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Erinnerungen mathematisch modellieren

07.08.2002 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena


Dr. Thorsten Meiser: Der Psychologe von der Universität Jena wird ab Oktober eine DFG-Nachwuchsgruppe leiten. (Foto: FSU-Fotozentrum/Günther) Psychologe der Universität Jena erhält US-Preis und DFG-Nachwuchsgruppe

Jena (07.08.02) Der 11. September 2001 hat sich fest in unser aller Gedächtnis gebrannt. Doch die Erinnerungen jedes einzelnen Menschen sind individuell zusammengesetzt. Psychologen sprechen von dem Quellengedächtnis, das durch zahlreiche Informationen aus dem Umfeld des eigentlichen Ereignisses geprägt ist. Hierzu zählt etwa beim Attentat auf das World Trade Center die Erinnerung an die Person, von der wir zuerst von den Ereignissen in New York erfahren haben, unsere eigenen Aktivitäten und Stimmungen zum Zeitpunkt der Informationsaufnahme. Solche mehrdimensionalen Erinnerungsprozesse untersucht Dr. Thorsten Meiser von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Psychologe hat gemeinsam mit seinem Bonner Kollegen Dr. Arndt Bröder ein mathematisches Modell zur Analyse von mehrdimensionalen Erinnerungsprozessen formuliert und in experimentellen Untersuchungen angewandt. Diese Ergebnisse haben die Nachwuchswissenschaftler in einem Artikel im internationalen Fachmagazin "Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition" veröffentlicht. Für den Beitrag "Memory for Multidimensional Source Information" ist Meiser jetzt der diesjährige Forschungspreis der Fachgruppe für Experimentelle Psychologie der Amerikanischen Psychologengesellschaft zuerkannt worden. Die Auszeichnungen aus allen fünf Fachgruppen werden am 24. August im Rahmen eines internationalen Kongresses in Chicago überreicht.

"Ich wäre gerne zur Preisverleihung gefahren", sagt Thorsten Meiser, "aber gerade zu dieser Zeit erwarten wir unser zweites Kind", macht der Jenaer Psychologe sein Fernbleiben erklärlich. Den Kontakt zum amerikanischen Psychologenverband wird er auf jeden Fall halten, da die Auszeichnung eine fünfjährige Ehrenmitgliedschaft in der Fachgruppe für Experimentelle Psychologie einschließt. "Das Journal of Experimental Psychology gehört zu den bedeutendsten und hochrangigsten Fachzeitschriften auf dem Gebiet der experimentellen Psychologie. Die bereits zweite Veröffentlichung von Dr. Meiser in diesem Journal zeigt daher, dass seine Forschungstätigkeit in der internationalen scientific community eine hohe Anerkennung findet", bewertet Prof. Dr. Amelie Mummendey die Auszeichnung.

Meiser erforscht im Team der Jenaer Lehrstuhlinhaberin für Sozialpsychologie schon seit langem, wie Erinnerungen im Gehirn aufgenommen, verarbeitet und rekonstruiert werden. Im Mittelpunkt seiner Untersuchungen steht das so genannte "Quellengedächtnis", in dem die Umfeldinformationen von Ereignissen wahrgenommen und gespeichert werden. "In den früheren Untersuchungen zum Quellengedächtnis wurde seine Multidimensionalität nur wenig beachtet und methodisch unzureichend erfasst", ermittelte Meiser. Dieses Manko hat er gemeinsam mit Bröder behoben und ein mathematisches Modell entwickelt, "welches die gleichzeitige Messung von Gedächtnisprozessen für unterschiedliche Kontextdimensionen erlaubt", beschreibt er. Außerdem gestattet es das Modell, wirkliche Erinnerungsprozesse von solchen Prozessen zu trennen, bei denen das Ereignis eher erratend rekonstruiert wird. In dem prämierten Beitrag weisen die Forscher experimentell nach, dass ihr Modell nach ihren Vorhersagen funktioniert und dass die bewusste Erinnerung an ein Detail den Abruf weiterer Details wahrscheinlicher macht.

Entwickelt hat Meiser das Modell vor allem während eines einjährigen von der Alexander von Humboldt-Stiftung geförderten Forschungsaufenthalts an der britischen Cardiff University. Seine Forschungen führt der 35-jährige Psychologe in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt an der Universität Jena fort. Hier setzt er das mathematische Messmodell derzeit u. a. ein, "um die Speicherung und den Abruf multipler Kontextattribute im episodischen Langzeitgedächtnis weitergehend zu untersuchen", so Meiser. Außerdem will er mit dem Modell einige psychologische Hypothesen zur Entstehung sozialer Vorurteile überprüfen.

Dass diese Forschungen innovativ sind, beweist nicht nur die Auszeichnung durch die amerikanischen Psychologen. Auch die DFG erwartet zukunftsweisende Ergebnisse von den Jenaer Sozialpsychologen. Sie genehmigte gerade die Einrichtung einer eigenständigen Nachwuchsgruppe unter Meisers Leitung, die im Oktober starten soll und zunächst für drei Jahre gefördert wird. "Die Nachwuchsgruppe wird insbesondere kognitive Prozesse bei der Bildung verzerrter Stereotype untersuchen und hierzu die vorangegangene Modellbildung und die bisherigen empirischen Befunde zum multidimensionalen Quellengedächtnis nutzen", erläutert der künftige Leiter des Forscherteams, zu dem neben Meiser drei Doktoranden und sechs studentische Hilfskräfte gehören werden.

Kontakt:

Dr. Thorsten Meiser
Institut für Psychologie der Universität Jena
Humboldtstr. 26, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945255
Fax.: 03641 / 945252
E-Mail: Thorsten.Meiser@uni-jena.de
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