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"Erfahrung als Kategorie der Frühneuzeitforschung" - 300 Historiker tagen an der Universität Essen

07.09.1999 - (idw) Universität Essen (bis 31.12.2002)

Auf eine "Geschichte von innen", die - über den individuellen Bereich hinaus - auch die Möglichkeit "kollektiver Erfahrung" mitbedenken will, werden rund 300 Historiker aus verschiedenen vorwiegend europäischen Ländern während einer dreitägigen Tagung an der Universität Essen ihren Blick richten: Am Donnerstag, 16. September, 13 Uhr, wird im Hörsaalzentrum der Universität unter dem Titel "Erfahrung" die 3. Konferenz der Arbeitsgemeinschaft "Frühe Neuzeit" innerhalb des deutschen Historiker-Verbandes eröffnet. Erstmalig findet sie in Essen statt; Organisator ist Professor Dr. Paul Münch, der an der Uni Essen das Fach Neuere Geschichte vertritt.

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7. September 1999

Die Tagung soll, erklärt Münch, den Versuch machen, wichtige Spezialdisziplinen der Frühneuzeitforschung unter einer aktuellen Fragestellung zusammenzuführen und neue Erkenntnisinteressen und Tendenzen aufzugreifen, die in der Historischen Anthropologie seit längerem diskutiert, in Deutschland bislang aber eher vernachlässigt werden. Es gehe darum, die beim "Objektivierungsgeschäft" der Historiker häufig verloren gehende subjektive Seite der Geschichte sichtbar zu machen. "Philosophen", sagt Münch, "verweisen darauf, dass die Objektivität der Wissenschaftler letztlich eine Objektivierung und damit eine Vernichtung des Subjekts bedeutet". Es gelte, die Subjektivität wieder zu entdecken und den Blick auf die Innenwelt der historischen Subjekte zu lenken, auf jene Erfahrungsbereiche also, mit denen die Menschen der Frühen Neuzeit während ihres Lebens in Berührung kamen: Arbeit, Religion, Recht und Staat, Krieg und Katastrophen. Um der Interdisziplinarität des Themas gerecht zu werden, nehmen an der Tagung auch Medizin-, Kirchen-, Literatur- und Rechtshistoriker teil.

Verschiedene Sektionen sollen die frühneuzeitlichen Erfahrungsebenen entsprechend der Bedeutung abbilden, die sie für Menschen während der Vormoderne vermutlich gehabt haben. Am Anfang stehen die unterschiedlichen Körpererfahrungen, denen jedes Individuum während seines Lebens in vielfältigen Konstellationen ausgesetzt war, gefolgt von den Bereichen Arbeit, Krieg und Katastrophen, Religion, Recht und Staat. Die Abfolge der Themen spiegelt die wachsende Bedeutung institutioneller Erfahrung für die Menschen der Frühmoderne. Die intendierte "Geschichte von ihnen" zielt zunächst auf den individuellen Bereich, doch wird versucht, Bedeutung und Wirkmächtigkeit kollektiver Erfahrungen, etwa schichten- oder geschlechtsspezifischer bzw. institutioneller Art, mitzubedenken, um der historischen Engführung auf das Individuum zu entgehen.

Erfahrungen bedürfen, wenn sie nicht verloren gehen sollen, des Gedächtnisses und der Vermittlung. Deshalb gehören auch die sich wandelnden Quellencorpora und Medien, die Erfahrungen transportieren, zu den Diskussionsthemen: Der Weg der Erfahrungsspeicherung und -vermittlung soll jeweils mitreflektiert werden. Der Wandel, der sich hierbei beobachten lässt - von der Erfahrungsaneignung durch Mittun über unterschiedliche Formen mündlicher Belehrung bis hin zur Ausbildung eines hoch differenzierten Kanons von Sach-, Schrift- und Bildmedien - soll die Konturen eines breiten Panoramas der frühneuzeitlichen Medienrevolution einschließlich der sie tragenden Institutionen sichtbar machen.

Am Abend des zweiten Konferenztages, am Freitag, 17. September, 20 Uhr, wird Günter Grass im Großen Hörsaal (B08) der Universität aus seinem Buch "Mein Jahrhundert" lesen und sich dem Gespräch mit den Historikern stellen. Dabei wird es um den Zusammenhang zwischen "Geschichte" und "Geschichten" gehen. Die - eintrittsfreie - Lesung und der sich anschließende Gedankenaustausch sind öffentlich. Allerdings bietet der Große Hörsaal der Universität nur gut 300 Plätze. Deshalb wird die Veranstaltung auf eine Videoleinwand auch in den Nachbarhörsaal B32 übertragen.


Hinweis für die Redaktionen: Vor der Eröffnung der Historikertagung findet am Mittwoch, 15. September, 11 Uhr, in der Universität Essen, Universitätsstraße 2, Gebäude 1, 6. Etage, Raum B49 (T01 S06 B49) eine Pressekonferenz statt, zu der Vertreter Ihrer Redaktion herzlich eingeladen sind. Während der Tagung, die bis Samstag, 18. September, 13.30 Uhr, dauern soll, haben Sie Gelegenheit, sich im Tagungsbüro im Foyer des Hörsaalzentrums über Sie besonders interessierende Aspekte der Veranstaltung zu informieren. Dort wird man Ihnen auch gern bei der Vermittlung von Interviewpartnern behilflich sein und die umfangreichen Tagungsunterlagen für Sie bereit halten. Diese schicken wir aber auch zu. Bitte wenden Sie sich mit einem entsprechenden Wunsch an die Pressestelle der Universität Essen, 47117 Essen, Telefon (02 01) 1 83-20 87,

Telefax (02 01) 1 83-30 08,
e-mail pressestelle@uni-essen.de.

Das Tagungsbüro ist ab Donnerstag, 16. September, 11 Uhr, eingerichtet und telefonisch unter der Rufnummer (02 01) 1 83-44 44 bzw. per Telefax unter (02 01) 1 83-44 45 zu erreichen.

Mit freundlichen Grüßen
Monika Rögge


Redaktion: Monika Rögge, Telefon (02 01) 1 83-20 85
Weitere Informationen: Dr. Jutta Nowosadtko,
Telefon (02 01) 1 83-35 50
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