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Krankanzel oder Krankenhaus? - Was die Berufswünsche Jugendlicher in Ost und West prägt

27.09.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena. Jungs spielen mit Traktoren, Mädchen mit Puppen. Jungen werden Autoschlosser oder Astrophysiker, Mädchen Sekretärinnen oder Kinderärztinnen. Soweit das Vorurteil, das in vielen Fällen auch zutrifft. Jedoch gibt es Ausnahmen: etwa die Bauingenieurin oder den Sozialarbeiter. Was wollten Jungen und Mädchen in Ost und West werden, und wie spiegelt sich ihre unterschiedliche Sozialisation in ihren Berufswünschen wider? Dem sind Dr. Eva Schmitt-Rodermund und Verona Christmas-Best, beide wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Psychologie der Universität Jena, nachgegangen.

Neben der - mehr oder weniger - geschlechtstypischen Erziehung erwarteten die Entwicklungspsychologinnen, dürfte auch das Vorbild der Eltern sowie die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt für die Berufswahl von Bedeutung sein.

Ideales Datenmaterial für ihre Untersuchung bescherte den Forschern die deutsche Wiedervereinigung. "Betreut von berufstätigen Eltern und staatlichen Institutionen, sind Jugendliche in der DDR in einem anderen Kontext aufgewachsen als gleichaltrige Jungen und Mädchen aus Westdeutschland", begründet Dr. Schmitt-Rodermund. "Während erstere ihre Mütter als immer berufstätig kannten und den Tag zu einem gro-ßen Teil in Fremdbetreuung verbrachten, lebten die anderen unter Betreuung einer Nur-Hausfrau oder einer teilzeitbeschäftigten Mutter, die am Nachmittag zu Hause zur Verfügung stand."

In der DDR erfolgte die Vergabe von Aus-bildungsplätzen staatlich gelenkt, und weniger nach den individuellen Vorlieben als nach dem jeweiligen Bedarf ausgerichtet. "So kam es dazu, dass ein großer Anteil von Frauen technische Berufe innehatte", erläutert die Psychologin, "oftmals nicht zu ihrem eigenen Vergnügen, und dass - des gesellschaftlichen Systems wegen - bestimmte Berufe ,Traumberufe' waren, für die es keine oder nur wenige Ausbildungsplätze gab." Es verblüfft daher nicht, dass fast ein Drittel der DDR-Frauen in der Produktion tätig war. In diesen - aus westdeutscher Sicht - ,männertypischen' Bereichen nämlich bestand in der DDR der höchste Arbeitskräftebedarf.

Trotzdem bleibt der Wunsch Ingenieurin oder Naturwissenschaftlerin zu werden, bei Mädchen die Ausnahme. Unmittelbar nach der Wende wollten Mädchen aus den neuen Ländern "Kosmetikerinnen, Stewardessen oder Models werden" - Berufswünsche also, meint Schmitt-Rodermund, die "sich auf Bedürfnisse richten, die zu DDR-Zeiten zu kurz kamen." Woran könnte das liegen? fragten sich die Forscherinnen. Der Erklärungsansatz verblüfft: US-amerikanischen Erkenntnissen zufolge hängt es von der Zufriedenheit der Mutter mit ihrer Rolle im Beruf ab, ob die Tochter in eine ähnliche Richtung gehen wird oder nicht. "Wenn man annimmt, dass viele Frauen zwar in der Industrie tätig waren, aber in ihren Familien ihrer Unzufriedenheit mit Arbeitszeiten und Arbeitsinhalt Luft gemacht haben, dürften die Töchter nach der deutsch-deutschen Vereinigung wohl kaum noch in die Fußstapfen ihrer Mütter treten wollen", vermutet Eva Schmitt-Rodermund.

Durch die gesellschaftlichen Veränderungen fiel es ostdeutschen Eltern nach der Wende 1989 schwer, ihren Kindern als Berater in beruflichen Fragen zur Verfügung zu stehen: "Weil ihre eigenen Ausbildungen nicht mehr den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprachen und insbesondere viele Frauen nicht weiterbeschäftigt wurden, konnten sie ihren Kindern, vor allem den Töchtern, weder raten, sich in den Berufen zu engagieren, die sie selbst gelernt hatten, noch ihnen Fingerzeige geben, welche Berufe für eine gesicherte Zukunft zweckmäßig sind", erläutert die Psychologin.

Dafür, dass die Jugendlichen mittlerweile mit ihrer beruflichen Orientierung nahe bei der Realität des Arbeitsmarkts angelangt sind, spricht der hohe Anteil vor allem von Jungen, die Berufe in den traditionell eher weiblichen Domänen Handel, Banken und Öffentlicher Dienst anstreben. Insgesamt haben sich inzwischen die Berufswünsche ostdeutscher Jugendlicher weitestgehend an die ihrer westdeutschen Altersgenossen angeglichen. Auch in den alten Bundesländern gibt es seit längerem eine deutliche Präferenz für die anscheinend ,sicheren' Schreibtisch-Jobs. Das Kriterium ,Stellensicherheit' eröffnet allerdings neue Probleme: Mädchen in Ost wie in West werden zunehmend in traditionelle Frauenberufe abgedrängt, insbesondere dann, wenn sie schon von klein auf ,mädchenhafter' waren und geringere Bildungserwartungen hegten.

Hier kommen also doch wieder frühe Erfahrungen ins Spiel. Aus Mädchen, die als Kinder auf Bäume kletterten, werden später eher Bauingenieurinnen als aus kleinen Puppenmüttern. Und für Jungen gilt sinngemäß, dass der ,Vater' im kindlichen Vater-Mutter-Kind-Rollenspiel eher Krankenpfleger als Berufsziel angibt als der ,rauhe Cowboy' und ,Matchbox-Auto-Fahrer'.

Ansprechpartnerin:

Dr. Eva Schmitt-Rodermund
Tel.: 03641/945207, Fax: 945202
e-mail: svs@rz.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
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Fürstengraben 1
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