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Stärkere Zusammenarbeit zwischen Industrie und Hochschulen gefordert

22.04.1999 - (idw) Technische Universität Clausthal

Sperrfirst: 23. 4. 1999, 16.30 Uhr
Anläßlich der Verleihung der Honorarprofessur der Technischen Universität Clausthal hat Ekkehard Schulz, Vorsitzender des Vorstands der Thyssen Krupp AG, einen regelmäßigen Austausch und eine übergreifende Zusammenarbeit, eine personelle wie institutionelle Vernetzung von Industrie und Hochschulen angemahnt. In seinem Vortrag über das Thema "Hochschule und Industrie - Vorbereitet auf den Wandel, für die Zukunft gerüstet?" hat sich Schulz für dringend notwendige Reformen ausgesprochen.

In seiner Bestandsaufnahme erinnerte der Thyssen Krupp Vorstandsvorsitzende an die "Berliner Rede" von Bundespräsident Roman Herzog vor zwei Jahren, der von einer "globalen Gesellschaft des Informationszeitalters" gesprochen hatte und vom Wandel der Industriegesellschaft in eine Kommunikations- und Wissensgesellschaft. Schulz forderte angesichts transnationaler Netzwerke und der ständig zunehmenden Innovationsgeschwindigkeit Kreativität und lebenslanges Lernen. Selbst an einem reifen Produkt wie dem Stahl, so Schulz, könne man die Geschwindigkeit der Innovation verdeutlichen. Mehr als die Hälfte der heutigen Stahlqualitäten sei jünger als fünf Jahre. Angesichts dieser Wissensrevolution und des internationalen Wettbewerbs stünden die Unternehmen unter immensem Innovationsdruck.

Insgesamt sieht Schulz die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland deutlich verbessert. Nachholbedarf sieht er aber insbesondere bei den forschungsintensiven Industrien in Deutschland. Vor allem ein Vergleich mit den USA zeige, daß sich amerikanische Unternehmen wesentlich stärker als deutsche auf die wirklichen Spitzentechnologie-Sektoren konzentriert hätten. Deutsche Firmen dagegen dominierten vor allem bei der höherwertigen Technik. Schulz: "Wir werden unsere Position im internationalen Innovationswettbewerb nur halten und ausbauen können, wenn wir die deutschen Defizite in der Mikroelektronik, der Informationstechnik und der modernen Bio- und Gentechnologie jetzt endlich ganz energisch angehen und abbauen. Der Anschluß an neue Technologien darf nicht verloren gehen." Neue Produkte und Technologien müßten auch bei uns schneller auf den Markt.

Ein anderes Gebiet, das Schulz in Deutschland eindeutig für noch unterentwickelt hält, ist der Sektor intelligenter, wertschöpfungsintensiver Dienstleistungen. Zwar werde Deutschland auch in Zukunft nicht ohne eine wettbewerbsstarke innovative Industrie auskommen, doch daneben sei auch ein dynamischer Dienstleistungssektor notwendig. Mit einer Kombination aus beidem könne Deutschland die Herausforderungen des Wandels besser meistern, vor allem aber auch einen Teil der Beschäftigungsprobleme.

Auch bei den Hochschulen sieht Schulz eine Notwendigkeit zur Veränderung. Zwar gebe es erste erfreuliche Ansätze wie neue Studiengänge oder internationale Abschlüsse, doch würden die bisherigen Reformen dem massiven Wandel noch nicht ausreichend gerecht. Als Beispiele nannte er zu lange Studienzeiten, zu theoretische Studieninhalte, international nicht ausreichend kompatible Studienabschlüsse. Er plädierte für Qualitätssicherungsverfahren bei Forschung und Lehre und betriebswirtschaftlichen Anforderungen entsprechende Leitungs- und Managementstrukturen an den Hochschulen. "Der deutsche Hochschulbereich hat noch Nachholbedarf, um wieder international in der Championsleague mitspielen zu können." Vor dem 2. Weltkrieg hätten die Hochschulen in Deutschland als Prunk- und Ausstellungsstück europäischen Kultur- und Bildungswesens gegolten.

