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Großstädte: Abwanderung ins Umland

29.06.1999 - (idw) Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

Abwanderung ins Umland

Nicht das Geld, das Wohn- und Lebenskonzept entscheidet

Berlin (wbs) Nicht finanzielle Gründe, wie noch vor 30 oder 40 Jahren, sondern Alter, Familienstand, Haushaltsgröße und die Lebensform geben heute den Ausschlag, wenn Menschen aus der Großstadt ins Umland ziehen. Wie eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigt, sind es vor allem junge Paare mit Nachwuchs und eher höheren oder mittleren Einkommen, die den Großteil der "Stadtflüchter" ausmachen.

Früher - in den 50er und 60er Jahren - waren es in den westdeutschen Großstädten in erster Linie die Besserverdienenden, die die Mietwohnung in der Innenstadt gegen ein Häuschen im grünen Umland tauschten. In letzter Zeit hat sich der Kreis derjenigen, die der Stadt den Rücken kehren und "draußen" wohnen wollen, erheblich erweitert und auch sozialstrukturell verändert.

Entwicklungen etwa in Magdeburg, Leipzig und auch in Berlin zeigen, daß rd. 85 Prozent der Haushalte, die aus diesen Städten seit 1992 abwanderten, Mieter geblieben sind. Und es sind nicht die Reichen mit einem besonders hohen Einkommen; dieses liegt kaum über dem Durchschnitt. Im Umland siedeln sich überwiegend Partner-Haushalte an, in denen fast immer beide erwerbstätig sind. So haben sie gemeinsam mehr Geld als der Durchschnitt aller Haushalte.

Viel wichtiger als die Finanzen und ein eigenes Haus sind für eine derartige suburbane Wohnstandortwahl die Lebensphase und die Haushaltsform, d. h. das Alter, der Familienstand, die Haushaltsgröße und die Lebensform. So sind die Umlandabwanderer in der Mehrheit zwischen 30 und 45 Jahre alt und in der Regel verheiratet; im Haushalt leben ein bis zwei Kinder. Das Wohn- und Lebenskonzept, das hierin zum Ausdruck kommt, läßt sich nach der WZB-Studie von Wilhelm Hinrichs als traditionell-familienorientierte Lebensweise bezeichnen. Es sind überdies vor allem höhere und mittlere Angestellte, die meinen, diese Lebensweise nur im Umland verwirklichen zu können.

Die städtischen Innenräume sind überdurchschnittlich von jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, Bildungsmobilen und Zugehörigen alternativer Milieus bewohnt. Durch sie erhalten die Großstädte auch Wanderungsgewinne. Ebenso häufig leben Alleinstehende (junge Singles, Geschiedene, Verwitwete), Alleinerziehende aller Altersgruppen und nichtklassische Haushaltstypen in großen Städten. Auch Ältere und Nichterwerbstätige sind überdurchschnittlich vertreten. Alles in allem läßt sich das Wohn- und Lebenskonzept dieser Gruppen als modern-individualisierte Wohn- und Lebensweise bezeichnen. Bei Menschen in einem Alter ab 60 Jahren kann jedoch oft nicht von einer gewünschten, d. h. frei gewählten Wohn- und Lebensweise gesprochen werden.

Seit der Vereinigung haben auch in Berlin die Fortzüge aus der Stadt in den "Speckgürtel" drastisch zugenommen. Seit Oktober 1990 bis heute bezogen rd. 200.000 Berliner eine Wohnung im Umland, was per Saldo einen Verlust von ca. 120.000 Personen für Berlin bedeutet. Damit sind die euphorischen Vereinigungsprognosen, die ein immenses Bevölkerungswachstum der Hauptstadt vorhersagten, nicht eingetroffen.

Diese Entwicklung ist für Berlin und seine Bevölkerung mit handfesten finanziellen Nachteilen verbunden. Die zahlreichen Fortzüge führen zu erheblichen Steuerausfällen für die Stadt. Im Rahmen des Länder-Finanzausgleichs erhält Berlin außerdem als Nehmerland weniger Mittel. Teure Infrastruktureinrichtungen innerhalb der Stadt (etwa Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen) lassen sich immer weniger effektiv nutzen.

Von noch größerer Tragweite sind die langfristigen Wirkungen auf die Sozialstruktur. Die Anzahl der Haushalte mit traditionell-familienorientierten Lebensvorstellungen, mit dem Wunsch nach sozialer Einbindung und festen Beziehungen nimmt ständig ab. Das sensible soziale Gleichgewicht wird da-durch beeinträchtigt und soziale Integration erschwert.

Diese Entwicklungen sind auch für das Umland - neben Vorteilen - mit vielen ökologischen und sozialen Nachteilen verbunden. Zerstörung von Landschaftsgebieten, Versiegelung von Bodenflächen und hohe Verkehrsbelastung sind nur einige Beispiele dafür. Infrastruktureinrichtungen im Umland sind - im Gegensatz zu vielen Berliner Bezirken - überfordert. Die lebhafte Wohnsuburbanisierung wird so zu einer Bewährungsprobe für die Toleranz zwischen den "alten" und "neuen" Einwohnern in den Umlandgemeinden.

Mit dem Umzug des Parlaments, der Regierung und vieler Institutionen verbinden sich für die Entwicklung Berlins große Hoffnungen auf allen Gebieten. Der Zuzug von zehn-, zwanzig- oder dreißigtausend Bonner "Stadtbürgern" bleibt aber angesichts von 3.426.000 Einwohnern Berlins auf die Bevölkerungsentwicklung oder die Sozialstruktur in der Region ohne spürbaren Einfluß. Zudem werden viele Bonner vorerst nur werktags den Bezirk Mitte bevölkern. Die Entschlosseneren wählen die Bezirke Zehlendorf, Steglitz, Wilmersdorf oder vielleicht Köpenick als Wohnstandort. Dies sind jedoch Bezirke, in denen es am wenigsten individualistisch, expressiv und bunt zugeht und in denen die traditionell-familienorientierte Wohn- und Lebensweise ohnehin häufiger anzutreffen ist. Ein anderer Teil der Bonner Neubürger wird - wie jährlich rd. 30.000 Berliner auch - seinen Wohnstandort wiederum im Umland nehmen.


Weitere Informationen: Wilhelm Hinrichs (WZB), Telefon: 030-25 49 13 78

"Umzüge ins Berliner Umland", in: WZB-Mitteilungen, Heft 84, Juni 1999, S. 33-36

Wilhelm Hinrichs, Wohnsuburbanisierung am Beispiel Berlin - Ein Erklärungsrahmen, 40 S.
(WZB-Bestellnummer FS III 99-401)
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