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Laudatio zum 70. Geburtstag von Professor Dr. Dieter Oberndörfer

28.10.1999 - (idw) Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

29.10.1999

Laudatio zum 70. Geburtstag von Dieter Oberndörfer

Am 5. November feiert der Freiburger Politikwissenschaftler Dieter Oberndörfer seinen 70. Geburtstag. Dieter Oberndörfer gehört einer Generation an, die das Fach - anknüpfend an die Weichenstellungen der Gründerväter Arnold Bergstraesser, Eric Voegelin und Theodor Eschenburg -- in der Bundesrepublik etablierte.

Nach dem Abitur 1949 studiert Oberndörfer zunächst in München Theologie, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Nach einem einjährigen Aufenthalt am Davidson College in North Carolina setzt Oberndörfer 1951 sein Studium in Erlangen fort. Dort begegnet er seinem akademischen Lehrer Arnold Bergstraesser, einem aus den USA heimgekehrten Emigranten. Unter seinem Einfluß neigen sich Oberndörfers wissenschaftliche Interessen nun immer mehr den Sozialwissenschaften zu. Die prägenden Erfahrungen des Amerikaaufenthaltes wirken dabei nach. Sowohl die Dissertation (1955) als auch die Habilitationsschrift (1959) befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der amerikanischen Politik und Gesellschaft. 1955 folgt Oberndörfer seinem Lehrer Bergstraesser in den Breisgau an die Freiburger Albert-Ludwigs-Universität. Nach einer zwischenzeitlichen Tätigkeit bei der renommierten Rand Corporation in Los Angeles nimmt Oberndörfer 1963 einen Ruf an die Universität Freiburg an. Weitere Rufe lehnt er ab.

Dieter Oberndörfers wissenschaftliches Werk besticht durch seine ungewöhnliche Themenvielfalt. Es umfaßt weit über 200 Schriften, darunter zahlreiche Monographien. Versucht man angesichts dieser Fülle Schwerpunkte auszumachen, so lassen sich die vier folgenden herauskristallisieren: die politische Theorie und Ideengeschichte, die Entwicklungsländerforschung, die Wahlforschung und zuletzt seine Arbeiten zum deutschen Nationalstaatsverständnis.

Von Bergstraesser übernimmt er die Methode der Synopse. Damit vermag Oberndörfer am universalen Humboldtschen Bildungsideal festzuhalten, wie es ihm die alte deutsche Universität mit auf den Weg gegeben hat. Oberndörfers großes, durch eine humanistische Schulbildung bereits früh angelegtes Interesse an staatsphilosophischen und ideengeschichtlichen Themen findet seinen sichtbarsten Niederschlag in dem zweibändigen, zusammen mit Arnold Bergstraesser (1962) und Wolfgang Jäger (1971) herausgegebenen Werk "Klassiker der Staatsphilosphie". Diese, durch eine sorgfältige Auswahl von Quellentexten ergänzte Einführung in die politische Ideengeschichte, deren erster Band derzeit völlig neu überarbeitet wird, dient noch heute den Studierenden der Politikwissenschaft als Standardlektüre bei der Examensvorbereitung.

Dieter Oberndörfer war stets ein streitbarer Wissenschaftler. So entzog er sich denn auch nicht den großen Debatten des Fachs. Im Streit zwischen "Traditionalisten" und "Szientisten" hielt er an einer normativ, synoptisch und praktisch verstandenen Politikwissenschaft im Sinne Bergstraessers fest. Ein quantitativ verkürztes Wissenschaftsverständnis lehnte er ab. Ebenso entschlossen verwarf er mystisch-monistische, in der Tradition Rousseaus stehende radikaldemokratische und plebiszitäre Demokratietheorien, die sich im Zuge neomarxistisch inspirierter Gesellschaftskritik in den späten 60er und in den 70er Jahren großen Zulaufs erfreuten. Oberndörfers Credo blieben Demokratievorstellungen, die der Pluralismustheorie Dahls und Fraenkels verbunden waren.