Das gesamte deutsche Gesellschaftssystem müsse sich mit all' seinen Institutionen an der internationalen Konkurrenz messen. Das gelte auch für die Hochschulen. Die Industrie habe in dem deutschen Veränderungsprozeß eine Vorreiterrolle übernommen, weil sie dem internationalen Wettbewerb früher und direkter begegnen mußte. Durch diese unterschiedliche Reaktionsgeschwindigkeit hätten sich in Deutschland die gesellschaftlichen Kreise wie Industrie und Hochschule zunehmend voneinander entfernt. Man rede zu wenig miteinander, sei außerstande, seine eindimensionale Blickrichtung zu korrigieren und in einen gedanklichen oder gar personellen Austausch zu treten.

Schulz kritisierte, daß ein solcher personeller Austausch in Deutschland kaum stattfinde: "Den Wechsel erfolgreicher Unternehmer in die Politik gibt es (fast) nicht. Der Wechsel von erfolgreichen Politikern in die Wirtschaft gelingt nur in den seltensten Fällen." Man bleibe auf einem einmal festgelegten Karriereweg, agiere streng getrennt und zirkuliere lediglich innerhalb des eigenen Kreises.

Schulz forderte eine verstärkte Kommunikation zwischen Industrie und Hochschule, aber auch einen stärkeren Austausch zwischen den Fakultäten. Das wirklich Neue und Spannende passiere beim gegenseitigen Austausch von z.B. Halbleiterforschung und Biologie oder bei der Zusammenarbeit von Ökonomen und Demographen oder der Werkstoffwissenschaft mit Architekten und Ingenieuren.

Schulz setzte sich in seiner Rede für ein Aufbrechen dieser Verkrustungen ein und plädierte für einen regelmäßigen Austausch und eine übergreifende Zusammenarbeit, für eine personelle wie institutionelle Vernetzung zwischen den gesellschaftlichen Kreisen. Hochschule und Industrie müßten sich weiter verzahnen, ohne daß die Hochschulen dabei ihre Unabhängigkeit aufgäben.

"Eine engere Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Unternehmen kann dazu beitragen, durch gezielte Forschungsförderung die Mittelknappheit der Hochschulen zu lindern und gleichzeitig die Innovations-fähigkeit der Wirtschaft zu fördern. Für die Industrieforschung gelten die Hochschulen als Schatzkammern." Deren Schätze würden nur deshalb nicht ausreichend gehoben, weil Manager und Hochschullehrer oftmals verschiedene Sprachen sprächen. Hier bringe ein temporärer Wechsel zwischen Hochschule und Industrie Vorteile für beide Seiten.

Nach Ansicht des Thyssen Krupp Vorstandsvorsitzenden würden durch die Einführung von mehr Marktmechanismen in das Universitätssystem sowohl die Studenten als auch ihre Professoren angespornt, die Qualität der Arbeit zu erhöhen. Dazu zählte er einen offenen Wettbewerb - auch zwischen den Hochschulen - um Studenten und Investitionsmittel, die Einführung von sozialverträglichen Studiengebühren, die Leistungsbeurteilung von Professoren und das Recht der Hochschulen, ihre Studenten selbst auswählen zu dürfen.

Schulz: "Viele Hochschulen haben den richtigen Weg schon eingeschlagen. Industrie und Hochschule müssen es schaffen, künftig zumindest wieder zu einem Gleich-schritt zu finden. Wenn dann im Hochschulbereich die wichtige Triebfeder "Wettbewerb" noch mehr zum Tragen kommt, sehe ich gute Chancen, daß die Entwicklung mit der richtigen Geschwindigkeit in die richtige Richtung läuft."

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