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Jetzt in Israel arbeiten?

21.08.2002 - (idw) Universität Rostock

Bibelwissenschaftler von der Universität Rostock beginnen Ausgrabung zwischen Beerscheva und Gazastreifen

Das Ausgrabungsprojekt liegt weit "vom Schuss", antworteten wir auf manche besorgten Fragen, warum wir jetzt in Israel arbeiten. Die Doppeldeutigkeit der Redensart war uns nicht bewusst, als die kleine Gruppe mit Prof. Hermann Michael Niemann, Assistent Dr. Jobst Bösenecker und den Studenten Gottfried, Frank und Sebastian für einige Wochen nach Südisrael aufbricht: Zielort ist der 12 km vom Gazastreifen entfernte Ruinenhügel Tell el-Far´a Süd. Er liegt in einem antiken Vierländereck, wo sich ägyptische, judäische, philistäische und altarabische Kultureinflüsse treffen. 1928/29 hatte der britische Ausgräber Sir Flinders Petrie bei nur kurzer Grabung reiche Funde gemacht. So nahm der Archäologie-Dozent der Universität Beerscheva, Gunnar Lehmann, die Grabung 1999 wieder auf und lud ab 2002 den Rostocker Theologieprofessor zur Mitarbeit ein.

Ankunft am Projekt-Ort

Der Ruinenhügel stellt mit seiner strategischen und wirtschaftlich-verkehrstechnisch wichtigen Lage ein ökologisch-ökonomisches "Archiv" über ca. 3000 Jahre dar, von der Erstbesiedlung in der Mittelbronzezeit, lange bevor Israel entstand, bis zur römischen Zeit. Wir sehen Schützengräben aus dem 1. Weltkrieg auf dem Stadthügel, als ca. 15000 britische Soldaten türkische Truppen in der Ebe-ne bekämpften. Hier fand die letzte große Kavallerie-Attacke australischer Reitertruppen der Militärgeschichte statt. In einem friedlich wirkenden Kibbuz nahe beim Grabungsort wohnt das Forscherteam. Der Kibbuz, eine genossenschaftliche Landwirtschaftssiedlung, ist streng bewacht. Einige der israelischen Archäologie-Studenten, mit denen wir das Grabungsteam bilden, tragen gewohnheitsgemäß auch hier ihre Pistole bei sich. Sie sind freundlich, unbefangen und neugierig, wer in dieser politischen Lage freiwillig zu ihnen kommt, in sengender Hitze (bis über 40 Grad Celsius) arbeitet und für Reise, Aufenthalt und harte Arbeit nicht wenig bezahlt. Viele andere Ausgrabungen in Israel wurden dagegen seit 2001 abgesagt. Wenn abends bei "Rostocker Exportbier" (!) aus dem Kibbuz-Shop lebhaftes Ge-plauder zwischen Israelis und Deutschen beginnt, wird über studentischen Alltag oder Familiengeschichten erzählt. Seltener sind Gespräche über die bedrückende Lage in Israel und den Palästinensergebieten. Nur wenn wir es ansprechen, zeigt sich Sorge, Deprimiertheit und Ratlosigkeit. Am 21.07. wird ein antisemitischer Übergriff in Rostock in den Nachrichten gemeldet: die Israelis flüstern darüber, verlegen gegenüber den neuen deutschen Freunden. Wenige Tage später ein israe-lischer Raketenangriff auf das nahe Gaza. Ein Führer der für zahlreiche Bomben-anschläge verantwortlichen Organisation Hamas wird mit Frau und neun Kindern getötet. Zwei Tage später der Gegenschlag durch palästinensische Scharfschützen: Ein jüdischer Autofahrer in der Westbank erschossen, bald danach ein Rabbi, der Frau und sieben Kinder hinterlässt: Wo ist der Sinn? Wo soll das hinführen? Eine Serie von gefährlichen Skorpionen, auf die wir bei der Grabungsarbeit unter Stei-nen stoßen, erscheinen im begonnenen konkreten Grabungsalltag wichtiger: Die Israelis entwickeln unbewusst einen Verdrängungsmechanismus, der zum Selbst-schutz notwendig erscheint: "Du kannst nicht ständig an die Gewalt denken." Es muss schwer sein, denken wir "Zugereisten", bei so viel menschlichem Leid auf beiden Seiten "zur Tagesarbeit überzugehen". Aber muss nicht der Alltag weiterge-hen?

