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Auswege aus dem Mangel an Spenderorganen

23.04.1999 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Die Herzchirurgen des Universitätsklinikums Münster haben erfolgreich neue Wege eingeschlagen, um zu verhindern, daß Patienten wegen des großen Mangels an Spenderorganen auf der Warteliste für eine Herztransplantation versterben. Vor gut zwei Wochen wurde einem Endfünfziger im Endstadium einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung ein etwa handtellergroßes Stück aus der Seitenwand des Herzmuskels herausgeschnitten, der durch das schwere Herzleiden fast zu Fußballgröße ausgedehnt war und damit in seiner Pumpkraft enorm nachgelassen hatte. Als Folge der Verkleinerung des Herzens ließ die Spannung der zuvor überdehnten Muskelwand sofort nach und das Herz pumpte zusehends wieder mehr Blut durch den Körper. Um das Risiko eines Tods durch Herzrhythmusstörungen auszuschalten, die zuweilen als Folge eines solchen Eingriffs auftreten können, wurde dem Patienten noch ein Defibrillator implantiert. Der kleine Elektroschocker sorgt dafür, daß das Herz in einem solchen Fall wieder auf Trab gebracht wird.

Der Patient hat den lebensrettenden Eingriff gut überstanden und kann voraussichtlich in Kürze aus der Klinik entlassen werden. Ohne diese Operation wäre er nach Einschätzung der behandelnden Herzmediziner in Münster in Kürze am Herztod gestorben, sofern er nicht doch noch kurzfristig ein Spenderherz erhalten hätte. Die Aussichten, daß alle Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation rechtzeitig ein Organ erhalten, sind jedoch auch über ein Jahr nach Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes in Deutschland ungebrochen schlecht. Nach wie vor gibt es einen großen Mangel an Spenderorganen. "Seit Jahresbeginn haben wir erst sechs Herzen transplantiert", betont Prof. Dr. Hans H. Scheld, Direktor der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Universität Münster. "Im vergangen Jahr lag die Zahl um diese Zeit doppelt so hoch."

Um so nachdrücklicher verfolgen die münsterschen Herzchirurgen neue Ansätze, damit Patienten auf der Warteliste trotz Organmangels überleben. Neben der bereits seit Jahren erfolgreich praktizierten Kunstherz-Behandlung zur Überbrückung der Wartezeit auf eine Organverpflanzung setzen sie mit der am münsterschen Klinikum jetzt erstmals vorgenommenen Herzverkleinerung auf ein weiteres erfolgversprechendes Verfahren, das vor einigen Jahren von dem brasilianischen Herzchirurgen Dr. Randas Batista in einem kleinen Krankenhaus bei Rio de Janeiro quasi der Not gehorchend eingeführt worden ist. Damit erhöhen sich die Chancen, daß Patienten im Endstadium einer schweren Herzerkrankung mindestens ein Jahr überleben, mittlerweile statistisch von 30 auf immerhin 80 Prozent.

Intensive experimentelle Studien am Herzzentrum der Westfälischen Wilhelms-Universität sind vorausgegangen, bevor dieses Verfahren jetzt erstmals bei einem Patienten in Münster angewandt wurde. Im Rahmen dieser von der Deutschen Herzstiftung unterstützten Forschungen hatte sich unter anderem gezeigt, daß die Erfolgsaussichten einer "Herzverkleinerung nach Batista" durch die in Kooperation mit der Kardiologie vorgenommene zusätzliche Implantation eines Defibrillators deutlich steigen. Neben Zentren in Berlin, Freiburg und München gehört das Herzzentrum der Universität Münster jetzt zu den derzeit erst wenigen Kliniken in Deutschland, in denen diese Operation etabliert worden ist.

Über die Kunstherz-Behandlung und die Herzverkleinerung hinaus wird am münsterschen Universitätsklinikum seit kurzem noch ein drittes Verfahren angewandt, um eine Herztransplantation hinauszuzögern oder möglicherweise in einigen Fällen sogar überflüssig zu machen. Dieses im Vergleich zu vielen anderen Herzoperationen weniger eingreifende und risikoärmere Verfahren, die sogenannte multifokale Schrittmachertherapie, verspricht Erfolg bei Patienten, die in Verbindung mit einer Pumpschwäche ihres Herzens an einer Störung des Reizleitungssystems des Herzens leiden.

Nach Worten von Privatdozent Dr. Dieter Hammel, Oberarzt der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Universität Münster, kann das erkrankte Herz als Folge dieser Behandlung etwa ein Viertel seiner Pumpkraft zurückgewinnen, was einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität bedeute. Im Gegensatz zur herkömmlichen Schrittmacher-Stimulation, wird bei der multifokalen Therapie zussätzlich zu dem in den rechten Herzvorhof eingebrachten Kabel eine weitere Elektrode von außen auf die linke Herzkammer genäht. Durch die nun mögliche gleichzeitige Stimulation beider Herzkammern kann auch bei Patienten mit erheblich eingeschränkter Herzleistung wieder eine unmittelbare Übertragung der Erregung erreicht werden.

Welche der drei Behandlungsverfahren - Kunstherz-Therapie, Herzverkleinerung, multifokale Schrittmachertherapie - bei den einzelnen Patienten, die früher nur durch schnellstmögliche Herztransplantation gerettet werden konnten, zum Einsatz kommen, hängt von deren jeweiligem Krankheitsbild ab. Eine langfristige Alternative zur Organverpflanzung sind sie allerdings, zumindestens zum derzeitigen Zeitpunkt, noch nicht. Vor dem Hintergrund des anhaltend großen Mangels an Spenderorganen bieten sie jedoch eine große Chance, daß Menschen mit lebensbedrohlicher Herzerkrankung trotz verlängerter Wartezeiten auf eine Transplantation dennoch überleben.

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