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Die Angst des Schiris beim Elfmeter

26.10.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jenaer Sportwissenschaftler untersuchten Stress bei Fußball-Referees

Jena. (26.10.99) Die Angst des Torwarts beim Elfmeter ist schon literarisch, die des Schiedsrichters hingegen weitgehend unbekannt. Sportwissenschaftler der Universität Jena haben in einer umfangreichen Studie die Beanspruchung von männlichen und weiblichen Fußball-Referees in verschiedenen Spielklassen un-tersucht und die Ergebnisse jetzt in einem Buch veröffentlicht. In einem vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISP) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) geförderten Projekt befragten sie 286 Referees über Stressfaktoren im Alltag, vor, während und nach dem Spiel.

Angst hat der ,Schwarze Mann' demnach davor, die Kontrolle über das Spiel zu verlieren, durch eine ,Schwalbe' zum Elfmeterpfiff verleitet zu werden und grobe Tätlichkeiten oder eine Grätsche von hinten zu übersehen. Schiedsrichter der ersten oder zweiten Liga, die ohnehin unter einer stärkeren Anspannung stehen als ihre Kollegen aus Kreis- oder Bezirksliga, bewerten diese vier Situationen als besonders belastend.

Stress bereiten Bundesliga-Schiedrichtern auch eigene Konzentrationsschwierigkeiten, Kooperationsprobleme mit ihren Assistenten an der Linie und Verletzungen von Spielern nach groben Fouls. Hingegen haben Kreis- und Bezirksliga-Referees mehr Stress mit ,meckernden' Spielern, reklamierenden Trainern oder wütenden Zuschauern. "In den oberen Spielklassen bringen Schiedsrichter während des Spiels eine größere Distanz gegenüber persönlicher Kritik auf", erläutert Dieter Teipel.

Nach dem Spiel allerdings ist ihnen eine Negativbewertung in der Öffentlichkeit ebenso unangenehm wie eine schlechte Note vom Schiedsrichterbeobachter. "Darin spiegelt sich die Angst vorm Fernsehen beim Elfmeterpfiff wider", so Teipel, "sie ist eher noch größer geworden, nachdem Sportgerichte vor einigen Jahren aufgrund von Fernsehaufzeichnungen Tatsachenentscheidungen des Schiris revidiert haben." Indes verursacht es weder bei Unparteiischen in hohen noch in niedrigen Ligen erhöhte Anspannung, einen berechtigten Strafstoß oder einen Platzverweis zu verhängen.

"Viele Schiedsrichter pfeifen in den ersten zehn Minuten besonders laut und energisch, um sich Respekt bei den Spielern zu verschaffen", verrät Sportwissenschaftler Dieter Teipel eine der klassischen Bewältigungsstrategien. Zu weiteren Verhaltenstechniken gehört es, in strittigen Situationen das Spiel zu unterbrechen und sich mit den Schiedsrichterassistenten kurz zu besprechen oder auf die Reaktionen der Spieler zu achten.

Wie nicht anders zu erwarten, bereiten sich die Unparteiischen in hohen Spielklassen intensiver auf ihre Tätigkeit auf dem grünen Rasen vor. Sie achten mehr auf eine gesunde Lebensführung, reisen frühzeitiger zum Spiel an und absolvieren ein umfangreicheres Aufwärmtraining. Ist diese Vorbereitungsphase etwa durch familiäre Probleme im Alltag oder durch eine verspätete Anreise gestört, entsteht eine weitaus stärkere Stressbelastung als bei Kollegen aus niedrigeren Ligen unter vergleichbaren Bedingungen.

Nach dem Spiel ist bei Bundesliga-Schiedsrichtern routinierte Vorsicht oberstes Gebot: Sie bleiben einige Zeit länger in der Kabine, um Abstand zum Spielgeschehen zu gewinnen und Zuschauerbeleidigungen zu entgehen; auch geben sie Sportjournalisten eher abwägende und zurückhaltende Auskünfte zu umstrittenen Situationen.

Dennoch sind Fehlentscheidungen auf dem Platz niemals vollends auszuschließen. Die Jenaer Sportwissenschaftler haben Vorschläge entwickelt, wie das traditionelle Gespann aus einem Schiedsrichter und zwei Assistenten optimiert werden kann. So meinen sie, dass zum Beispiel ein System mit zwei Schiedsrichtern - wie im Hallenhandball - und zwei Assistenten durch-aus effektiv und sinnvoll sein kann. Eine Pilotstudie dazu findet bereits in diesem Jahr in der italienischen Profi-Liga statt. Auch ein mit Überwachungskameras und Monitoren ausgestatteter Oberschiedsrichter könnte das traditionelle Referee-Trio auf dem Feld unterstützen.

Viel naheliegender ist jedoch eine Optimierung des bestehenden Systems. So sehen die Jenaer Sportwissenschaftler Verbesserungsmöglichkeiten im Schiedsrichter-Training und in einer angemesseneren Aufwandsentschädigung. Außerdem empfehlen sie eine frühzeitige Talentsichtung und -förderung und raten dazu, junge Nachwuchskräfte durch erfahrene ,Paten'-Referees an den Spielbetrieb in den höheren Ligen behutsam heranzuführen. Für Gesprächsstoff ist also auch im Hinblick auf die Unparteiischen gesorgt, wenn vom 17. bis 19. November in Jena die 15. Jahrestagung der Kommission Fußball der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) sich mit dem Thema "Nachwuchsförderung im Fußball" befasst.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Dieter Teipel
Tel./Fax: 03641/945691
e-mail: s6tedi@rz-uni-jena.de

Literatur: Dieter Teipel/Reinhild Kemper/Dirk Heinemann, Beanspruchung von Schiedsrichtern und Schiedsrichterinnen im Fußball. Köln 1999. 327 S. ISBN 3-89001-328-7.


Friedrich-Schiller-Universität
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