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Mit blauem Licht dem Mundhöhlen-Tumor auf der Fährte

20.10.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena. (20.10.98) Ein neues, verblüffend einfaches Verfahren haben Jenaer Ärzte und Physiker bis zur klinischen Reife entwickelt, um Krebsgeschwülste der Mundhöhle frühzeitig zu entdecken. Die bösartigen Tumorzellen verraten sich dabei durch ihren veränderten Stoffwechsel: Nachdem der Patient den Mund mit einer Speziallösung gespült hat, bringen die Ärzte den Tumor mit blauem Laserlicht buchstäblich zum Leuchten.


Unter blauem Licht (Bild rechts) leuchtet der Tumor rot; links die Mundhöhle desselben Patienten unter Weißlicht. Klinische Studien in der Jenaer Uniklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie haben für das neue Verfahren eine über 90prozentige Sicherheit in der Krebsdiagnostik ergeben. Vor allem für die Früherkennung misst ihm Prof. Dr. Dr. Witold Zenk eine hohe Bedeutung bei. "Möglicherweise wird es schon bald eine Standardmethode sein, die jede Zahnarztpraxis durchführen kann", schätzt er.

Krebs in der Mundhöhle ist in Europa und besonders in Asien auf dem Vormarsch. Raucher mit einer Vorliebe für hochprozentigen Schnaps sind besonders gefährdet. Fast 10.000 Neuerkrankungen in Mundhöhle und Rachen weist die Statistik des Berliner Robert-Koch-Instituts allein für Deutschland aus. Das besonders Heimtückische an diesen Tu-morformen: Sie verursachen über lange Zeit keinerlei Be-schwerden und werden deshalb meistens erst spät entdeckt. - Bei vielen zu spät: Nicht einmal jeder zweite Patient überlebt die ersten fünf Jahre nach der Diagnose.

Bereits seit Mitte der 70er Jahre weiß man, dass Tumorzellen fluoreszieren können, wenn man sie mit speziellen sensibilisierenden Substanzen behandelt. Erste Versuche brachten aber eine hohe Fehlerquote und hatten für den Patienten den Nachteil, dass sie eine starke Lichtempfindlichkeit wochenlang in ein abgedunkeltes Krankenzimmer bannte. Die Jenaer Wissenschaftler entschieden sich daher früh für einen körpereigenen Sensibilisator, der binnen weniger Stunden leicht und völlig nebenwirkungsfrei wieder abgebaut wird: Aminolävulinsäure (ALA), mit der die Patienten eine Viertelstunde lang den Mund spülen müssen, sorgt dafür, dass sich Protoporphyrin IX, ein natürliches Vorprodukt des Blutfarbstoffs Hämoglobin, in erkrankten Körperzellen anreichert. Dadurch entsteht eine Fluoreszenz, die unter speziell gefilterten Lichtquellen sogar mit bloßem Auge zu sehen ist.

"Wir haben mit Hilfe der Laserspektroskopie die Porphyrin-Entstehung in Tumorzellen zunächst grundsätzlich untersucht und dann die Ergebnisse gemeinsam mit unseren Kollegen aus der Medizin in die Praxis umgesetzt", erläutert Physiker Dr. Wieland Dietel vom Jenaer Uni-Institut für Optik und Quantenelektronik. Die Methode funktioniert am besten, wenn man blau-violettes Licht mit 380-440 Nanometern zur Anregung benutzt. "Für die Krebsdiagnostik in der Mundhöhle braucht man noch nicht einmal einen Laser, sondern kann mit relativ preiswerten gefilterten Blaulichtquellen arbeiten", so Dietel.

Gewundert haben sich die Jenaer Forscher anfangs über häufige Fehldiagnosen bei Patienten mit schlechter Mundhygiene. Inzwischen haben sie dank der Hilfe des Jenaer Mikrobiologen Prof. Dr. Wolfgang Pfister herausgefunden, dass dafür Mundbakterien wie Staphylococcus aureus oder Prevotella oralis verantwortlich sind. Diese Erreger siedeln nicht nur an Zahnhälsen, sondern auch im abgestorbenen Zentrum eines Krebsgeschwürs. Die einfache Lösung des Problems: Bevor der Patient zur ALA-Spülung greifen darf, muss er den Mund mit einem - in der Zahnheilkunde üblichen - desinfizierenden Mittel reinigen. Das Ergebnis: Die Fehlerquote sank rapide, und Tumore werden nun noch viel trennschärfer sichtbar.

Selbst kleine Geschwü-re und Vorstadien, sogenannte in-situ-Tumore, offenbaren sich dem Auge der Mediziner. Prof. Witold Zenk und sein Team wenden deshalb die neue Fluoreszenz-Methode nicht nur in der Diagnostik an, sondern auch, um vor der Operation den Tumor genau zu markieren. Zenks Mitarbeiter Dr. Peter Schleier: "Wir sehen dann deutlich, wie weit der Krebs das gesunde Gewebe infiltriert hat."

Das gleiche Prinzip haben sich auch die Jenaer Neurochirurgen zunutze gemacht. Wenn sie Patienten mit Gehirntumoren vor der Operation eine konzentrierte ALA-Lösung trinken lassen, können sie unter dem blauem Licht ihres Operationsmikroskops die Krebsgeschwulst mit dem Skalpell erheblich präziser entfernen und gesundes Gewebe schonen.

Indes arbeiten die Jenaer Wissenschaftler an dem nächsten Schritt von der Fluoreszenzdiagnose zur photodynamischen Therapie. Mit dieser Methode, die derzeit klinisch erprobt wird, will Zenk in naher Zukunft jene Patienten behandeln, denen mit einer ,klassischen' Operation nicht mehr zu helfen ist.


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dr. Witold Zenk
Klinik für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie
Tel. 03641/933516, Fax: 933179

Dr. Wieland Dietel
Institut für Optik und Quantenelektronik
Tel.: 03641/947236, Fax: 947202
e-mail: dietel@ioq.physik.uni-jena.de

Literatur: Mund Kiefer GesichtsChir (1999) 3:205-209

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de
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