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Fuchsbandwurm: Larve wächst in der Leber wie ein Tumor

19.04.1999 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Kein anderer Parasit in Mitteleuropa ruft beim Menschen eine so gefährliche Erkrankung hervor wie der Fuchsbandwurm: Das Krankheitsbild ist durch eine tumorartige Wucherung in der Leber gekennzeichnet, die ohne Behandlung tödlich verläuft.

Der Mensch infiziere sich, so Prof. Dr. Matthias Frosch vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Würzburg, durch die Aufnahme der Bandwurmeier über den Mund. Die Eier werden vom Fuchs, in dessen Darm die erwachsenen Bandwürmer heranreifen, mit dem Kot ausgeschieden und gelangen möglicherweise über die Nahrungskette - diskutiert wird unter anderem der Verzehr von ungewaschenen Waldfrüchten - oder auch beim Einatmen in den Menschen.

Im Dünndarm schlüpft aus den Eiern eine Larve, die in die Leber gelangt und dort zu einem schwammartigen Gewebe heranwächst, das die Eigenschaften eines bösartigen Tumors hat. Da dieses Larvengewebe nur sehr langsam wächst, vergehen bis zu 15 Jahre, ehe sich Symptome zeigen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Erkrankung jedoch meist schon weit fortgeschritten und therapeutisch nur noch schwer zugänglich.

Die neuesten Forschungsergebnisse über den Fuchs- und auch den Hundebandwurm standen im Mittelpunkt der internationalen Tagung "Interdisciplinary Forum on Echinococcosis", die am 16. und 17. April im Hörsaal des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Würzburg stattfand. Dort trafen sich etwa 50 Wissenschaftler aus Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz, Italien und Australien, um aktuelle Aspekte der Epidemiologie, Diagnose, Therapie und Impfstoffentwicklung gegen die durch den Hunde- und Fuchsbandwurm hervorgerufenen Erkrankungen zu diskutieren.

Organisiert wurde das Treffen von den Würzburger Professoren Dr. Uwe Groß und Dr. Matthias Frosch in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, der Deutschen Gesellschaft für Parasitologie und der Paul-Ehrlich-Gesellschaft. Gefördert wurde die Tagung auch vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Die Veranstalter boten eine öffentliche Diskussionsrunde an, bei der sich alle Interessierten über die Thematik informieren konnten.

Wie groß die Gefahr ist, sich eine Fuchsbandwurm-Erkrankung zu holen, kann laut Prof. Frosch nur schwer abgeschätzt werden, weil exakte wissenschaftliche Daten fehlen. Auch das Wissen über die Verbreitung des Fuchsbandwurms und die Häufigkeit seines Auftretens in Füchsen ist nur bruchstückhaft. Beispiel Schwäbische Alb: Dort kommt der Fuchsbandwurm häufig vor; in einigen Regionen sind 75 Prozent aller Füchse befallen. Da in einem einzigen Fuchs viele Tausend erwachsene Bandwürmer leben können und ein Bandwurm im Laufe seines Daseins Hunderte bis Tausende infektiöse Eier hervorbringt, ist in diesen Regionen eine besonders hohe Gefährdung der Bevölkerung zu erwarten.

Eine Meldepflicht, mit der eine gute Übersicht über die Verbreitung in Mitteleuropa möglich wäre, besteht für diese Krankheit nicht. Daher wurde 1998 mit Unterstützung der Europäischen Union in Ulm das "Europäische Echinokokkose-Register" eingerichtet. Es ist in der Abteilung "Biometrie und Medizinische Dokumentation" der Universität angesiedelt, Schwabstraße 13, 89075 Ulm, T (0731) 50 26-897, Fax (0731) 50 26-902. Prof. Dominique Vuitton aus Besançon (Frankreich) lieferte bei der Tagung erste Informationen über die bislang erfassten 345 Krankheitsfälle aus Frankreich, Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Die Teilnehmer der Tagung befassten sich zudem mit grundlegenden Fragen zur Entwicklung und Auswirkung der Krankheit beim Menschen. Es gibt Hinweise, dass eine bestimmte erbliche Veranlagung vor der Entwicklung einer Erkrankung mit dem Fuchsbandwurm schützt. Zu dieser Erkenntnis gelangten die Wissenschaftler, nachdem sie die Gewebegruppeneigenschaften von 151 Patienten untersucht hatten. Neue Methoden für die Frühdiagnostik durch bildgebende Verfahren und durch die Serologie wurden diskutiert. Doch auch die bewährten Therapieverfahren - Radikaloperation und Chemotherapie - standen im Mittelpunkt der Tagung.

Im Gegensatz zum Fuchsbandwurm, der nur auf der nördlichen Erdhalbkugel - entsprechend den Verbreitungsgebieten des Rot- und des Polarfuchses - vorkommt, ist der nahe verwandte Hundebandwurm weltweit anzutreffen. Er kommt insbesondere in Ländern mit niedrigen Hygiene-Standards vor, wo Hunde frei umherlaufen, die Erkrankung in die Häuser tragen und den Menschen über die Eier im Hundekot infizieren. Im Vergleich zum Fuchsbandwurm ist die Prognose dieser Erkrankung besser, da der Parasit in Leber und Lunge abgegrenzt in einer Zyste wächst, die chirurgisch meist sehr gut komplett entfernt werden kann.

Prof. Carlo Felici aus Pavia (Italien) stellte ein in Deutschland noch umstrittenes Therapieverfahren vor, das gegen die Hundebandwurm-Infektion des Menschen zum Einsatz kommt. Prof. Felici verfügt weltweit über die größten Erfahrungen mit dieser neuen, nur wenig in den Organismus eingreifenden Behandlungsform: Ultraschallgesteuert erfolgt dabei eine Punktion der Zyste oder Tochterzyste. Nach der Entnahme der Flüssigkeit aus der Zyste wird der verbleibende Rest kurzfristig mit hochprozentigem Alkohol desinfiziert. Dies reicht aus, um die Larve des Bandwurms abzutöten.

Die Erfolge dieser sogenannten PAIR-Behandlung haben auch Kritiker überzeugt. Die Verlaufsuntersuchung von über 1.000 Patienten wurde vorgestellt und diskutiert. Eine Impfung für den Menschen gegen den Hundebandwurm ist noch nicht in Sicht. Prof. Marshall Lightowlers aus Melbourne (Australien) stellte aber die Daten einer erfolgreich verlaufenen Impfkampagne vor, bei der Schafe in Australien und Neuseeland gegen diesen Bandwurm gewappnet wurden.

Die Veranstalter zogen insgesamt ein sehr positives Resümee. Der besondere Reiz der Würzburger Tagung bestand laut Prof. Frosch darin, dass sich klinisch tätige Ärzte, Mediziner aus theoretischen Instituten, Parasitologen und Naturwissenschaftler zu einem interdisziplinären Forum zusammenfanden. Dies erlaubte den Austausch von Erfahrungen aus dem klinischen Alltag bei der Behandlung der Patienten, von Erkenntnissen über die bestmöglichen Diagnoseverfahren sowie von neuesten Ergebnissen aus dem Bereich der Grundlagenforschung. Aus dem Gespräch zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen lassen sich Synergieeffekte erwarten, die künftig ein besseres und koordinierteres Vorgehen im Kampf gegen die gefährlichen und weit verbreiteten Hunde- und Fuchsbandwurmerkrankungen ermöglichen.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Matthias Frosch, T (0931) 201-5160, Fax (0931) 201-3445, E-Mail:

mfrosch@hygiene.uni-wuerzburg.de

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