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Sorge um das Wohlergehen von Versuchstieren

15.04.1999 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Verhaltensbiologen der Universität Münster untersuchen Haltungsbedingungen von Labormäusen

Die Fronten in der Diskussion um Tier versuche sind verhärtet, Befürworter und Gegner stehen sich fast unversöhnlich gegenüber - auch in der Wissen schaft. Denn ein neues Gesetz der Bundesregierung sieht massive Eingriffe bei Forschungsprojekten mit Tierversuchen vor. Doch eine vollkommene Abschaffung von Tierversuchen scheint illusorisch. Wie zumindest die Haltungsbedingungen und damit das Wohlergehen der Tiere verbessert werden können, zeigen Versuche von Verhaltensbiologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, so die neue Ausgabe der "muz - Münsters Universitäts-Zeitung".

"Wie würden wir gerne leben, wenn wir eine Maus wären?" Für Prof. Dr. Norbert Sachser und sein Team von der Universität Münster ist die Antwort auf diese Frage eigentlich klar: wenn schon Labormaus, dann zumindest keine langweiligen Einheitskäfige, die so viel Abwechslung bieten wie ein Ball der einsamen Herzen, sondern eine komfortable Anlage mit Nischen zum Schlafen und Verstecken, Laufgittern zum Austoben und einer abwechslungsreichen Architektur, die über drei Ebenen verläuft. Ob aber eine solche Haltung auch Gesundheit und Wohlergehen der Tiere steigert, sollen Projekte klären, die von der VW-Stiftung bisher mit rund einer halben Million Mark gefördert wurden.

Angestoßen wurden die münsterschen Untersuchungen vom Leiter eines Labors für Tierversuche, der vor einigen Jahren die Käfige seiner Tiere mit einem Plastikeinsatz und einem Holzklettergestell anreicherte, um eine artgerechtere Haltung zu erreichen. Doch ob das Leben der Tiere dadurch ihrer Art gerechter wurde, läßt sich kaum beurteilen. "Wir können den Tieren schließlich keinen Fragebogen in den Käfig legen", erläutert Prof. Sachser das Dilemma, in dem sich die Verhaltensforscher befinden. Die münsterschen Forscher haben verschiedene Methoden entwickelt, um das Befinden der Tiere, von denen in Deutschland jährlich mehrere hunderttausend gebraucht werden, objektiv beschreiben zu können.

Von der Vermutung ausgehend, daß ein angereicherter Käfig den Tieren mehr Wohlbefinden vermittelt, unterteilte Vera Marashi für ihre Promotion die genetisch weitgehend identischen Mäuse in drei Gruppen. Die erste wurde in standardisierte Labor käfige gesetzt, die zweite landete in angereicherten Käfigen, die dritte verbrachte ihr Leben in sogenannten "Super-Enriched"-Käfigen, viermal so groß wie die anderen, mit Kletterbäumen, Seilen und weiteren Lauf-Ebenen. "Die Tiere haben hier Raum zum Wühlen, Holz zum Nagen und Möglichkeiten zum Verstecken", beschreibt Marashi die Anlage.

Ein Großteil der Untersuchungen ist der Beobachtung des Verhaltens der Tiere gewidmet - und das ist in den verschiedenen Haltungsbedingungen "unterschiedlich wie Tag und Nacht". Weibliche Mäuse, die in einem angereicherten Käfig aufwuchsen, zeigen deutlich weniger Aggressionen und Stereotypien in ihrem Verhalten und spielen mehr als jene im kargen Käfig.

Zu Marashis Überraschung stellte sich allerdings heraus, daß die Männchen aus den angereicherten Käfigen größere Aggressivität als jene aus der Standardhaltung zeigen. Sachser führt dies darauf zurück, daß durch die Vergrößerung des zur Verfügung stehen den Raumes der Instinkt zur Revierbildung geweckt wird. Um diesen Instinkt aber möglichst konfliktfrei auszuleben, bieten selbst die größeren Käfige nicht genug Platz.

Zwar kommt man mit einem Fragebogen bei den Mäusen nicht sehr weit, doch kann man sie durchaus nach ihrer Meinung befragen. Stellt man die Tiere vor die Wahl, zeigt sich, daß sie eindeutig die angereicherten Käfige bevorzugen. Eine derzeit laufende Diplomarbeit soll klären, wie sehr die Tiere bereit sind zu arbeiten, um von einem Standard- in einem angereicherten Käfig zu gelangen.

Nicht nur über das Verhalten läßt sich das Wohlergehen der Tiere objektiv beschreiben. Um die Erkenntnisse aus der Langzeit-Beobachtung abzusichern, werden in der Abteilung für Verhaltensbiologie auch Streßhormone von den Tieren bestimmt und in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Experimentelle Tumorbiologie unter Leitung von Prof. Dr. Angelika Barnekow der Immunstatus der Tiere ermittelt. Schwerpunkt ist dabei die Unter suchung der zellulären Abwehr, wobei unter anderem die Konzentrationen verschiedener Interleukine analysiert werden. Nun warten die Wissenschaftler darauf, ob die immunologischen und hormonellen Daten die Verhaltensdaten bestätigen.

Doch: "Verhalten und physiologische Parameter lassen sich nicht im Verhältnis eins zu eins zuordnen", warnt Prof. Sachser vor einem Kurzschluß. Er nennt weitere Indizien, mit Hilfe derer sich aus einzelnen Mosaiksteinen ein Gesamtbild zusammensetzen läßt. So ist beispielsweise schon länger bekannt, daß bei Mäusen aus einer angereicherten Haltung die Nervenzellen des Gehirns stärker verknüpft sind und die Tiere deutlich besser lernen als ihre Artgenossen aus einem Standardkäfig. Aber - "Sind die, die schlauer sind, auch glücklicher?" beschreibt Marashi die neuen Fragen, die noch auf eine Antwort warten.

Die Chancen, daß der vom Institut entwickelte Super-Enriched-Käfig von der Industrie übernommen wird, schätzt Prof. Sachser als gering ein. Zu aufwendig sei es, die Käfige einzurichten und zu pflegen. Doch daß die derzeitigen Haltungsbedingungen geändert werden müssen, ist für ihn klar: "Wenn man Versuchstiere benötigt, dann soll man sie so halten, daß es ihnen möglichst gut geht. Denn sie verbringen nur den geringsten Teil ihres Lebens bei Experimenten. Die meiste Zeit halten sie sich im Käfig auf".

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