Archäologischer Arbeitsalltag

Er beginnt vor Sonnenaufgang. 5.30 Uhr fahren Kleinbusse ab, von 6 bis 12 Uhr dauert die harte und staubige Arbeit. Wir beobachten respektvoll die Arbeitsdiszip-lin der Israelis, mehrheitlich hart und gut arbeitende junge Frauen - kommt das auch durch die Disziplin der Armee, die hier auch alle Frauen durchlaufen? Soziales Verhalten und Lernen wird dort großgeschrieben. Auch wir fassen fest zu. Die
Grabungsleitung mischt aufgrund des schnell gewachsenen guten Verhältnisses zwischen jungen Israelis und Deutschen die Teams für die 5 x 5 Meter großen Grabungsareale. Nach der Mittagspause werden die gefundenen Keramikscherben, wichtigste Datierungshilfen der ausgegrabenen Siedlungsschichten, gewaschen und in Beuteln zum Trocknen aufgehängt. Dann erklärt Dr. Gunnar Lehmann, der ar-chäologische Leiter, die auf Tischen ausgebreiteten Fundscherben des Vortages. Andere Teammitglieder seihen Erdproben durch Netze und fischen feinste Pollen, Getreidekörner usw. heraus. Alles wird in Labors untersucht, um Anbaufrüchte, Ernährungsgewohnheiten usw. der Bewohner beschreiben zu können. Aber der Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Spätnachmittags oder abends hört die Gruppe Fachvorträge von Leitungsteam-Mitgliedern oder eingeladenen Fachleuten. Dozent Dr. Lehmann organisiert den archäologischen Projektteil, Prof. Niemann widmet sich dem historischen Kontext des Grabungsortes und der biblisch-theologischen Verknüpfung. Erholungsurlaub ist dies hier nicht. Irgendwann ist aber auch Feierabend. In der Kneipe des Kibbuz´ finden sich Soldatinnen und Soldaten vom na-hen Armeestandort ein, tanzend und feiernd, ohne die Waffen abzulegen: Wir sind 12 km vom Gazastreifen entfernt! Soweit die Musiklautstärke es zulässt, wird lebhaft diskutiert. Viele Israelis, auch unter den israelischen Archäologie-Studierenden, glauben nicht an Gott. Sie wundern sich über die jungen Deutschen, die das tun, gut in der Bibel Bescheid wissen und auch noch Theologie studieren.

Ergebnisse und Ausblicke

Am Ende der drei Wochen stehen verbesserte Einsichten in die lange und verwickelte Geschichte des Ortes, der Region sowie der Funktion des Ortes: ein Treff-punkt für Ägypter, Judäer, Philister und Hirten des Südens und Ostens mit wech-selndem Besitzer. Fundstücke sind gesammelt, Zeichnungen von Architektur- und Wohnstrukturen angefertigt, alles fotografiert, vor allem ein Stück der Stadtmauer der Eisenzeit (ca. 10. - 8. oder 7. Jh. v. Chr.) ausgegraben. Hinzu kommen mensch-liche Erfahrungen und Bereicherungen aller Teilnehmer, gewachsenes Verständnis für die verwickelte Lage im Land. Aber auch Ratlosigkeit über die irrationale Spirale der Gewalt: Kaum jemand sieht Chancen für baldige durchgreifende Verbesserung. Gegenseitiges Vertrauen fehlt. Am Tag vor der Abreise deprimiert uns ein schwe-res Bombenattentat auf einen Cafeteria-Treffpunkt für ausländische Studenten mit sieben Toten und 80 Verletzten in der Hebräischen Universität in Jerusalem. Die palästinensische Organisation "Hamas", so heißt es, "übernimmt die Verantwor-tung für den Anschlag". Das klingt stolz, als sei es etwas Gutes, für den Tod Unbe-teiligter und Unschuldiger Verantwortung zu übernehmen. Kann unsere Ausgra-bung nächstes Jahr weitergehen?

Gottfried Hägele/Hermann Michael Niemann

Phone ++49-381-498 8410

or ++49-381-498 8400
email: hmn@theologie.uni-rostock.de
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