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Kranksein ist öffentlich

21.07.1999 - (idw) Universität zu Köln

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Erkrankungen werden von den Bewohnern der Anden als ein Problem der Gemeinschaft angesehen

In öffentlich abgehaltenen Heilzeremonien werden besonders die Selbstheilungskräfte des Erkrankten und seine Eingliederung in die Gemeinschaft erfolgreich angesprochen. Die moderne Medizin steht dabei gleichberechtigt neben der traditionellen Naturmedizin der Andenbewohner Nordargentiniens. Der Heiler spielt als Integrationsfigur für seelsorgerische, psychotherapeutische und naturmedizinische Behandlungsmaßnahmen eine besondere Rolle. Das belegt eine von Dr. Susanne Klammer angefertigte Studie der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln.

Im Gegensatz zur westlich orientierten Gesellschaft, in der Krankheit als etwas intimes betrachtet wird, sehen die Bewohner der nordargentinischen Anden Erkrankungen als ein Problem der ganzen Gemeinschaft an. Nur der gesunde Dorfbewohner ist in der Lage für sich, seine Familie und die Gemeinschaft zu arbeiten. In den kargen Hochebenen der Anden trägt er damit zum Wohlergehen und Wachstum der ganzen Dorfgemeinschaft bei. Die erfolgreiche Heilung des Erkrankten liegt im Interesse der Allgemeinheit.

Neben organischen Erkrankungen führen sehr oft psychisch-soziale Spannungen zu starken Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Die aus der Unauflösbarkeit eines seelischen Konflikts resultierenden Beschwerden werden bei den nordargentinischen Andenbewohnern laut Dr. Klammer, als ein Schreckerlebnis umschriebenes Krankheitsbild interpretiert. Somit erhält der Betroffene mit seinen Beschwerden Anerkennung durch die Gesellschaft und erleidet keinen Ansehensverlust durch sein Fehlverhalten innerhalb der Gruppe.

Oft zollen die Heilungszeremonien diesen Voraussetzungen Tribut, indem sie im großen Kreis mit Verwandten, Freunden und Mitbewohnern stattfinden. Die bildhafte Aufführung der Heilung des Patienten ermöglicht eine allgemeine Nachvollziehbarkeit der Vorgänge. So wird - laut Dr. Klammer - beim Schreckerlebnis, was mit einem Seelenverlust einhergeht, die Seele z.B. gerufen, eingefangen und zum Besitzer zurückgebracht. Das Zurückbringen der Seele soll außerdem dem Patienten ein Verschwinden der Beschwerden suggerieren.

Eine besondere Rolle spielt dabei der zuständige Heiler der Gemeinschaft. Er dient als Autoritätsperson, die mit den Ritualen eine Art Rollenspiel inszeniert und geschickt den Erkrankten in sein soziales Umfeld wieder eingliedert. Auch der gezielte Einsatz von Heilpflanzen, Mineralien und Tierprodukten und das Ansprechen der Sinne leisten Beiträge zum Heilungsvorgang. Der Heiler ist eine soziale Schlüsselfigur für die Erhaltung einer intakten Dorfgemeinschaft.

Traditionelle Naturmedizin und moderne westliche Medizin stehen dabei ebenbürtig nebeneinander. Entsprechend ihrer Wirksamkeit in medizinischen Teilgebieten erfahren beide medizinischen Richtungen durch die Bevölkerung der nordargentinischen Hochebenen - so Dr. Klammer - gleichermaßen Zuspruch.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Susanne Klammer unter der Telefonnummer 0231/1300539 zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im Word Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html.

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