragen zurück, 22 Prozent arbeiten "selten" oder "nie" mit Umfragen. Zwei Drittel der Bundespressekonferenzmitglieder glauben, dass ihre Kollegen/innen der Verwendung von Umfrageergebnissen in der Berichterstattung positiv gegenüber stehen. 55 Prozent bezeichnen Umfragen für die Arbeit der Journalisten als "hilfreich". 70 Prozent sind überzeugt davon, dass man mit Hilfe von Umfragen die Einstellungen der Bevölkerung zu politischen Themen, zu Parteien und zu Politikern messen kann.

Allerdings glauben auch 83 Prozent der Bundespressekonferenzmitglieder, dass sich die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen auf das Wählerverhalten auswirkt. Davon halten 42 Prozent diesen Einfluss für "negativ", nur elf Prozent finden ihn "positiv". Diejenigen, die den Einfluss als "negativ" empfinden, sprechen sich zu 94 Prozent für ein Veröffentlichungsverbot in der letzten Woche vor der Wahl aus. Zudem sind insgesamt 20 Prozent der Bundespressekonferenzmitglieder der Meinung, dass Umfrageinstitute häufiger ihre Ergebnisse manipulieren, um ihrem Auftraggeber Vorteile zu verschaffen. 63 Prozent sagen, dies komme vor, sei aber die Ausnahme. Allerdings wird hier zwischen den Instituten unterschieden.

WAHLUMFRAGEN WERDEN FAST VON ALLEN WÄHLERN WAHRGENOMMEN, STOßEN ABER VOR ALLEM BEI POLITISCH INTERESSIERTEN MENSCHEN AUF INTERESSE

Mit der zunehmenden Berichterstattung über Wahlumfragen wächst auch der Anteil der Bevölkerung, der Umfrageergebnisse vor Wahlen wahrnimmt. Zwischen 1957 und 1983 hat sich dieser Anteil vervielfacht: von 17 auf 72 Prozent. Seitdem liegt er konstant bei etwa 70 Prozent.

Im Frühjahr 2002 gaben 40 Prozent der Wahlberechtigten an, dass sie sich "stark" für Umfrageergebnisse interessieren, 52 Prozent "mittel" und sieben Prozent "gar nicht". Starkes Interesse findet sich vor allem unter den "Campaign-Junkies". Diese nehmen alle Informationen über den Wahlkampf auf, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie sind politisch sehr interessiert und gehören zu den formal besser Gebildeten. Vor allem aber handelt es sich bei ihnen um Personen mit überdurchschnittlich ausgeprägter Parteiidentifikation, mithin um Individuen, die aufgrund ihrer verhältnismäßig festen Bindung an eine Partei kaum für Manipulationen durch Umfragen anfällig sind.

AUSWIRKUNGEN AUF WAHLBETEILIGUNG NICHT NACHGEWIESEN

Die von Politikern, Journalisten und auch Wissenschaftlern geäußerten Wirkungsvermutungen lassen sich in zwei große Gruppen unterteilen: vermutete Umfrageeffekte auf die Wahlbeteiligung und vermutete Umfrageeffekte auf die Stimmabgabe für eine bestimmte Partei. Folgende Auswirkungen veröffentlichter Umfrageergebnisse auf die Wahlbeteiligung werden vermutet:

o Mobilisierungseffekt: Bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit ungewissem Wahlausgang werden die Wahlberechtigten zur Teilnahme an der Wahl angespornt, weil ihre einzelne Stimme ausschlaggebend sein könnte. Die mobilisierende Wirkung der Umfrageberichterstattung beträfe aber die Anhänger aller Parteien und würde sich daher nicht auf den Wahlausgang auswirken.

o Defätismuseffekt: Scheint der Wahlausgang bereits festzustehen, bleiben die Anhänger des vermeintlichen Wahlverlierers der Wahl fern, weil ihre Niederlage ohnehin schon feststeht. Frustration macht sich breit.

o Lethargieeffekt: Scheint der Wahlausgang bereits festzustehen, bleiben die Anhänger des vermeintlichen Wahlsiegers der Wahl fern, weil ihr Wahlerfolg ohnehin schon feststeht. Trägheit macht sich breit.

o Bequemlichkeitseffekt: Scheint der Wahlausgang bereits festzustehen, bleiben die noch unentschlossenen Wahlberechtigten der Wahl fern, weil ihre Stimme keinen Einfluss mehr hat. Der mangelnde Nutzen rechtfertigt ihre Informations- und Handlungskosten nicht.

