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Die politische Verantwortung des Intellektuellen

07.10.1999 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Tagung des Institut für Romanistik in Pommersfelden

Mit der politischen Verantwortung des Intellektuellen der Gegenwart in Italien und Deutschland beschäftigt sich eine Tagung, die vom 6. bis 10. Oktober 1999 mit Unterstützung der Universität Erlangen-Nürnberg, der Dr. Alfred Vinzl-Stiftung und des Italienischen Kulturinstitutes München im Schloßhotel Pommersfelden stattfindet. Ausgerichtet wird die Tagung vom Institut für Romanistik (Prof. Dr. Titus Heydenreich).

In den knapp drei Jahrzehnten seines Wirkens entwickelte sich der sizilianische Romancier und Essayist Leonardo Sciascia (1921-1989) nicht nur zu einem der bedeutendsten italienischen Schriftsteller seiner Gegenwart, sondern zugleich zu einem der engagiertesten, literarisch wie persönlich glaubwürdigsten Autoritäten seines Landes. Sein Engagement ging so weit, daß er sich auch - wenngleich nur kurz - für politische Ämter und damit verbundene Aufgaben zur Verfügung stellte.

Auch zehn Jahre nach seinem Tod ist Sciascias Ansehen ungebrochen. Sciascia darf somit als Beispiel italienischer und, darüber hinaus, romanische Intellektualität gelten, für die politische Verantwortung bis hin zur Disposition für politische Ämter (Parlamentssitze, Minister- oder Botschaftsposten) geht. Einige von zahlreichen, auch für die Tagung relevanten Beispielen: Claudel und Malraux in Frankreich; Azaña und Ortega y Gasset in Spanien; Neruda, Paz, Fuentes und sehr viele andere in Südamerika; Natalie Ginzburg, Magris, Arlacchi in Italien. Voraussetzung für diese Disposition ist ein in diesen Ländern seit dem 19. Jahrhundert ungebrochenes Vertrauensverhältnis zwischen Kulturträgern (Literaten) und Staat.

In Deutschland liegen die Dinge anders. Gordon A. Craig hat in seiner Monographie "Die Politik der Unpolitischen. Deutsche Schriftsteller und die Macht" (1993) den schon im 19. Jahrhundert vollzogenen, bis heute wirkenden Bruch des Vertrauens- und Achtungsverhältnisses zwischen Kulturträgern und Staat beschrieben. Die Folgen: Verfolgung beziehungsweise Mißachtung von Schriftstellern bis 1945 und danach ("Pinscher"), kaum Literaten in politischen Positionen, Unterschätzung von Kultur als (auch) politisch einsetzbares Phänomen, Kürzungen im Goethe-Institut, allerdings auch Möglichkeiten des Umdenkens seit Schaffung eines Kulturministeriums im Herbst 1998.

Die unterschiedlichen Wertungen des Intellektuellen in Italien bzw. in der Romania und in Deutschland ermutigen zu einem Vergleich, durchzuführen von Wissenschaftlern und von Praktikern der Kulturorganisation und der Kulturvermittlung. Dieser Vergleich ist Ziel der Tagung.

Schon der Titel soll die beiden Schwerpunkte zum Ausdruck bringen, oder auch: der Schritt vom Allgemeineren zum Besonderen. Teil II konzentriert sich im wesentlichen auf den Intellektuellen Leonarde Sciascia sowie auf zwei geistesverwandte Zeitgenossen, Bufalino und Tabucchi. Teil I hingegen versteht sich als breiter Rahmen für die über Sizilien hinausgreifende Dimension und Qualität von Sciascias Engagement. Werden in Teil II auch Vergleiche mit der intellektuellen Unruhe anderer Autoren gezogen (Vittorini, Camus, Böll), so lenken in Teil I etliche Beiträge den Blick auf Formen des Engagements in den Jahren des (Anti-)Faschismus (Alvaro, Cosmo, Venturi, Barral, Brancati) sowie auf das Problem der unzureichenden politischen Präsenz von Kultur in Deutschland (Benda, Ortega y Gasset, Böll; Situationen der Goethe-Institute im Ausland seit ihrer Gründung).

Konzeption und Durchführung der Tagung verstehen sich nicht nur als wissenschaftliches Ereignis, sondern auch als "Kulturpolitikum" in der Region. Es ist gelungen, für die Tagung die wichtigsten Träger und Gestalter der noch von Sciascia initiierten "Fondazione Leonardo Sciascia" zu gewinnen: Aldo Scimé, Natale Tedesco, Antonio Di Grado. Vittorio Sciuti Russi, mehrheitlich Lehrstuhlinhaber in Palermo und Catania, ferner Claude Ambroise (Grenoble), den bedeutendsten Sciascia-Kenner außerhalb Italiens. Neben den Universitäten Palermo und Catania hat sich die Fondazione Leonardo Sciascia innerhalb weniger Jahre zur aktivsten, auch international angesehenen kulturellen Institution Siziliens entwickelt. Gigliola De Donato (Bari), Marco Cerruti (Torino), Franco Mussara (Leuven), Ulrich Schulz-Buschhaus (Klagenfurt) und vor allem Giulio Ferroni (Rom) sind ihrerseits Kenner der italienischen Gegenwartsliteratur von internationalem Rang.


* Kontakt:
Prof. Dr. Titus Heydenreich, Institut für Romanistik
Bismarckstraße 1, 91054 Erlangen
Tel.: 09131/85 -22429, Fax: 09131/85 -26391
E-Mail: eareum@phil.uni-erlangen.de
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