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"Mit Billiglöhnen und schlechten Sozialstandards läßt sich die Zukunft nicht meistern"

21.05.1999 - (idw) Institut Arbeit und Technik

IAT-Vizepräsident Prof. Dr. Gerhard Bosch zu Tendenzen wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen im Ländervergleich - Kosten der Deregulierung

Billiglöhne und Abbau des Sozialstaats können in Deutschland und anderen Industrieländern wenig zur Lösung des Beschäftigungsproblems beitragen. Wie internationale vergleichende Studien der OECD zeigen ist "mehr als zweifelhaft, ob Niedriglöhne tatsächlich positive Beschäftigungseffekte bringen", so der Arbeitsmarktexperte Prof. Dr. Gerhard Bosch, Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen). Die negativen Auswirkungen einer solchen Strategie sind gravierend: schon kurzfristig werden Ausbildungs- und Weiterbildungsanstrengungen geschwächt, langfristig sind Fachkräftemangel, verlängerte Arbeitszeiten bei denen, die Arbeit haben, und soziale Zerfallserscheinungen an unteren Ende der Einkommensskala bis hin zu Schattenwirtschaft und Kriminalität die Folgen.

"Die Thesen, die eine Lösung des Beschäftigungsproblems durch Abbau des Sozialstaats und Abschaffung der Tarifverträge versprechen, sind ökonomisch verfehlt", meint Bosch. Nach den OECD-Daten hat die Deregulierung des Arbeitsmarktes beispielsweise in Großbritannien und den USA zu großen Ungleichheiten in der Einkommensverteilung geführt, während in Deutschland, Belgien und Norwegen mit Tarifverträgen, Mindestlohnregelungen und einem ausgebauten Sozialstaat in den letzten zehn Jahren die Einkommensungleichheit weiter verringert wurde. Nach amerikanischer Einkommensverteilung müßten beispielsweise in Deutschland die Einkommen von Verkäuferinnen von 2000 DM monatlich auf 1000 DM sinken. Daß die Absenkung der unteren Einkommen zu mehr Beschäftigung führen könnte, belegen die Zahlen keineswegs. In den USA wurden vor allem in den oberen Einkommenssegmenten zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Und die dürftige britische Beschäftigungsbilanz läßt sich kaum als Beleg für die Vorteile von mehr Ungleichheit heranziehen.

Zunehmende Lohndifferenzierung erleichtert auch nicht den Einstieg in besser bezahlte Tätigkeiten. Beim Vergleich der Einkommensmobilität - dem Auf- oder Abstieg in der Einkommenshierarchie eines Landes -, waren in Deutschland von den 1986 Niedrigverdienenden 26 Prozent auch sechs Jahre später noch in dieser Einkommensklasse. In Großbritannien lag die entsprechende Quote bei 39 Prozent und in den USA sogar bei 55,8 Prozent. "Mit zunehmender Armut erhöht sich also die Wahrscheinlichkeit, arm zu bleiben. Daran ändert auch der eine oder andere ehemalige Tellerwäscher in der Vorstandsetage eines Unternehmens wenig", so Prof. Dr. Gerhard Bosch.

Während die Arbeitsmärkte in den USA und in Großbritannien nach oben hin weniger durchlässig als der deutsche sind, ist deren Abwärtsmobilität deutlicher ausgeprägt. Unter den 1991 gering Verdienenden hatten in den USA 1986 noch 12,3 Prozent mehr als 95 Prozent des mittleren Einkommens verdient, in Großbritannien 11,6 Prozent und in Deutschland 5,4 Prozent. "Mit wachsender sozialer Ungleichheit erhöht sich also nicht nur die Gefahr arm zu bleiben, sondern auch die, arm zu werden", so Prof. Bosch.

"Mit Billiglöhnen und schlechten Sozialstandards kann man die Zukunft nicht meistern. Positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt sind unsicher. Wenn sie aufträten, wären sie ein Strohfeuer, da zu wenig in Bildung, also in die Zukunft investiert wird", so Prof. Dr. Bosch. Während eine komprimierte Lohnstruktur und ausgebauter Kündigungsschutz den Unternehmen große Anreize bieten, in die Weiterbildung ihrer Beschäftigten zu investieren, schwinden bei sinkenden Löhnen die Qualifizierungsanstrengungen. Hohe Leistung und Motivation kann man nur von Beschäftigten verlangen, die auch angemessen bezahlt, behandelt und ausgebildet werden.

Vor allem wird übersehen, daß in fast allen Industrieländern die Nachfrage nach gering qualifizierter Arbeit in den letzten Jahren regelrecht kollabiert ist. Qualifizierte Arbeit ist eine der Voraussetzungen dafür, daß sich unsere Wirtschaft durch die innovative Weiterentwicklung ihrer wissensintensiven Produktpalette auf den globalen Exportmärkten behaupten konnte. So sind die deutschen Exportpreise zwischen 1980 und 1990 um 40,4 Prozent angestiegen, die Importpreise hingegen nur um 20,2 Prozent.

"Wir müssen mehr auf Qualifikation und moderne und effiziente Formen der Arbeitsorganisation setzten, wozu auch flexible Arbeitszeiten gehören," so Bosch. "Wenn die für eine effiziente Wirtschaft notwendige Flexibilität nicht innerhalb unseres Tarif- und Sozialsystems geregelt wird, etabliert sie sich außerhalb dieses Systems und höhlt es langsam aus".


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Prof. Dr. Gerhard Bosch
Durchwahl: 0209 / 1707-147
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