In den drei zuletzt genannten Fällen dürfte die Wahlbeteiligung geringer sein, als es ohne Bekanntgabe von Umfrageergebnissen der Fall wäre.

Diese Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung wurden bislang weder in Deutschland noch in den USA - wo sie umfangreicher und besser untersucht wurden - nachgewiesen.

GROßTEIL DER WÄHLER LÄSST SICH NICHT VON UMFRAGEN BEEINFLUSSEN

Zu den Auswirkungen auf die Stimmabgabe werden zwei Vermutungen angestellt:

o Bandwagon- bzw. Mitläufereffekt: Die Wähler wollen auf der Siegerseite stehen und entscheiden sich daher für die in Umfragen führende Partei bzw. den führenden Kandidaten.

o Underdog- bzw. Mitleidseffekt: Die Wähler schlagen sich auf die Seite der in Umfragen zurückliegenden Partei bzw. des zurückliegenden Kandidaten.

Auch diese Effekte lassen sich weder in Deutschland noch in den USA nachweisen.

TAKTISCHE WÄHLER NUTZEN WAHLUMFRAGEN - WICHTIG FÜR FDP UND GRÜNE

Nach den Bundestagswahlen 1983, 1987 und 1994 gaben ein Viertel bis ein Drittel derjenigen Wähler, die Wahlumfragen wahrgenommen hatten, an, diese hätten für ihre Stimmabgabe eine Rolle gespielt. Und nach der Bundestagswahl 1990 sagten 14 Prozent der Wähler, die Umfrageergebnisse wahrgenommen hatten, sie seien durch diese beeinflusst worden. Die Wirkungen ergeben sich aus dem Verhältniswahlrecht und der Fünf-Prozent-Klausel und betreffen eher die Wähler der kleinen Parteien sowie einige Wähler ihrer potentiellen Koalitionspartner. Zwei Annahmen werden diskutiert:

o Fallbeileffekt: Eine Person wählt die von ihr präferierte Partei nur dann, wenn sie Chancen auf den Einzug in den Deutschen Bundestag hat. Hat sie dagegen keine Aussicht auf Erfolg, wäre ihre Stimme "verloren", d.h. sie bliebe bei der Mandatsverteilung im Bundestag unberücksichtigt. Möglicherweise scheitert also eine Partei an der Fünf-Prozent-Hürde, weil ihre potentiellen Wähler aufgrund von Meinungsumfragen annehmen, sie würde den Einzug in den Bundestag nicht schaffen. Wenn Umfragen hingegen einen wahrscheinlichen Erfolg anzeigen, erhielte sie tatsächlich mehr als fünf Prozent der Stimmen.

o Koalitionswählen und "Leihstimmen"-Effekt: Auch beim taktischen oder Koalitionswählen erhält eine andere als die erstpräferierte Partei die Stimme. Beispielsweise können sich Anhänger einer Volkspartei für den kleineren Koalitionspartner entscheiden, damit dieser die Fünf-Prozent-Hürde nimmt und eine Mehrheit für die gewünschte Koalition zustande kommt. Bei den Bundestagswahlen 1983 und 1994 wurde dieses Verhalten als "Leihstimmen"-Wählen bezeichnet: CDU-Anhänger haben die FDP gewählt, um deren Einzug in den Bundestag und damit eine Fortsetzung der Koalition sicherzustellen.

Tatsächlich haben Umfrageergebnisse vor allem bei den Bundestagswahlen 1983 und 1994, als der Einzug der Freidemokraten eher als ungewiss galt, für die FDP-Wähler eine besondere Rolle gespielt. Etwa die Hälfte der FDP-Wähler, die Umfragen wahrgenommen hatten, ließ sich durch diese auch beeinflussen. Auch für die Unions-Wähler waren sie von gewisser Bedeutung, was vermuten lässt, dass einige von ihnen taktisch wählten.

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KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:
Prof. Dr. Frank Brettschneider
Universität Augsburg
Kommunikationswissenschaft
86135 Augsburg
Telefon 0821/598-5665
E-Mail: brettschneider@web.de
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