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Emeritiert: Prof. Eduard Wirsing

14.07.1999 - (idw) Universität Ulm

Originalität und Breite
Emeritiert: Prof. Eduard Wirsing

Prof. Dr. Eduard Wirsing, langjähriger Leiter der Abteilung Mathematik II der Universität Ulm, ist zum Ende des Sommersemesters 1999 emeritiert worden. Als Ulmer Hochschullehrer, maßgeblicher Organisator der international renommierten Tagungen zur analytischen Zahlentheorie in Oberwolfach, Vertrauensdozent der Studienstiftung des Deutschen Volkes, seit 1976 Leiter des Mathematischen Kolloquiums in Ulm, Mitglied des Promotionsausschusses der Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften (und zuvor der gemeinsamen Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik), Leiter der Kommission für die Anfangsförderung von Forschungsvorhaben, Altblockflötist, respektierter Go- und Schachspieler, leidenschaftlicher Bastler elektronischer Geräte vom Metronom bis zur ferngesteuerten Uhr und vor allem Verfasser wichtiger mathematischer Sätze ist er seiner näheren und weiteren Umgebung bekannt.

Sein Ansehen drückte sich auch in der international besetzten Emeritierungsfeier am 13. Juli aus. In den Kolloquiumsbeiträgen wurde der vielfältige Einfluß deutlich, den Wirsing auf die mathematische Wissenschaft genommen hat - und auch künftig noch zu nehmen gedenkt, denn der Emeritus bleibt fachlich aktiv. Sein wissenschaftliches Werk gehört in erster Linie der Zahlentheorie. Doch auch mit Geometrie und Numerik, speziellen Funktionen und der Funktionentheorie hat er sich erfolgreich auseinandergesetzt. Weltweit schätzen die Fachkollegen den außerordentlichen Wert und Einfallsreichtum, die Originalität und Breite seiner Arbeiten, von denen, wie Prof. Dr. Peter Elliott aus Boulder, Colorado, hevorhob, eine ganze Reihe als epochemachend zu gelten hat.

Geboren am 28. Juni 1931 in Berlin, tat er sich schon während seiner Studienzeit in Berlin und Göttingen als Autor mathematischer Arbeiten hervor und formulierte wichtige Überlegungen zur multiplikativen Darstellbarkeit von natürlichen Zahlen durch Teilmengen der Primzahlen. Das Wirsingsche wissenschaftliche Arbeitsprinzip folgt einem charakteristischen Muster: ein möglichst schwieriges grundlegendes Problem, zu dem bislang möglichst wenig Literatur vorliegt, wird von allen Seiten gründlich betrachtet und schließlich, möglichst mit elementar-mathematischen Methoden, kreativ einer Lösung nähergebracht oder endgültig gelöst. Dann verliert Wirsing die Lust daran, wechselt das Thema, sucht sich ein neues möglichst schwieriges Problem usw.

Das hört sich einfacher an, als es ist. Ein mathematischer Satz wird ja nicht einfach behauptet und bewiesen. Viele Anläufe können nötig sein, bis der erste theoretische Lösungssatz eines Problems in allen Einzelschritten abgeleitet, mit vertretbarem Aufwand rechnerisch handhabbar gemacht und auf seine Tauglichkeit hin überprüft worden ist. Wirsing versteht sich besonders gut darauf, den Schlußstrich unter mathematische Beweisführungen anderer oder der eigenen Ansätze zu ziehen, mit seinem Konzept die gestellte Aufgabe optimal zu lösen oder lediglich einen Rest zurückzulassen, der nicht mehr lösbar ist. So schwierig es demnach sein mag, ein von ihm behandeltes Problem nochmals aufzugreifen, so wertvoll war es für zahllose Mathematiker, Wirsing ihre Probleme aufgreifen zu lassen.

Seit seinem Amtsantritt als ordentlicher Professor in Marburg 1969, dem eine zweijährige Professur an der Cornell University in Ithaca, New York, vorausgegangen war, ist er hierzulande als anspruchsvoller Wissenschaftler und Lehrer bekannt und geschätzt. Abgesehen von seiner Begabung, schnell und zielsicher die Hauptschwierigkeiten eines Problems zu erkennen, trägt auch sein trockener Humor nicht unerheblich zur Stimulation mathematischer Kreativität von Studenten und Kollegen bei. Unter eine Ausarbeitung von eher zweifelhafter Qualität soll er die Bemerkung gesetzt haben: "Alles Kohl. Wirsing".

1974 folgte Eduard Wirsing dem Ruf als Ordinarius an die Universität Ulm, wo nicht zuletzt dank seiner wissenschaftlichen Arbeit ein führendes Zentrum der elementaren und analytischen Zahlentheorie entstanden ist. Unbeschadet aller Begeisterung für die Forschung hat er sich aber nicht weniger in der Lehre und in den akademischen Selbstverwaltungsgremien engagiert. Sowohl Rektor Prof. Dr. Hans Wolff als auch Dekan Prof. Dr. Frank Stehling hoben in ihren Ansprachen zum Festkolloquium ausdrücklich diesen Sektor seines Wirkens hervor und dankten dem Emeritus für den uneigennützigen, erfolgreichen und unverzichtbaren Einsatz für die Ulmer Mathematik.

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