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Die "Wiedergeburten" der DDR

17.08.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Zur Jubelgeschichte der runden Staatsgeburtstage

Jena/Leipzig/Berlin. (17.08.99) "Gelernte DDR-Bürger" werden sich noch erinnern an die Jahrestage der Republik, an Aufmärsche und Umzüge, Sport- und Bratwurstfeste, Kulturveranstaltungen und Kundgebungen, jeweils zum 7. Oktober. Besonders aufwendige, geradezu inszenierte Jubelfeiern verordneten die Staats- und Parteilenker ihren Bürgern zu runden DDR-Geburtstagen, um ihnen Frohmut und Engagement im Wettbewerb gegen das kapitalistische Ausland einzuimpfen. Erreichtes ließ man in rosaroten Rückblicken Revue passieren und malte die Zukunftsperspektiven in glänzenden Farben aus. "Laßt den RIAS blöde leiern, wir lieben die Republik und feiern", hieß eine Losung zum 10. Staatsjubiläum 1959. Nun gehört der "Rundfunk im Amerikanischen Sektor" bereits der Vergangenheit an, und ebenso scheint die DDR mit den spezifischen Inszenierungen ihres Gründungsmythos' in Vergessenheit zu geraten.

Aber nur beinahe. Denn im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts "Propagandageschichte" befassen sich Historiker in Freiburg und Leipzig mit der Staats-PR des "ersten Sozialismusversuchs auf deutschem Boden". Pünktlich zum 7. Oktober 1999, dem nun nicht mehr offiziell begangenen 50. Republikjubiläum, legen Monika Gibas, Rainer Gries, Barbara Jakoby und Doris Müller unter dem Titel "Wiedergeburten" eine Geschichte der runden Jahrestage der DDR vor. Eine satirische Buchpräsentation mit dem früheren "Eulenspiegel"-Redakteur Ernst Röhl findet am Donnerstag, dem 26. August, um 18.00 Uhr im Berliner Martin-Gropius-Bau statt; "Vorwärz zum IXTEN Jahrestag!" heißt nun das Motto.

Die Autoren der "Wiedergeburten" zeigen dezidiert, wie die öffentlichen und offiziellen Jubelfeiern gerade 1959, 1969 und 1979 nach dramaturgischen Konzepten arrangiert wurden, um Selbstbewusstsein und Stolz auf die DDR zu stärken und die Identifikation mit dem sozialistischen Staatssystem zu stimulieren. So präsentierte man 1959, als Kalter Krieg und westdeutsches Wirtschaftswunder einen Höhepunkt erreichten, in einer zentralen Ausstellung im Zeughaus prall gefüllte Schaufenster einer aufregenden und für jedermann erschwinglichen Konsumwelt. Im Ausstellungsrestaurant "Zur Mondrakete" kostete ein Cocktail "Aufbau" nur 1,50 Mark, den "Perspektive"-Mix gab es schon für 90 Pfennige.

Jugendlichkeit und Weltoffenheit demonstrierte die DDR zehn Jahre später 1969. Die Konsumwelt verlegte sich auf Qualitätsbewusstsein, der Farbfernseher "RFT Color 20" symbolisierte den wissenschaftlich-technischen Anschluss ans Weltniveau ebenso wie die Synthetik-Textilie "Präsent 20" oder die neue Weltzeituhr auf dem "Alex". Den Tempo-Rausch des Ulbricht'schen Staatsaufbaus bremste allerdings Erich Honecker 1979 unter dem Motto "Baumeister des Morgen" etwas ab. Von einem "allmählichen Übergang zum Kommunismus" war nun die Rede; man hatte sich mit den Gegebenheiten arrangiert.

Besonders denkwürdig aber war der letzte runde, der 40. Jahrestag am 7. Oktober 1989. Erstmals vermochte der Staatsratsvorsitzende keine programmatischen Zukunftsperspektiven für den Arbeiter- und Bauernstaat mehr anzubieten, sondern vertröstete auf den XII. SED-Parteitag 1990. Neben den offiziellen Kundgebungen gab es erstmals auch unplanmäßige Demonstrationen, bei denen schon die Losung "Wir bleiben hier" skandiert wurde. Dabei stand die Volkspolizei allerdings nicht Ehrenspalier, sondern versuchte, die aufgebrachten Menschen in Berlin, Leipzig und anderen Städten der DDR mit Knüppeln und Verhaftungen in Schach zu halten. Dennoch machte sich eine ganz unvermutete Aufbruchstimmung breit...

"Wir lernen aus diesen zeithistorischen Forschungen selbstverständlich für das Jetzt und Heute", betont Mitherausgeber und Autor Dr. Rainer Gries von der Uni Jena, "die DDR ist integraler Bestandteil der gesamtdeutschen Geschichte und hat die Sozialisation von rund 15 Millionen Deutschen geprägt." Ohne eine gleichberechtigte Geschichtsaufarbeitung sei ein mentalen "Miteinander" der Ost- und West-Gesellschaft kaum vorstellbar, meint Gries, au-ßerdem sei es spannend, historische Vergleiche in der Propagandageschichte zu ziehen und Entwicklungslinien nachzuspüren. Die "Wiedergeburten" sind im Spektrum dieser Aufgabe mehr als nur ein bunter, unübersehbarer Farbtupfer.

Monika Gibas, Rainer Gries, Barbara Jakoby, Doris Müller (Hgg.): Wieder-geburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR. 300 S., zahlr., tw. farb. Abb.; Leipziger Universitätsverlag. DM 54,-


Rezensionsexemplare beim Leipziger Universitätsverlag, Oststr. 41, 04317 Leipzig, Tel./Fax: 0341/9900440.

Ansprechpartner:
Dr. Rainer Gries
Historisches Institut der Friedrich-Schiller-Universität
Tel. 0341/9015230 o. 03641/944455
Fax 0341/9015231 o. 03641/944452
e-mail: Rainer.Gries@t-online.de

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de
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