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Psychologen fordern neue Aussiedlerpolitik, "sonst tickt eine Zeitbombe"

14.06.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Integration von Spätaussiedlern dauert mehrere Generationen

Jena. (14.06.99) Energische, aber differenzierte Kritik an der staatlichen Aussiedlerpolitik übte der Jenaer Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Rainer K. Silbereisen. Für die psychische und soziokulturelle Eingliederung seien Sprachkurse, die nun verstärkt gefördert werden sollen, zwar wichtig, nachhaltige Impulse könnten aber nur durch sozialpädagogische Fördermaßnahmen erreicht werden. Die Akkulturation älterer Spätaussiedler lasse sich nur bedingt erreichen, "wir müssen uns vordringlich um die jungen Leute kümmern, damit sie nicht Außenseiter in unserer Gesellschaft werden und in Kriminalität und Drogenkonsum abgleiten", forderte Silbereisen. "Hier hat Jochen Welt, der neue Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, durchaus einen richtigen Ansatz gefunden, geht aber nicht weit genug."

Tatsächlich dauere der Akkulturationsprozeß und damit die Integration viele Jahre, jedenfalls mehr als eine Generation, "so wie bei Immigranten aus anderen Kulturkreisen auch". Silbereisen legte zum Beweis seiner Thesen eine umfangreiche Längsschnittstudie vor, die ein Team von sechs Forschungsgruppen seit 1991 unternahm. Die Untersuchung wurde im wesentlichen aus Mitteln des Bundesinnenministeriums finanziert. Jetzt liegt, herausgegeben von Rainer K. Silbereisen, seiner Jenaer Kollegin Eva Schmitt-Rodermund und dem Kasseler Psychologen Ernst-Dieter Lantermann, ein 389 Seiten starkes Buch vor ("Aussiedler in Deutschland. Akkulturation von Persönlichkeit und Verhalten", Verlag Leske + Budrich).

Die Wissenschaftler befragten insgesamt viermal in halbjährigem Abstand über 300 Aussiedlerfamilien in Kassel, Gießen, Osnabrück und Wuppertal über ihre psychosoziale Befindlichkeit und kulturelle Eingewöhnung. Dabei stellten sie fest, daß vor allem ältere weibliche Immigranten beruflich eine fatale Abwärtsqualifikation durchmachen. "Je höher sie in ihrer alten Heimat qualifiziert waren, desto schlechter sind die Möglichkeiten, in Deutschland auf gleichem Niveau Arbeit zu finden", resümiert Ernst-Dieter Lantermann. Am schwersten würden davon Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion betroffen, weil sie in ihren Wertorientierungen am stärksten traditionalistisch geprägt seien.

Religionsausübung und im Sozialismus erlernte passive Verhaltensmuster stehen der Eingliederung ebenfalls im Wege. Diese Prägung ändert sich bei älteren Erwachsenen weniger als bei jungen Leuten, so daß eine erfolgreiche Akkulturation in die neuen Verhältnisse mühsam ist. Das führe insbesondere bei Immigranten aus den GUS-Staaten, die am häufigsten - über 60 Prozent - ethnisch-nationale Motive für die Immigration angeben, zu Isolation und depressiver Verstimmung über die enttäuschten Erwartungen. Die rechtliche Gleichstellung als Staatsbürger garantiere noch keine soziale Integration: Sie besitzen zwar einen deutschen Paß, fühlen sich aber nicht als Deutsche akzeptiert.

Hingegen hätten Kinder und Jugendliche langfristig eine realistische Chance auf umfassende soziale Integration, erklärt Rainer K. Silbereisen, der an der Friedrich-Schiller-Universität Entwicklungspsychologie lehrt: "Dabei sind die Sprachkenntnisse zwar wichtig, aber der Schlüssel für die Akkulturation junger Leute liegt beim Kontakt zu gleichaltrigen Deutschen und deren Lebensplänen." Die jungen Spätaussiedler würden auch dann als Fremde identifiziert, wenn sie die deutsche Sprache hinreichend beherrschten. "Entscheidend ist vielmehr eine Umorientierung von den mitgebrachten kollektivistischen Wertemustern hin zu den individualistischen, die hierzulande vorherrschen", so Silbereisen.

Junge Leute müßten früh lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und über ihre Stärken Be-scheid zu wissen. Behindert werde dieser Prozeß von der traditionell starken Familienbindung, die zwar die eigene Lebensart im Herkunftsland aufrecht erhalten ließ, aber in Deutschland eher zur Ausgrenzung seitens der ansässigen Gleichaltrigen führt.

Eine Folge: "Bei denen, die den Anschluß nicht schaffen werden, müssen wir mit einer Tendenz zur Ghettoisierung rechnen", beklagt Silbereisen, "sie empfinden Deutschland nicht als wiedergefundene ,Heimat', wie noch ihre Eltern, sondern als eine Welt, in der sich ihre Ansprüche und Hoffnungen nicht verwirklichen lassen." Silbereisen: "Hier tickt eine soziale Zeitbombe." Nur durch sozialpädagogische Projektarbeit auch Jahre nach dem Zuzug, könne sie entschärft werden, fordert der Entwicklungspsychologe. "Wir müssen die jungen Aussiedlern ermutigen und ihnen helfen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und ihnen klarmachen, daß sie dann eine echte Chance haben", ergänzt seine Kollegin Eva Schmitt-Rodermund.

Dies alles verlangt einen langen Atem. Auch nach den geänderten Zuzugsrichtlinien kommen noch immer monatlich bis zu 10.000 Spätaus-sied-ler aus nunmehr 26 ost- und zentraleuropäischen Staaten nach Deutschland. "Das Akkulturationsproblem wird uns noch länger befassen", sieht Silbereisen voraus. Dabei warnt der Psychologe vor fremdenfeindlichen Reaktionen: "Diese Menschen sind kulturell, ökonomisch und sozial eine Bereicherung für unsere Gesellschaft."

Zugleich forderten Silbereisen und Lantermann weitere Forschungsinitiativen auf diesem Gebiet. Das Jenaer Team plant Vergleichsstudien zwischen jungen Aussiedlern und Gastarbeiterkindern in Deutschland sowie einen Vergleich mit russischen Spätaussiedlern in Israel.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Rainer K. Silbereisen
Tel.: 03641/945200, Fax: 945202
e-mail: sii@rz.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de
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