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Wird der Glaube alt?

09.04.1999 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Veränderungen der Religiosität in der zweiten Lebenshälfte - DFG-Projekt am Seminar für Pastoraltheologie

Verändern sich Religiosität und Glaube bei Menschen aufgrund von Erfahrung in der zweiten Lebenshälfte? Beeinflußt der persönliche Glaube die Auseinandersetzung mit kritischen (Lebens-)Erfahrungen? Gibt es dabei Unterschiede in der Religiosität zwischen Vorkriegs- und Nachkriegsgenerationen?

Diese interessanten Fragen einer Klärung näherzubringen, ist das Ziel einer kürzlich vom Seminar für Pastoraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Bonn gestarteten wissenschaftlichen Untersuchung. Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt läuft unter dem Titel Religiöse Entwicklung im Erwachsenen-Alter im Kontext des life-span-developmental approach ("Psychologie der Lebensspanne"). Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und in Kooperation mit dem Bistum Aachen durchgeführt.

Lange wurde in den Bereichen der Psychologie und Theologie davon ausgegangen, daß die wesentlichen Grundlagen der Religiosität in der Kindheit gelegt werden und dann als "stabile Konstanten", die sich stufenförmig entwickeln, das weitere Leben prägen. Vieles spricht dafür, daß dies relativiert werden muß. Unter den Bedingungen des heutigen gesellschaftlichen Wandels findet sich auch im Bereich der Religiosität eine wachsende Pluralität an Formen und Ausdrucksmöglichkeiten des persönlichen Glaubens.

Da sich Religiosität mit der Persönlichkeitsentwicklung unter dem Einfluß vieler Faktoren verändert, wird das Projekt vor allem vier Facetten des Entstehens und Gestaltens des individuellen Glaubens berücksichtigen: die Geschlechtszugehörigkeit, religiöse Sozialisationserfahrungen in Kindheit und Jugend, lebensaltersbedingte Unterschiede im Erleben der (religiösen) Umwelt sowie Erfahrungen mit der Bedeutung der eigenen Religiosität in kritischen Lebensereignissen während des Erwachsenenalters.

Die Studie baut auf einem Pilotprojekt auf, das bereits 1994-96 am Lehrstuhl durchgeführt wurde. Dabei wurden 30 ForschungspartnerInnen im Alter von 60 Jahren und älter befragt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, daß die Hypothese einer gegenseitigen Beeinflussung zwischen der persönlichen Gestalt der Religiosität und der biographischen Erfahrung zutrifft. Der persönlich geformte Glaube, so zeigte sich, hat offenbar einen starken Einfluß auf die Bewältigung von kritischen Erfahrungen im Lebenslauf.

Ob dies auch für eine Generation gilt, die unter veränderten Gegebenheiten und einer starken Infragestellung des Glaubens aufgewachsen ist, soll die neue Studie zeigen. Dabei wird die Pilotstudie ausgeweitet auf die 45-50jährigen. Es ist zu vermuten, daß die Ereignisse eines so unruhigen Jahrhunderts mit seinen gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungen die Glaubensgestalten nicht unberührt ließen. Mit 140 ForschungspartnerInnen aus unterschiedlichen kulturellen Umfeldern sowie aus drei verschiedenen Regionen Deutschlands (Rheinland, Norddeutschland und Ostdeutschland) werden dazu qualitative Interviews geführt.

Das Projekt dient sowohl der Bereicherung der life-span-psychology durch einen theologischen Beitrag wie der Verbreiterung der empirischen Basis für theologisches Handeln und ermöglicht so Hinweise, wie heute pastorales Handeln für Erwachsene aussehen kann.

Leitung:
Prof. Dr. Walter Fürst, in Kooperation mit Andreas Wittrahm, Referat für kirchliche Altenarbeit im Bistum Aachen
Kontakt:
Dipl.-Theol. Barbara Leicht, Tel. 73-9585
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