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Religionsunterricht als "Biotop des Teilens"

16.10.1999 - (idw) Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

"Wie geht es weiter mit Glaube und Religion in einer Welt, die immer mehr zusammenwächst?" Dieser Frage gingen über 400 Religionspädagogen und Theologen beim Internationalen Religionspädagogischen Kongress in Eichstätt vier Tage lang nach. Rund 70 Fachwissenschaftler aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Mittel- und Osteuropa sowie Ozeanien präsentierten in Vorträgen und Workshops ihre Ideen, wie der Religionsunterricht der Zukunft aussehen könnte. In einer globalisierten Welt kommen sich die Menschen unterschiedlicher Kulturen immer näher. Unsere Verantwortung für die Armen und Unterdrückten dieser Welt wird immer wichtiger und muss auch im Religionsunterricht ihren Niederschlag finden.


Die indische Tanzgruppe Kalai Kaviri bei der Schlussveranstaltung des Kongresses. Foto: VKRG
Der Theologe Hans Küng hält die Vereinigung der christlichen Kirchen für eine der wichtigen Aufgaben des 21. Jahrhunderts. Foto: VKRG Für den bekannten Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner ist der Religionsunterricht ein "Biotop der solidarischen Kultur". Dabei hat er ein zentrales Ziel im Auge: Der Zugang zu den immer knapper werdenden Lebenschancen soll für möglichst viele offen bleiben. Dazu müsse unsere Welt gerechter werden. Das Teilen, die Solidarität zwischen Arm und Reich kann nach Professor Zulehner gerade im Religionsunterricht gut eingeübt werden. Seiner Meinung nach führen Ausgrenzungsmaßnahmen, beispielsweise gegenüber Ausländern, auf Dauer nicht weit. Langfristig schaffe nur Gerechtigkeit Frieden und Freiheit. Dazu brauche unsere Gesellschaft Menschen, die solidarisch denken und handeln. Allerdings behindere die weit verbreitete Angst, im Leben zu kurz zu kommen, das Bewusstsein, mit anderen zu teilen, sagte Zulehner.
Paulo Suess beschrieb in seinem Vortrag bei der Kongresseröffnung die Situation vieler armer und unterdrückter Menschen in Brasilien, wo er seit über 30 Jahren als Priester lebt. Durch die zunehmende Globalisierung sieht Suess die Schere zwischen Arm und Reich weiter wachsen. "Wenn es so weiter geht, werden in Zukunft auch viele Menschen in Europa zu den Armen gehören", warnte der Theologe. Weltweite Solidarität mit den Armen sei dringend geboten.
Wie ein roter Faden zog sich diese Forderung nach Solidarität durch den gesamten Kongress. Wolfgang Langer, Professor für Religionspädagogik in Wien und Kongressbeobachter, betonte, dass hierbei der Kongress keine abstrakte "Analyse zwischen Buchdeckeln" gewesen sei: "Wir sind der Weltkirche durch viele Menschen begegnet." Durch die bewusst gewordene Wandlungsfähigkeit des Christentums seien besonders die deutschen Christen herausgefordert worden. Auf dem Kongress wurde deshalb gezeigt, wie religiöses Lernen in den einzelnen Kontinenten funktioniert, erläuterte Veranstalter Prof. Engelbert Groß, Professor für Religionspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt. Nach Langers Eindruck habe die Religionspädagogik jedoch noch nicht wahrgenommen, dass es ihre Aufgabe sei, das typisch Europäische am Christentum in andere Kulturen zu übertragen anstatt das Christentum einfach zu exportieren. "Die Menschen sollen Religion in ihrer Kultur erleben können", forderte Langer. Um diesem Ziel näher zu kommen schuf der Kongress schuf das Schlagwort der "Eine Welt-Religionspädagogik": "Es sollen sich Dialogforen bilden für gemeinsame religiöse Fragen der Menschen hier und zum Beispiel im Senegal", erläutert Engelbert Groß mit Blick auf weltweit vorhandene Probleme wie Einsamkeit, Suche nach Identität oder Arbeitslosigkeit. Erste Schritte hierzu sei die Schaffung eines weltweiten Zusammenschlusses von Religionspädagogen auf institutioneller Ebene oder das Einladen von Christen aus anderen Kulturen in Bildungsveranstaltungen von Diözesen.
Der Tübinger Theologe Prof. Hans Küng kritisierte in der Schlussveranstaltung des Kongresses den seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder "aufgeflammten römischen Zentralismus". Aus Küngs Sicht ist die Vereinigung der christlichen Kirchen eine der großen Hoffnungen für das 21. Jahrhundert. "Das geht nicht ohne Machtverzicht Roms." Auf Ortsebene forderte Küng in Hinblick auf eine Vereinigung der Kirchen die Abschaffung der Exkommunikation. Dies müsse von den Christen erkämpft werden, damit den Kirchen nach 500 Jahren eine Vereinigung gelinge, die auf politischer Ebene in Europa innerhalb von 100 Jahren inzwischen gelungen sei. Außerdem hob Küng die Rolle der Religionen als Faktor in der Weltpolitik hervor: "Die Konflikte gehen bis in die Familien hinein", stellte der Theologe fest und äußerte die Hoffnung, die Religionen mögen nicht nur Bremser des Friedens sein wie auf dem Balken, in Nordirland oder auf Sri Lanka, sondern "sein Geburtshelfer". Von Wirtschaft und Politik forderte Küng verantwortungsvolles Handeln: "Sie müssen sich an ethische Standards halten und nicht nur ihre Macht zu vergrößern suchen." Unterstützen könne dies ein kulturübergreifendes Weltethos im Sinne ethischer Mindeststandards, das den Menschen eine Orientierung geben könne.
In rund 75 Vorträgen und Workshops konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Religionspädagogischen Kongresses Anregungen für die Zukunft des Religionsunterrichts holen. So konnte man sich über die religiöse Erziehung im Südpazifik ebenso informieren wie über das religiöse Leben in den bolivianischen Anden, in China oder in Chicago. Mancher Teilnehmer litt sichtlich unter der Qual der Wahl des umfangreichen Angebots. Eine große Verkaufsausstellung von Materialien und Medien am Schlusstag rundete den Kongress ab. Zu den kulturellen Highlights zählten Abendkonzerte der Tanzgruppen "Mosoj p'unchay" aus Bolivien und "Kalai Kaviri" aus Indien.

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