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Die Wiedervereinigung muß in den Köpfen stattfinden

20.07.1999 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Die Wiedervereinigung muß in den Köpfen stattfinden
Diskussion: Wie sehen ältere Menschen das Zusammenwachsen von Ost und West?

Von einer pessimistische Stimmung zum Ost-West-Verhältnis konnte bei einem Treffen von 42 Senioren aus Chemnitz und Frankfurt in der Main-Metropole wahrlich keine Rede sein. Die Teilnehmer des Seniorenkollegs der Technischen Universität Chemnitz und der Universität des 3. Lebensalters an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main diskutierten Ende Juni drei Tage über das Thema "Das Zusammenwachsen zwischen Ost- und Westdeutschen aus der Perspektive der älteren Menschen". "Auch wenn unterschiedliche Lebensläufe viel Trennendes hervorbrachten, dominierte während unseres überraschend tiefgründigen Gedankenaustausches der Wunsch nach Übereinstimmung" , faßt Dr. Edith Berane die Meinung der Teilnehmer des Chemnitzer Seniorenkollegs zusammen.

Die noch immer nicht abgeschlossene Wiedervereinigung darf nicht den Zufällen der Geschichte überlassen werden, forderten die Senioren einhellig. Alle Mitglieder der Gesellschaft sollten sich deshalb auch abseits der politischen Ebene, nämlich in ihrem unmittelbaren Lebens- und Wirkungskreis, um eine größere Annäherung bemühen. "Die Gespräche zwischen den Senioren aus Chemnitz und Frankfurt/Main zeigten jedoch auch, daß zehn Jahre nach der politischen Wiedervereinigung noch immer nicht alle Verletzungen, welche die negativen Folgeerscheinungen der Einheit dem Selbstbewußtsein der Betroffenen zugefügt haben, überwunden sind", schätzt Prof. Dr. Günther Böhme, Vorsitzender der Universität des 3. Lebensalters an der Frankfurter Uni ein. So fiel es einigen Chemnitzer Gästen schwer den Frankfurtern abzunehmen, daß sie Verständnis haben für die Enttäuschung und teilweise Verärgerung vieler Menschen in den neuen Bundesländern. Sei es wegen überhöhter Erwartungen, nicht eingehaltener politischer Versprechungen, des bedauerlichen Fehlverhaltens mancher westdeutscher Geschäftemacher oder der zögernden Angleichung der Lebensbedingungen. Die Frankfurter Gesprächsteilnehmer waren bemüht, ihren Chemnitzer Gästen Respekt vor ihrer Lebensleistung zu zollen. Nach teilweise heftigen Diskussionen zeigten sie auch Verständnis für die Schwierigkeiten, sich quasi im "Zeitraffer-Tempo" mit Demokratie und Marktwirtschaft auseinanderzusetzen.

In die Diskussion wurden die einem Zeitungsbericht entnommenen Resultate eines Forschungsvorhabens eingebracht, wonach die Annäherung von Ost und West und die damit erwünschte Wiedervereinigung in den Köpfen noch sehr fern liegt. Viele Teilnehmer aus Chemnitz folgten nicht dieser Feststellung. Insbesondere sprach man sich gegen die These aus, daß noch immer ein beachtlicher Teil der Bevölkerung den alten sozialistischen Staat zurückwünsche. "Diesen Wunsch hat nur eine verschwindende Minderheit", so die Meinung der Chemnitzer Senioren. Nicht wenige Ostdeutsche sehnen sich jedoch nach einer Veränderung der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Am Ende des Seminars wurden verschiedene Vorschläge gemacht, um die "Wiedervereinigung in den Köpfen" voranzubringen. Ein Beispiel ist die gemeinsame Auseinandersetzung der Senioren mit übergreifenden Problemen, wie dem der Ethik und des Wertewandels. Zu diesem Thema wollen sich die Seminarteilnehmer im Juni nächsten Jahres in Chemnitz verständigen. Bis dahin wird der Kontakt sicher nicht abreißen. Per Post, Telefon und Internet wollen die Frankfurter und Chemnitzer Senioren weiter im Gespräch bleiben.
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