Im Bereich der Dritte-Welt-Forschung profilierte sich Dieter Oberndörfer als erklärter Gegner der in den 70er Jahren modischen Dependenztheorien. Oberndörfer im Umkehrschluß jedoch als Modernisierungstheoretiker zu etikettieren, wäre falsch, zumal er deren naiven Eurozentrismus früh erkannte. Zur Entwicklungsländerforschung war Oberndörfer nach Bergstraessers Tod im Jahre 1964 gelangt. In einer Republik, die noch ganz dem Wiederaufbau verhaftet war und deren außenpolitischer Horizont noch kaum über das vertraute westeuropäisch-atlantische Perimeter herausreichte, hatte Bergstraesser als einer der ersten die wachsende Bedeutung der gerade unabhängig werdenden Dritten Welt erkannt. Um die damit verbundenen gewaltigen Entwicklungsprobleme wissenschaftlich ins Visier nehmen zu können, hatte Bergstraesser 1959 die Forschungsgruppe Entwicklungsländer ins Leben gerufen. Aus ihr ging 1960 ein Forschungsinstitut hervor, das 1964 zu Ehren seines Gründers in Arnold-Bergstraesser-Institut umbenannt wurde. Dieter Oberndörfer übernahm die Leitung dieses Instituts, dem er auch heute noch als einer von zwei Direktoren vorsteht. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Institut zu einer der renommiertesten Forschungseinrichtungen seiner Art in der Bundesrepublik. Grundlagenforschung und Politikberatung gehen hier eine gelungene Verbindung ein.

Ganz im Sinne von Oberndörfers praxisnahem Politikbegriff steht auch die zweijährige Tätigkeit als Leiter des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung (1974-1976). Aus dieser Zeit rührt sein lebhaftes Interesse für die Wahlforschung. Auf strikt erfahrungswissenschaftlicher Grundlage versteht es Oberndörfer hierbei wie nur wenige seiner Profession, das Wählerverhalten und seine stetigen Veränderungen durch die Einbeziehung von kulturellen, sozialen und institutionellen Aspekten in einer adäquaten Komplexität zu erfassen und auszuleuchten. Die von Oberndörfer am Seminar für wissenschaftliche Politik gegründete Arbeitsgruppe Wahlen hat zudem nicht nur zahlreiche empirisch anspruchsvolle Studien vorgelegt, sondern veröffentlicht auch regelmäßig aktuelle Analysen von Bundes- und wichtigen Landtagswahlen in überregionalen Tageszeitungen.

Oberndörfers großes Thema der vergangenen zehn Jahre sind Fragen der nationalen und kulturellen Identität sowie Arbeiten zum republikanischen Verfassungsstaat. "Die offene Republik" und "Der Wahn des Nationalen" sind eindrucksvolle Belege seines Engagements für eine weltoffene Gesellschaft und vehemente Plädoyers für den säkularen Verfassungsstaat. Oberndörfer rechnet dabei mit einem völkischen Nationalismus ab, wie er seit der Romantik in der deutschen politischen Kultur verwurzelt ist. Gemeinsam ist all diesen Arbeiten ein dynamischer, sich wandelnder Kulturbegriff. Oberndörfer ist ein erklärter Gegner jedweden Kulturessentialismus. Die Kultur wandelt sich mit ihren Bürgern. Entsprechend ist die Kultur der Nation die Kultur ihrer Bürger.

Eine Würdigung Dieter Oberndörfers bliebe unvollständig, ginge man nicht auf seine großen Leistungen als akademischer Lehrer und in der akademischen Selbstverwaltung ein. Über 400 Magisterarbeiten, 150 Dissertationen und 15 Habilitationen wurden unter seiner Anleitung verfaßt.

Dieter Oberndörfers Leben ist ein Leben für die Wissenschaft. Dazu gehört auch die Übernahme wichtiger Ämter in der akademischen Selbstverwaltung. So war er von 1969-1986 Mitglied des akademischen Senats der Universität Freiburg und als Dekan steuerte er die Philosophische Fakultät 1968/69 durch bewegte Zeiten.

Institution-building ist aus politikwissenschaftlicher Sicht eine elementare Voraussetzung für die Entstehung leistungsfähiger gesellschaftlicher Strukturen. Dieter Oberndörfer ist ein institution-builder par excellence. 1966 gründet er die Sektion "internationale Politik" der Deutschen Vereinigung für wissenschaftliche Politik, drei Jahre später zusammen mit anderen den Bund Freiheit der Wissenschaft. Ebenso maßgeblich ist er 1985 an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft beteiligt. Noch heute, mehr als drei Jahre nach seiner Emeritierung, ist er in zahlreichen wissenschaftlichen Beiräten und Organisationen als Vorsitzender oder Mitglied aktiv. So unter anderem im Rat für Migration, der Stiftung Entwicklung und Frieden, dem Interkulturellen Rat, dem Studienhaus Wiesneck, der UNESCO Kommission und der Otto-Bennecke-Stiftung.

Die Universität wünscht Dieter Oberndörfer weiterhin Schaffenskraft und ein erfülltes Leben.

Jürgen Rüland

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