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Dortmunder Nietzsche-Kolloquium: Ein Philosoph erfindet sich selbst

25.07.1999 - (idw) Universität Dortmund

Eine "Revision des Nietzsche-Bildes", vor allem der frühen Jahre des Philosophen, versprach sich Prof. Dr. Hermann Josef Schmidt vom VI. Internationalen Dortmunder Nietzsche-Kolloquium an der Universität Dortmund. Vom 7. bis zum 9. Juli referierten und diskutierten unter seiner Leitung und der von Prof. Joergen Kjaer (Aarhus, Dänemark) Philosophinnen und Philosophen über die Ursprünge von Nietzsches Denken "in seinem Verhältnis zu Antike und Christentum".

Eine solche Revision, zumindest aber eine Erweiterung ihres Nietzsche-Bildes war für viele der zahlreichen Zuhörer das Erlebnis des Philosophen Nietzsche als Komponist. Die Dortmunder Studenten Holger Kuhmann (Klavier) und Tjark Baumann (Gesang) trugen Klavierstücke und Lieder des jungen Nietzsche vor, die in keinem Konzertsaal zu hören sind und deshalb auch den Wissenschaftlern im allgemeinen nur aus der Literatur bekannt sind.

Nach der Begrüßung durch Repräsentanten der Uni Dortmund, der Nietzsche Gesellschaft und des Nietzsche-Netzwerks der Universität Aarhus als Mitveranstalter umriß Hermann Josef Schmidt in "zehn Problem-Tableaux" den Rahmen des Kolloquiums: die "Selbsterfindung" des künftigen Philosophen, der nach einer Bemerkung des 32jährigen "als Kind Gott im Glanze gesehen" hatte, und der sich unter dem Einfluß der griechischen Antike als Oberprimaner in Pforta zum Atheisten gewandelt hatte.

Demgegenüber diagnostizierte Joergen Kjaer dem jungen Nietzsche ein synkretistisches Weltbild, in dem sich das Christentum als mythischer Horizont mit Elementen der griechischen Welt vermischt habe: der lebenslange Hang zur Selbstschöpfung und Selbstrechtfertigung aus dem Urtrauma einer narzistischen Kränkung. Ausschlaggebend sei dabei neben dem Verlust der Vater-Autorität vor allem das nie befriedigte Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung durch die Mutter.

Kurt Jauslin (Dortmund) fand andererseits im sogenannten "Festungsbuch", in dem der Neunjährige den Krimkrieg rekonstruierte, das vorurteilsfreie Kind, das noch jenseits von Christen- und Griechentum zu einer ästhetischen Betrachtungsweise greift, die sich später in dem von Schiller beeinflußten Geschichtsbild des Philosophen und seiner Epistemologie niederschlägt.

In dem damit umrissenen Spannungsfeld setzten die Referenten des DNK unterschiedliche Schwerpunkte. Eva Marsal (Karlsruhe) wies in der theologischen Familiengeschichte Nietzsches konkurrierende Modelle eines rationalistischen und eines pietistischen Christentums nach, die noch in den frühen Gedichten ihren Niederschlag finden und sich schließlich in der Abhebung des Dyonisischen gegen das Apollinische des rationalen Christentums spiegeln.

Rüdiger Ziemann (Halle) fand einen Wendepunkt in der Entwicklung des frühen Nietzsche im Prometheus-Fragment von 1859. Zwar sei Nietzsches Prometheus ein "Frevler", zugleich aber werde in der Ablösung des Christengottes durch den Begriff der "Gottheit" ein pantheistischer Hintergrund entworfen, der auf Schillers und Hölderlins Einfluß verweist.

Hans Gerald Hödl (Wien) setzte einen anderen Schwerpunkt bei den Aufzeichnungen Nietzsches aus den späten Pfortaer Jahren1962/63, in denen ein Perspektivenwechsel zu einer ästhetischen Betrachtungsweise von "Landschaft, Charakter und Mythos" erkennbar wird.

Grundsätzlich mit den vorchristlichen und griechischen Fundamenten von Nietzsches Kritik am Christentum befaßten sich Renate G. Müller (Dortmund) und Volker Ebersbach (Holzhausen).
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